Vorgeblättert

Kenzaburo Oe: Tagame. Berlin-Tokyo. Teil 1

15.08.2005.
Einleitung

Schildkäfers Regeln
1

Kogito lag auf dem Feldbett in seiner Bibliothek und lauschte der Stimme in den Kopfhörern:
- ...Ich werde mich nun also ins Jenseits aufmachen. Es ertönte ein lauter Knall, dann war es eine Weile vollkommen still. Aber ich breche das Gespräch mit dir nicht ab, fuhr Goro fort. Ich habe ja extra das System mit dem Schildkäfer entwickelt. Doch es ist schon spät bei dir. Also, gute Nacht!
     Ohne den Sinn der Worte genau zu begreifen, spürte Kogito eine Trauer, die sich als schmerzhaftes Reißen von den Ohren bis tief hinter die Augen zog. Einen Moment lang blieb er so liegen, stellte dann den Schildkäfer ins Regal zurück und versuchte einzuschlafen. Er fiel in einen leichten Schlaf, auch dank des Erkältungsmittels, das er genommen hatte. Als er bei einem leisen Geräusch die Augen öffnete, sah er seine Frau vor sich stehen, ihren Kopf beleuchtet vom sanften Licht der Neonlampe an der Dachschräge.
     - Goro hat sich umgebracht. Eigentlich wollte ich los, ohne dich zu wecken, aber ich möchte nicht, dass sich Akari ängstigt, wenn die Leute von der Presse ständig anrufen. Mit diesen Worten teilte Chikashi ihm mit, was ihrem älteren Bruder und seinem Freund, den er seit dem siebzehnten Lebensjahr kannte, widerfahren war.
     In einer vagen Hoffnung wartete Kogito darauf, dass sich der Schildkäfer neben seinem Kopf langsam in Gang setzen würde, wie ein Handy, das ein Signal erhalten hat.
     - ...Man hat Umeko gebeten, die Leiche zu identifizieren, und ich werde sie begleiten, fuhr Chikashi fort. Sie ließ sich ihre Unruhe nicht anmerken.
     - Ich komme mit und fahre dann gleich wieder zurück und kümmere mich ums Telefon, antwortete Kogito. Er war wie gelähmt. Jetzt sofort würde wohl niemand anrufen.
     Chikashi stand stumm unter der Neonlampe und sah zu, wie Kogito aufstand und schwerfällig seine Unterwäsche, das wollene Hemd und die Kordhose vom Stuhl nahm und anzog - es war mitten im Winter. Als er den Pullover über den Kopf gezogen hatte und den Arm nach dem Schildkäfer ausstreckte, hielt sie ihn in bestimmtem Tonfall zurück:
     - Wozu willst du den Rekorder mitnehmen? Er ist doch für die Kassetten, die Goro dir geschickt hat, oder? Sonst ärgerst du dich immer über diesen Unsinn!

