Vorgeblättert

Leseprobe zu Gerbrand Bakker: Oben ist es still, Teil 3

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Vater wird allmählich immer grauer. Seit einer Woche ißt er nichts mehr und trinkt nur Wasser und Orangensaft, und von dem Saft jeden Tag weniger, weil der "so sauer" ist. Nur hin und wieder ist noch ein kleines bißchen dunkelgelber Urin in der Harnflasche. In den letzten sieben Tagen habe ich ihn nicht ein einziges Mal nach unten getragen. Aber er bekommt doch noch, was er sich gewünscht hat: einen letzten Frühling. Seit ein paar Tagen ist es sonnig und mild, und die Knospen der Esche schwellen, sie sieht jetzt aus wie ein Knochenbaum mit lauter spitzen Gelenken. Vaters Stimme wird schwächer, aber ich weiß nicht, ob das daran liegt, daß er nichts mehr ißt. Wie lange kann so etwas dauern? Wenn ein Körper zäh ist, kommt er vermutlich wochenlang ohne Nahrung aus. Ich gehe öfter als sonst in sein Zimmer, und manchmal bekomme ich einen Schreck, weil sein tiefer Schlaf so todesähnlich wirkt. Er fragt oft nach Henk. Er redet mit ihm. Gestern konnte ich der Versuchung nicht widerstehen und bin Henk nachgeschlichen.
"Wie geht's mit dem Sterben, Herr van Wonderen?" fragte Henk fröhlich.
"Sehr gut", antwortete Vater, genauso munter, aber leise.
Dann hatte Henk offenbar das Gewehr geholt, denn sie sprachen eine ganze Weile davon, wie es funktioniert. Henk fragte Vater, was er damit geschossen habe. Hasen und Fasane, vor langer Zeit. Ob der Schlag gegen die Schulter hart sei. Nö, der Rückstoß sei nicht so schlimm. Ob das Gewehr geladen sei. Nein, natürlich nicht. Wo die Kugeln ("Patronen", sagte Vater, und dann, etwas lauter, noch einmal "Patronen!") denn lägen. Im Flurschrank, neben der Toilette. Und wie wird ein Gewehr geladen? Der kleine Hebel da muß umgelegt werden, dann klappt es auf, dann schiebt man zwei Patronen ein und klappt es wieder zu. Fliegen beide Patronen gleichzeitig raus? Nein, man hat zwei Schüsse, und die Patronen bleiben drin. Was passiert denn mit denen? Die muß man nach dem Abfeuern selbst rausziehen. Oder rausschütteln. Das Gewehr wurde wieder an seinen Platz an der Standuhr gestellt, ich hörte Metall auf Holz klopfen. Anschließend war es einen Moment still.
"Bist du nett zu Helmer?" fragte Vater dann.
"Ja", sagte Henk.
"Und ist er nett zu dir?"
"Geht so", antwortete Henk.
Vater sagte nichts. Er seufzte, sehr tief. Ich schlich die Treppe hinunter.
Zu mir sagt er wenig. Er fragt, wie viele Lämmer schon da sind oder warum keiner mehr zu uns kommt. Wo Ada geblieben ist und warum er die Stimme des Viehhändlers nie mehr hört. Teun und Ronald? Vielleicht leidet sein Gedächtnis jetzt wirklich, durch den Nährstoffmangel.

Ich habe Riets Brief nicht beantwortet und sie nicht angerufen. Henk hat auf seinen Brief auch nicht reagiert. "Was denkt sie sich denn?" sagt er. "Soll sie doch zu meinen Schwestern gehen."

Ich bahne mir einen Weg durch das Gerümpel in Henks Zimmer. Bevor ich die Tür des Einbauschranks öffnen kann, muß ich erst einiges zur Seite räumen. Der Karton steht auf dem untersten Brett. "Niederländische Sprach- und Literaturwissenschaft, Universität Amsterdam, September 1966 - April 1967" habe ich sorgfältig auf eine der oberen Klappen geschrieben. Daran kann ich mich gar nicht erinnern; Henk war ja erst ein paar Tage vorher beerdigt worden, und mir steht nur noch dunkel vor Augen, wie ich mit verbissener Entschlossenheit all meinen Studienkram weggepackt hatte. Ich stelle den Karton auf Mutters Frisiertisch und mache mich auf die Suche nach der Literaturgeschichte von Lodewick, H. J. M. F. Den ersten Band ("Von den Anfängen bis zur Zeit um 1880") lege ich zur Seite. Mit dem zweiten Band ("Von der Zeit um 1880 bis zur Gegenwart") setze ich mich auf Henks Bett. Ich höre Vater leise schnarchen, selbst das kann er nicht mehr mit voller Kraft. Weil ich nicht weiß, wo ich suchen soll, blättere ich einfach drauflos. Gorter, Leopold, Bloem, Nijhoff, Achterberg, Warren, Vroman. Ich bin ungeduldig, lese den einen oder anderen Satz, in dem ich etwas wiedererkenne oder bald wiedererkennen werde (die Welt, sie steht unter Wasser / es ist lauwarmes Wasser und Blut / ich bin ein Mann ohne Vater / und mir ist ganz ratlos zumut), blättere nervös weiter, merke, daß ich mir Gesichter aus den Amsterdam-Monaten ins Gedächtnis zurückzurufen versuche, höre gleichzeitig auch noch die Bläßhühner kläffen und finde schließlich, auf Seite 531, ein Gedicht, das ich vom ersten bis zum letzten Wort lese.

