Vorgeblättert

Lajos Parti Nagy: Meines Helden Platz. Teil 2

03.02.2005.
Sie war ein zu Übergewicht neigendes Geschöpf, noch gut in Schuß, sie zuckte leicht mit dem Kopf, wie sie es alle taten. Sie sah mich kaum an, starrte vielmehr auf mein nacktes Knie. Unter der bröckeligen Puderschicht schien sich eher ein überquellender Schöngeist als eine ehrgeizige Führungskader-Gattin zu verbergen. Zwar hatte sie ein mit Einmachgummi zusammengehaltenes Bündel Zehntausender dabei, war aber kaum überrascht, als ich kein Geld für die Gefälligkeit annahm.

Okeydokey, aber dann solle ich wenigstens ein paar Cognackirschen nehmen, sagte sie und bot mir die Tasche ihres goldfarbenen Hauskleids dar. Aus meiner heißen Tasche, gurrte sie mit mädchenhaftem Lächeln.

Sehr freundlich, sagte ich, aber ich möchte nicht.

Um so mehr sänkjuverimatsch, sagte sie und winkte den kleinen Neffen, die mein abgetakeltes Mikrowellengerät auf den Servierwagen bugsierten und quietschend im Flurnebel davonschoben. Ich hörte noch, wie sie jemanden am Handy anrief, okey Jokey, dann war nichts mehr, außer jenem sonderbaren Duft, dem Flattern und der zugigen Stille.

Da stand ich nun im leeren Flur, benommen, alleine, als wäre ich gerade aus einem Traum erwacht. Ich schloß mich ein, legte mich hin, aber ob ich schlief, weiß ich nicht mehr. Bis zum Morgen stand ich jedenfalls zweimal auf und ging in die Küche, doch beide Male fand ich nur ein verwaistes Viereck im Regal mit den blassen Kreisen, die die Gummifüße des Geräts hinterlassen hatten.

*

Obwohl ich, was die Vorgeschichte anbelangt, im allgemeinen etwas in Verlegenheit bin, gehört es wahrscheinlich hierher, daß ich einige Wochen später von einem merkwürdigen Schmerz aus dem Nachmittagsschlaf gerissen wurde. Die alte Wunde an der Schulter schmerzte, jenes weizenkorngroße Loch, das ein Schwan vor mittlerweile fast zehn Jahren hineingebissen hatte. Es stach und pochte, als wäre es frisch, und im Badezimmerspiegel konnte ich sehen, daß es auch einen Tropfen kalten Blutes aus sich herausgeschwitzt hatte. Ich werde es im Traum gekratzt haben, dachte ich, und bis zum Abend vergaß ich die Angelegenheit vollkommen, trotzdem, das war der Moment, als ich das erste Mal dieses unbequeme Gefühl hatte, daß das noch nicht alles gewesen ist, daß es irgendwo noch unverknüpfte Fäden gibt - eine Ahnung, die seitdem zu mir gehört wie eine zweite Haut. Es ist dasselbe Gefühl, das man hat, wenn man etwas Seltsames im Computer findet, Spuren eines geheimnisvollen Manövers, das man selbst nicht durchgeführt hat. Es kann zwar keiner dringewesen sein, trotzdem: Es war jemand da.

Außerdem vernahm ich damals das erste Mal diesen durchdringenden Domestos-Geruch.

Doch abgesehen davon sah ich sie lange Zeit nur auf der Straße und auch dort meist in geschlossener Formation. Im Gegensatz zu unserem Hausmeister führte ich keine Statistik, aber ich kann mit Sicherheit behaupten: Sie wurden von Tag zu Tag mehr. Zumindest schien ihre Gruppenausdehnung größer zu werden, wenn man so will, ihre Rassenkörper- Rohmasse, und sie liebten es ausgesprochen, in Gruppen aufzutreten.

