Vorgeblättert

Kristof Magnusson: Zuhause. Teil 2

25.07.2005.
     Ja. So anders, dass es gar nicht auszuhalten war. Ich habe mich neben ihm nicht ausgehalten. Eine merkwürdige Frau mit einem merkwürdigen Job in einer merkwürdigen Daunenjacke aus einem merkwürdigen Land. Ich hatte das Gefühl, er wollte sein Leben durch mich ironisch brechen, weil sonst alles zu perfekt gewesen wäre."
     "Was ist daran schlimm, wenn etwas mal perfekt ist? Du wehrst dich so sehr dagegen, das ist ja ? neurotisch."
     "Wenn du nicht so scheißglücklich wärst, könntest du gar nicht so reden."
     "So ein Quatsch."
     "Wenn du verliebt bist, muss ich auch jemanden haben. Als wären wir eine verdammte Elefantenherde, wo sich alle zur gleichen Zeit paaren müssen, damit der Nachwuchs nicht das ganze Jahr über die Herde aufhält."
     Matilda wusste, dass ich für Tiermetaphern sehr empfänglich war. Ich dachte an Elefanten, deren stoisches Vegetationszertrampeln und Bäumezerrupfen sich in eine jähe Paarungsorgie verwandelte, die nach ein paar Stunden ebenso schnell vorbei war, wie sie begonnen hatte. Matilda hatte Recht. Auch mir war aufgefallen, dass sich unsere Beziehungszyklen angeglichen hatten. Nur dass sich bei uns statt Nachwuchs meist Ernüchterung einstellte.
     "Wenn dich dann wieder jemand sitzen lässt, bist du froh, dass ich auch wieder allein bin."
     "Mich lässt diesmal keiner sitzen!", sagte ich, vielleicht etwas zu triumphierend.
     "Dich lässt diesmal keiner sitzen. Herzlichen Glückwunsch! Freu dich doch. Und erklär mir, warum ich mich deswegen nicht trennen darf."
     "Wer sagt das?"
     "Du. Eben gerade."
     Es überraschte mich, dass sie Recht hatte. Eigentlich hatte ich doch Recht. Ganz abgesehen davon ärgerte es mich, dass Matilda, obwohl sie Recht hatte, nicht einfach mal ihrem Glück eine Chance geben konnte. Aber so was kann man ja nicht sagen.
     "Warum konntest du deinem Glück nicht einfach mal eine Chance geben?"
     "Das darf ich ja wohl selber entscheiden!"
     "Man weiß selber nie, was Glück ist."
     "Dann sag du es doch. Sag, was für mich Glück ist."
     "Schon gut, schon gut!", sagte ich. Dann fragte ich endlich, was ich schon die ganze Zeit fragen wollte:
     "Kann Svend trotzdem mit uns Weihnachten feiern?"
     "Er ist sofort nach Göteborg zurück."
     "Aber sein Segelboot."
     "Pff."
     "Wir wollten doch zusammen Weihnachten feiern. Nur wir vier." Das war die Idee. Nun war unsere ohnehin sehr überschaubare Familie der weihnachtlichen Wahlverwandschaften bereits am Freitag vor dem ersten Advent um eine Person geschrumpft.
     "Entschuldige, dass ich nicht in deinen Weihnachtsplan passe. Ich bin halt nicht so perfekt."
     Ich beschloss, trotz des Orkans türenschlagend das Auto zu verlassen, wenn Matilda noch einmal das Wort perfekt in den Mund nehmen sollte. Warum hasste sie es so sehr? Das war ein Wort wie jedes andere, es konnte nichts dafür, dass es um die meisten Menschen so schlecht stand.
     "Was findest du an perfekt bloß so schlimm?"
     "Perfekte Menschen sind keine Menschen."
     "Das ist so kindisch."
     "Nein, das ist erwachsen."
     "Was ist denn an Trotz erwachsen?"
     "Das ist kein Trotz, das ist Desillusionierung."
     "Ach, und das ist gut?"
     "Das ist nicht gut. Aber erwachsen."
     "Außerdem war Svend gar nicht perfekt. Er liebt dich bestimmt immer noch."
     "Kann sein."
     "Dann hast du ja geschafft, was du wolltest. Du hast es nicht ausgehalten, dass es ihm so gut ging mit dir." Du gehst zu weit, dachte ich mir. "Er hat seine Träume um dich herum gebaut, und du lässt ihn hierher ziehen, hierher segeln sogar! Dann spielst du ihm zwei Jahre lang ein Glück vor, das du überhaupt nicht in der Lage bist zu empfinden, und schickst ihn danach wieder weg, weil dir einfällt, dass du lieber desillusioniert sein willst, weil das so wunderbar erwachsen ist, und freust dich, dass du einen glücklichen Menschen traurig gemacht hast!"
     "Und du buchst plötzlich deinen Flug um, kommst einen Tag eher, nur um mir das zu sagen?"
     Matilda wusste genau, warum ich einen Tag vor Milan gekommen war. Um bei ihr zu sein. Ich freute mich auf ihre große Wohnung, in der alles so leer war und still, im achten Stock, mit Blick auf das Meer und das Laugar-Tal, den Sportplatz und das Schwimmbad mit der mächtigen Betontribüne. Ich beschloss, ihr nicht zu antworten.