2

Wenn Kogito in der Bahn auf dem Weg zum Schwimmbad saß, das er regelmäßig besuchte, obwohl er schon auf die sechzig zuging, wurde ihm manchmal bewusst, dass nur er noch solch einen altmodischen Apparat benutzte. Hin und wieder entdeckte er einen Mann mittleren Alters, der einer Kassette lauschte, und entnahm dessen Lippenbewegungen, dass es sich dabei um ein Band mit englischer Konversation handelte. Doch während noch vor kurzem die Bahnen voll von jungen Leute gewesen waren, die Musik hörten, telefonierten jetzt alle mit ihren Handys oder führten, auf das Display starrend, mit dem Finger irgendwelche kleinen Operationen aus. Mit einer gewissen Nostalgie dachte Kogito zurück an das laute Schwirren aus den Kopfhörern. Jetzt aber fiel ihm sein Kassettenrekorder ein, der noch aus der Ära vor den Walkmen stammte und zusammen mit den Schwimmsachen im Rucksack steckte, und er setzte sich die Kopfhörer auf das ergraute Haupt. Er fühlte sich wie der einsame Vertreter einer früheren Generation, unzeitgemäß.
     Goro hatte diesen altmodischen Kassettenrekorder, als er noch Schauspieler war, bei Werbefilmaufnahmen von einem Elektrogerätehersteller geschenkt bekommen. Der Korpus besaß eine ganz gewöhnliche Quaderform, und auch das Design war mittelmäßig und unauffällig, die Kopfhörer aber erinnerten ihn an die Schildkäfer, die er als Kind, als er in den Wäldern lebte, im Bergbach gefangen hatte. Als er sie zum ersten Mal aufsetzte, hatte er das Gefühl, als klemme er sich einen dieser völlig nutzlosen Käfer beidseitig an den Kopf.
     Aber Goro hatte ungerührt entgegnet:
     - Das zeigt nur, dass du als Einziger nie Forellen oder Aale gefangen hast. Mein Geschenk kommt zwar etwas spät, aber es ist für dich, du armer Junge. Es soll dich trösten, Kleiner, du kannst es Schildkäfer nennen.
     Doch Goro fand das Geschenk für seinen langjährigen Freund und Schwager offenbar etwas witzlos. Und da er ein Talent für das Sammeln verschiedenster kleiner Dinge besaß - eine Gabe, die auch in seinem Filmschaffen zum Ausdruck kam - und er daraus einen Lebensstil entwickelt hatte, schenkte er ihm noch einen kleinen faszinierenden Metallkoffer mit fünfzig Kassetten. Kogito hatte den Koffer bei der Voraufführung von Goros neuem Film in Empfang genommen und auf dem Rückweg mit der Bahn eine der Kassetten, auf deren weiße Etikette bloß Nummern aufgestempelt waren, in den Schildkäfer eingelegt - er nannte das Gerät wirklich so. Vielleicht hatten beim Suchen der Buchse für den Kopfhörerstecker seine Finger unwillkürlich gezittert oder die Wiedergabe war beim Einlegen des Bandes automatisch gestartet worden, jedenfalls ertönte plötzlich zum Erstaunen der zusammengepferchten Fahrgäste aus dem Lautsprecher der schamlose Schrei einer Frau: "Aah! Meine Gebärmutter ... es zieht ... aah! Ich komme! Aah! Ich komme!" Goro hatte die fünfzig Kassetten wohl bei einem Filmteam im Studio erworben und nicht gewusst, was er damit anfangen sollte.
     Obwohl er bisher für solche Dinge keinerlei Interesse gezeigt hatte, beschäftigte sich Kogito in den folgenden fast einhundert Tagen besessen mit dem Schildkäfer. Früher einmal, als Chikashi ihrem Bruder von Kogitos anstrengenden Depressionszuständen berichtet hatte, und wie er darunter litt, hatte Goro geantwortet, man müsse ihnen etwas der Ursache entsprechendes vulgär "Menschliches" entgegensetzen. Später meinte sie zu Kogito, Goro habe ihm die Bänder zweifellos als Ausdruck dieses "Menschlichen" dazugelegt. Sie selbst wusste allerdings nicht, um was für Bänder es sich handelte ...
     Kogitos Depressionszustände waren eine Folge der schon über zehn Jahre anhaltenden persönlichen Angriffe des Starjournalisten einer großen Zeitung - die dieser natürlich im Namen der öffentlichen Gerechtigkeit führte. Solange Kogito las oder schrieb, war noch alles in Ordnung, doch wenn er nachts aufwachte oder etwas erledigen wollte und durch die Straßen lief, kam ihm der eigenartig verleumderische Stil des zweifellos begabten Mannes in den Sinn. Dieser bekannte Journalist war äußerst pedantisch und schickte ihm alle seine Bücher und Artikel, wobei er auf der Rückseite von zerschnittenem und beschmiertem Manuskriptpapier oder auf per Fax zugesandten Fahnen stets einen "Gruß" beifügte. Goro hatte nun Kogito geraten, er solle, sobald ihm einer von dessen Wortfetzen in den Sinn zu kommen drohe, egal ob im Bett oder auf der Staße, dieser ehrlichen Stimme lauschen, denn sie könne in ihrer "Menschlichkeit" dagegen halten. Es wird dich ablenken, hatte er gesagt.