Ihre Zunahme, die Tatsache, daß auch jeder einzelne unter ihnen dicker und größer wurde, konnte ich sogar im Vorbeigehen, aus dem Augenwinkel erkennen. Diese angespannte, wenngleich periphere Art der Aufmerksamkeit griff in der Stadt immer mehr um sich, auch mir wurde sie zur Routine, denn es empfahl sich nicht, sie frontal anzuschauen oder gar zu fotografieren. Wirklich nicht, ich kannte mehrere Fotoreporter, die nur noch ein Auge hatten.

Ohne Zweifel platzten sie auch in der Freizeit schier vor Energie. Wenn sie es überdrüssig waren, sich gegenseitig bis auf den blutigen Skalp zu deckeln, zertrümmerten sie, quasi als Beweis ihres Raumanspruchs, das eine oder andere Schaufenster oder brachen einen Ostwagen auf. Der Hausmeister erzählte, er sei Zeuge gewesen, wie sie einmal einen zum Glück leeren Kinderwagen auseinanderpickten, als wäre er eine liegengelassene Mohnschnecke.

Und wenn sie den Dienst antraten, sich aufplusterten und geordnete Formationen annahmen, wechselte man besser die Straßenseite. Anfangs hatten sie, so sind zumindest meine Erfahrungen, simple Passanten höchstens ein wenig geneckt, aber auf Zigeuner, Neger, Juden hatten sie es entschieden abgesehen. Ich könnte es auch so sagen: auf die, die historisch bedingt mehr Angst vor ihnen hatten.

Hören konnte man natürlich allerlei, in manchen Gegenden sollen blutige Schlägereien an der Tagesordnung gewesen sein, in Ujpest haben sie angeblich einen Geflügelladen und in Ferencvaros eine Ziervogelhandlung verwüstet, und es wurden auch regelrechte Horrorgeschichten geflüstert über sogenannte "Zigeunerbraten-Klubs" und "Tote-Oma-Partys". Zwar neigt Gerede zu Übertreibung, und Konfabulieren ist ein elementares Interesse der Medien, aber ich habe selbst gesehen, wie sie einmal am Kossuth-Denkmal eine alte Frau packten und auf die Schulter dieses rechtschaffenen Staatsmannes setzten. Da saß sie mit ihrer Windjacke, eine Gymnasiallehrerin, kreischend, bis zum Ellbogen in ihrem Wecken Brot versunken. Zum Glück war gerade Sitzungsperiode, und die Polizisten entfernten sie sehr schnell.

Die Rivalität zu den Möwen war allgemein bekannt, es kam regelmäßig zu Zusammenstößen, oft vor Publikum, und einmal war ich Zeuge, wie sie einen armen, wirren Liedsänger, der schrill und unmißverständlich die Möwen anfeuerte, kirrend umzingelten und in die Donau hineintrieben. Der Fachausdruck dafür ist: Wasserspiele, die haben hierzulande eine schöne Tradition. Die alte Frau wurde später verurteilt, der Sänger kam mit dem Ertrinken davon.

Ich glaube, das war alles, was ich von den damaligen Randalen mit eigenen Augen sah, und soviel kann jeder sehen. Die Welt ist ein häßlicher Ort, und in Osteuropa ist eine Metropole an der Jahrtausendwende eine so zusammengewürfelte graue Masse, rauh und ungeduldig, sie wird von Wahnsinnigen, Fanatikern und Engeln bewohnt, wie wir es alle sind.

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In einer Großstadt stellt sich auch die Frage, wer warum welchen Platz in der Nahrungskette einnimmt. In einer der letzten Ausgaben der Paloma gaben mehrere Teenager zu, auf Partys und bei anderen geselligen Zusammenkünften schon einmal einen Menschen oder ein anderes Säugetier gegessen zu haben.

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Als ich eben über meine Nachbarn sprach, sagte ich nicht die volle Wahrheit, das heißt, ich sagte über mich selbst nicht die volle Wahrheit, denn vergebens hatte ich versucht, es zu verheimlichen, mich dafür zu schämen, ich interessierte mich vom ersten Moment an leidenschaftlich, ja mit fast schon perverser Intensität für sie, nicht zuletzt in sprachlicher, also schriftstellerischer Hinsicht.