"Kann ich einen Schluck?", fragte sie nach einer Weile.
     "Du hast selber."
     "Ich möchte aber einen Schluck von dir." Ich gab ihr von meinem Kaffee und wollte gerade sagen, dass es mir leid tat, dass es mit Svend nicht geklappt hatte, da sagte sie:
     "Tut mir leid, dass es mit Svend nicht geklappt hat."
     "Wollen wir uns heute Abend bei dir treffen?", fragte ich.
     "Nein, ich ?", Matilda wich meinem Blick schon wieder aus.
     "Ich war so lange nicht mehr in deiner Wohnung", sagte ich.
     "Lieber bei dir."
     Ich wollte nicht mehr streiten. Selbst wegen Weihnachten war ich ihr nicht mehr böse. Wir konnten auch zu dritt feiern. Matilda, Milan und ich.

Milan.
Milan hatte noch in Hamburg zu tun. Das Universitätskrankenhaus Eppendorf richtete eine internationale Traumatagung aus, bei der er als Assistent des Pressesprechers der psychiatrischen Klinik dabei sein musste. Er war gerade mit dem Studium fertig geworden, und dies war sein erster Job. Danach würde er nach Island kommen. Matilda kannte Milan schon aus Deutschland und mochte ihn mindestens so sehr, wie ich Svend mochte. Sie liebte es, dass er genau wie sie niemals wendete, wenn er sich mit dem Auto verfuhr, wie er 'Abruzzen' sagte, wenn er nieste, und wie er sich freuen konnte über eine einzelne Textzeile in einem Lied; sie liebte das fast so sehr, wie ich es liebte, wenn er morgens so verloren in die Welt sah, als hätte er sie noch nie zuvor gesehen.

Matilda hatte das Fenster zugedreht und machte die Musik lauter. So this is permanent, love?s shattered pride. What once was innocent, turned on it?s side. Aus den Schneeflocken auf ihrer Wange waren kleine Flecken geworden. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals einen Menschen so genau betrachtet zu haben. Das war nicht mehr die Matilda, die ich kannte, obwohl sie noch dieselbe graue Daunenjacke trug. Ich betrachtete sie so lange, bis ich erkannte, was anders geworden war. Ihr Blick erschien mir härter; wo sie früher verletzlich gewirkt hatte, wirkte sie nun verletzt. Zum ersten Mal fand ich, dass Matilda sehr nordisch aussah, und zum ersten Mal bedeutete dieses Wort für mich so etwas wie trist. Meine Matilda war auf dem Weg, eine einsame Gestalt aus einem Film von Aki Kaurismäki zu werden, ein vom vielen Kaffee blass gewordenes Orakel der Polarnacht. Sie musste hier weg.
     "Was guckst du mich so an?"
     "Nichts."
     Der Sturm jagte Schnee und Eisregen inzwischen fast waagerecht über den Parkplatz. Das Auto zitterte bei jeder Bö wie der Spinning Racer auf dem Hamburger Dom, der vibrierte, kurz bevor er anfing, sich rasend in Bewegung zu setzen. Matilda zog sich tiefer in ihre Daunenjacke zurück, deren Außenhaut bei jeder Bewegung leise knisterte.
     "Willkommen zu Hause, Larus."

Larus.
Das bin ich.


Dunkler Nachmittag
Den dunklen Nachmittag verbrachte ich in einer Videothek, um einen Film auszuleihen, den ich am Abend mit Matilda angucken wollte. Ich stellte es mir schön vor, mit einem Film zu beginnen, um uns bewusst zu machen, dass wir einen ganzen Monat Zeit hatten, um miteinander zu reden. Ein etwa achtzehnjähriger Junge stand zwischen Kartoffelchipstüten und Schokoriegeln an der Kasse. Er griff die leere Hülle des Films, den ich ausgesucht hatte, und zielte mit dem Scanner darauf, bis es piepte.
     "Deine Personenkennzahl?"
     "171175-2599."
     Er tippte die Zahlen ein und zögerte.
     "Noch mal, bitte."
     "171175-2599."
     "Wie heißt du?"
     "Larus."
     Er sah wieder auf den Monitor. Ich dachte mir nichts dabei, dachte nur daran, wie praktisch es sei, dass man hier ein Video ausleihen konnte, indem man nur seine Personenkennzahl sagen musste, die sich aus dem Geburtsdatum und einer vierstelligen Zahl zusammensetzte. Der Junge tippte mit der rechten Hand in seinen Rechner, sah auf den Bildschirm, der sich in seinen Brillengläsern unter der Schirmmütze spiegelte.
     "Larus Ludvigsson?", fragte er.
     "Ja."
     "Du bist tot."
     "Was?"
     "Du bist im Einwohnerverzeichnis als tot eingetragen."
"Aber ich bin Larus."
     "Ich kann einem Toten kein Video ausleihen."
     "Wann bin ich denn gestorben?"
     "Das steht hier nicht."
     "Ist ja auch egal. Ich bin nämlich nicht tot."
     "Das glaube ich dir gerne. Du kannst das Video natürlich trotzdem haben, dann musst du dich nur registrieren lassen. Das kostet fünftausend Kronen Pfand."
     Ich verließ die Videothek, um eine Zigarette zu rauchen. Es war nicht so wichtig mit dem Film. Irgendwann in den nächsten Tagen würde ich zum Einwohnermeldeamt gehen und mich beschweren. Vorerst beschloss ich jedoch, nicht weiter darüber nachzudenken, zumal der staatliche Alkoholladen bald schließen würde.

Teil 3