     Seitdem waren fünfzehn Jahre vergangen. Kogito plante eine Auslandsreise und war auf der Suche nach Materialien, die er mitnehmen könnte. Und da stieß er auf den kleinen Koffer, der neben den vielen Büchern und Zeitungsausschnitten dieses Journalisten in einer Ecke der Bibliothek stand. Was, wenn Chikashi, falls er mit dem Flugzeug verunglückte, beim Aufräumen der Bibliothek auf die Idee käme, die Kassetten durchzusehen? Daraufhin hatte er beschlossen, die Bänder in den Trennmüll zu geben, und über Chikashi bei Goro anfragen lassen, ob er noch an dem kleinen Metallkoffer hinge.
     Das Behältnis war dann zu Goro zurückgegangen, aber zwei oder drei Jahre später, als sich Kogito in Boston aufhielt, war derselbe Koffer mit etwa dreißig Kassetten wieder bei ihm eingetroffen. Es sollten noch weitere folgen, sobald Goro sie aufgenommen hätte, die noch einmal einen Koffer füllen würden. Nichts, was Kogito sich sofort anhören müsse, hatte Goro gesagt, und Chikashi, die offensichtlich nichts vom Inhalt der Kassetten wusste, muss ihrem Bruder geantwortet haben, dass Kogito bald in das Alter käme, in dem man unausweichlich mit einer frühen Altersdepression rechnen müsse. Sie würde ihm die Kassetten dann ans Herz legen.
     Doch aus irgendeiner Vorahnung heraus hatte sich Kogito eine der Kassetten direkt angehört. Und was ihm da mit Goros Stimme aus den Kopfhörern entgegenschallte, war, so wie er vermutet hatte, mit der Absicht geschehen, von ihrer Jugend in Matsuyama - Matchama sagte Goro immer - auf Shikoku zu erzählen, als sie sich befreundet hatten, natürlich nicht genau der Reihe nach. Es war gar nicht so sehr ein Monolog, vielmehr sprach Goro wie bei einem langen Telefongespräch mit ihm, und so hörte Kogito die Aufzeichnungen vor dem Einschlafen in seinem Bett in der Bibliothek, mit aufgesetzten Kopfhörern, und alle möglichen Gedanken gingen ihm durch den Kopf.
     Wie angekündigt kamen nach einer Weile Bänder mit neuen Aufnahmen, und bald entwickelte Kogito die Gewohnheit, Goros Rede zu unterbrechen, am Ende eines Satzes anzuhalten und seine eigene Meinung zu äußern, so, als würden sie sich unterhalten. Schließlich war es, als benutze er den Schildkäfer anstelle des Telefons.
     Auch an dem Abend, bevor er erfuhr, dass sich Goro vom Dach eines Gebäudes gestürzt hatte, hörte er im Bett die mit Kurierpost neu eingetroffenen Kassetten. Er bestimmte, wann Goro weitersprach, doch er teilte ihm weniger seine eigenen Eindrücke mit, sondern antwortete vielmehr, was ihm gerade in den Sinn kam. Besonders in Erinnerung geblieben war ihm die Idee, sich einen weiteren Kassettenrekorder zu besorgen, mit dem er die eigenen Kommentare aufnehmen könnte, und dann ein drittes Band mit einem Gespräch zwischen Goro und sich zusammenzuschneiden.
     Aber kurz darauf sagte Goro nach einem Schweigen, in einem Ton, der sich klar von seiner bisherigen Art zu sprechen unterschied und in dem der Einfluss von Alkohol deutlich zu spüren war:
     - ...Ich werde mich nun also ins Jenseits aufmachen.
Und dann hörte man, typisch für Goro, der bekannt dafür war, dass er in seinen Filmen reichlich Gebrauch von Trickaufnahmen und synthetischen Toneffekten machte, diesen Knall, im Nachhinein besehen ein Knall, als wenn ein schwerer Körper von irgendwo hoch oben herunterfällt und auf Asphalt aufschlägt.
     - ...Aber ich breche das Gespräch mit dir nicht ab, fuhr Goro fort. Ich habe ja extra das System mit dem Schildkäfer entwickelt. Doch es ist schon spät bei dir. Also, gute Nacht!, ließ sich seine Stimme vernehmen.
     Kogito fragte sich manchmal, ob nicht diese Abschiedsworte, die die Durchführung einer großen Sache ankündigten, das Letzte waren, was Goro im Voraus aufgenommen hatte, während der Knall und die darauf folgenden Sätze, denen jedes Anzeichen von Trunkenheit fehlte, die erste Korrespondenz aus dem Jenseits darstellten, in dem Goro den Schildkäfer wie ein Handy benutzte. Müsste dann nicht, wenn er fortführe, die Kassetten abzuhören, mit derselben Vorrichtung Goros Stimme aus dem Jenseits zu vernehmen sein? Deshalb hatte Kogito, obwohl er seitdem jeden Abend bis zum Schlafengehen mit dem Schildkäfer verbrachte, die zuletzt eingetroffenen Kassetten, ohne sie zurückzuspulen, im Koffer gelassen.

Teil 2