So intensiv das Interesse des Schriftstellers ist, so grausam und heuchlerisch ist es auch. Grausam, denn es verbraucht im brutalsten Sinne des Wortes sein Thema; wenn er es liebt, dann tut er das nur im Verhältnis seines Nutzens. So gehören Neugierde, oder nennen wir es: Ausspähen und Liebe zusammen. Und heuchlerisch ist das Interesse des Schriftstellers, weil es von geheimnisvollen Zielen geleitet, die ich vielleicht gar nicht Ziele, eher Gründe nennen sollte, Gründe im babylonischen Stundenhotel der Seele, gar nicht das Thema selbst nutzt, sondern irgendein zwielichtig und subjektiv umgemodeltes Zerrbild dessen.

An dieser Stelle sei nur soviel gesagt, daß ich mich von Anfang an von ihrer furchterregenden und lächerlichen Art angezogen fühlte, vom steingrauen Pomp und der Armseligkeit, der schier grenzenlosen Selbstsicherheit, die sie, als ihr innerstes Triebwerk, mit jeder Art von Tand, jeder Art von Abfall anzuheizen bereit waren; und ich fühlte mich angezogen vom Geheimnisvollen, jener heißen Zusammengehörigkeit, aus der sie Kraft schöpften und die sie unverschämt und unverhohlen ausstrahlten.

Jetzt erst sehe ich, wie gut eine damalige Notiz, die ich, von einer libidinösen Furcht geleitet, verfaßt habe, zum Thema paßt; wonach die Maus, die sich selbst von vornherein Angst vor der Katze macht, nicht nur für das Unabwendbare trainiert, sondern mit wachsendem Ekel und Neugier das Adrenalin erhöht und damit das eigene Fleisch süßer macht, woran sie, als eine Art seelischer Kannibale, auch noch ihre Freude hat, wovon sie dann endgültig von Ekel erfaßt wird, was natürlich noch mehr Adrenalin und noch mehr Süße nach sich zieht und so weiter. So spielen sie miteinander bis zum Wahnsinn, zur Ohnmacht, jeder seine eigene mausgroße Katze und katzengroße Maus...

Ich bin schon ein merkwürdiger Zeitgenosse, glaube ich. Als Schriftsteller interessiert mich alles, was deformiert und verdorben ist, alles, wovor es mir mit meinen "zivilen" Reflexen graut oder was ich auch nur mit Vorsicht zu genießen wage; aber es interessiert mich nicht in erster Linie, weil ich es etwa wild und leidenschaftlich verstehen wollte, o nein, man hat genug Arbeit, sich selbst zu beobachten und bis zu einem gewissen Grad zu verstehen, es geht vielmehr darum, mit diesem überschäumenden Interesse die Schlucht aufzufüllen, die naßkalte Schlucht der eigenen Angst, die sich zwischen mir und einem anderen Lebewesen auftut, sie aufzufüllen, mehr noch, einen Wall aus anbiederndem Plunder und leutseligen Loyalitäten zu errichten, und all dies nur deswegen, weil ich mich unversöhnbar fürchte, nicht zuletzt davor, daß mich gerade diese nackte Angst aggressiv machen könnte, so daß ich im Endeffekt eine leichte Beute oder ein Dummy für jeden Gegner wäre, aber das führt zu weit, es hat auch jenen zu weit geführt, über den ich hier eigentlich schreibe.

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Mein Leben war von Erschrockenheit und Unverständnis beherrscht, Tag für Tag mehr, aber ich befand mich im Schnittpunkt von Anziehung und Abstoßung, um einer langen Erklärung mit einem schwachen Allgemeinplatz zuvorzukommen. Verständlich, daß all diese Gefühle und Widersprüche die schriftstellerischen Phantasmen nur noch süßer und den fast schon körperlichen Wunsch schmerzlicher machten, diese übertourige, unansprechbare Jahrtausendwende, und sei es nur in der Phantasie, zurückzulassen und mich an den Anfang des Jahrhunderts zurückzuflüchten in ein Kurbad in den Bergen wer weiß, ob es jemals im Leben dazu kommen wird.

Teil 3