Verlangen & Suchen

Warum nur sehe ich immer
- sobald ich die Augen schließe
im Bett oder in Gedanken -
dein Haar, deine Nase, deine Brust?
Manchmal sehe ich mich
im Spiegel, in einer Scheibe,
wenn ich dich gesehen habe:
meinen eignen halben Leib.
Obwohl du jung bist, und schön,
bin ich dir, glaube ich, ähnlich,
Nase und Brust und Haare
sind deinen vollkommen gleich.

Ich sehe den Namen des Dichters, lese aber nicht, was Lodewick über ihn zu sagen hat oder wie er das Gedicht beurteilt. Das tut alles nichts zur Sache. Ich schlage das Buch zu und lege den ersten Band in den Karton zurück.
Ich denke an Dänemark, als ich mit dem zweiten Band in der Hand die Treppe hinuntergehe.

Henk sitzt auf dem Sofa und sieht fern. Er sitzt nicht, er hängt auf dem Sofa, die Fernbedienung locker in einer Hand. Sein Hemd ist nicht zugeknöpft. Man könnte meinen, er hätte den Laden hier übernommen.
"Hast du schon nach den Schafen geschaut?"
"Nein."
"Warum nicht?"
"Ich seh fern."
"Es ist zwei Uhr."
"Ja und? Es ist Krieg. Sieh mal."
Ich starre auf den Bildschirm. Gebäude, hier und da eine Palme. Irgendwo eine Explosion. Leere Straßen. Am unteren Bildrand Texte. Ist das heutzutage so? Ein Krieg live im Fernsehen, und Jungs wie er lümmeln auf dem Sofa und schauen zu? "Glaubst du, die Schafe kümmert das?"
"Jetzt setz dich doch einen Moment hier hin."
Ich schaue ihn so lange an, bis er den Blick hebt. "Geh zu den Schafen", sage ich. Ich drehe mich um, gehe in die Küche und setze mich an den Schreibtisch. Ich schlage Seite 531 auf, nehme einen Schreibblock und einen Kuli und fange an, das Gedicht abzuschreiben. Als ich damit fertig bin und das Blatt abgerissen habe, frage ich mich, was ich da eigentlich mache. Ich stehe auf, das Blatt in der Hand, und weiß nicht, wohin. Ich schaue aus dem Vorderfenster, aus dem Seitenfenster, ich schaue nach dem Geschirr neben der Spüle, nach der Zeitung auf dem Tisch, ich höre die elektrische Uhr summen. Weil ich die Uhr summen höre, höre ich auch, daß der Fernseher aus ist. Hier stehe ich mit einem sauber abgeschriebenen Gedicht in der Hand und habe keine Ahnung, was ich damit soll. Ich gehe schnell durch den Flur zur Spülküche. Dann haste ich die Treppe hinauf, immer zwei, drei Stufen auf einmal. Oben verschnaufe ich kurz. Vorsichtig öffne ich Vaters Tür. Er schläft. Sein kleiner Kopf liegt still auf dem Kissen, die Ohren und die Nase wirken sehr groß, der Unterkiefer hängt etwas herunter. Er kommt mir irgendwie ausgetrocknet vor. Wieder weiß ich nicht, was ich im nächsten Augenblick tun werde. Mein Blick schweift durchs Zimmer, ich gehe zum Bett. Ich lege ihm das sauber abgeschriebene Gedicht auf die Brust. Ruhig hebt und senkt sich das Blatt.
Draußen schwirrt etwas. Schwirrt, landet und faltet ruckend die Flügel zusammen, ein Bauer im schwarzen Sonntagsstaat, der sich vergeblich die großen Hände sauberzuwischen versucht. Sie ist zurückgekehrt. Ich schnalze leise mit der Zunge. Ich habe das Gefühl, sie wäre besser weggeblieben.

Teil 4