Vorgeblättert

Julian Ayesta: Helena oder das Meer des Sommers, Teil 2

06.07.2004.
3
Eine Nacht


Das war alle Jahre so; es war die lustigste Nacht der Sommerfrische.
Da unser Haus noch nicht hergerichtet war, schliefen wir Kinder bei Onkel Arturo und Tante Honorina.
Ich schlief auf einem Feldbett im Zimmer von Alberto und Jose (den wir das Flaschenkind nannten, weil seine Mutter ihn, bis er acht oder noch älter war, mit einer Babyflasche in der Hand durch den Garten verfolgte und rief: "Pepin, Pepin, jetzt komm doch, dein Fläschchen wird kalt"), und im anderen Zimmer schliefen die Mädchen. 
Zwischen beiden Zimmern gab es eine Verbindungstür, die nun geschlossen war. 
Es war eine weiße, glänzende Tür, und wer weiß warum man sie gern ansah, der Türgriff war eine Kugel aus rotem Holz.
Diese Kugel befand sich genau über meinem Kopf und machte meiner Tante Honorina große Sorgen, und sie sagte:
"Ich kannte einen Herrn aus Gijon, der sich an so einem Ding das Genick gebrochen hat."
Sie kannte lauter Leute, die auf seltsame Weise gestorben waren: Hunderte, ja Tausende von Herrenausgijon und Frauenausgijon, die von Aufzügen geköpft wurden oder wie auf dem elektrischen Stuhl verendeten, weil sie von der Badewanne aus die Klingel gedrückt hatten, oder von einer Lungenentzündung dahingerafft wurden, weil sie sich nach dem Fußball nicht ihren Pullover hatten anziehen wollen.
Aber das war "schonvorlangerzeit", "einandermalerzählichsdirinruhe", und es waren Erwachsene und nicht Kindsköpfe wie du.
Jetzt aber sagte uns Tante Honorina von der Tür aus Gute Nacht.
Das Licht im Treppenhaus brannte; über die bläuliche Zimmerdecke lief Tante Honorinas Schatten, und im Gegenlicht hatte ihr Kopf eine goldene Aureole, wie bei einer Heiligen.
"So, und nun wird geschlafen", sagte sie.
Sie wollte gerade gehen, als man aus dem Bad die Spülung hörte und die Tür aufging.
Ein neues Licht kam herein und der Schatten der Tante verdoppelte sich an der Decke und war dann wieder nur einer.
Der "Taugenichts" Arturo kam trällernd den Flur entlang, und die Mädchen im Nebenzimmer begannen zu kreischen, denn sie wußten, daß Onkel Arturo mit eingeknickten Knien hereinkommen und mit hoher Zwergenstimme fisteln würde: "Nun, was habt Ihr mir zu erzählen, verehrte Edelfräulein?", um sie zu erschrecken.
"Arturo, um Gottes willen, erreg sie nicht" - wie lustig dieses ‚eRReg’ klang -, "du bist ja schlimmer als die Kleinen", sagte die Tante.
Aber zu spät; im Zimmer der Mädchen war schon ein fürchterlicher Lärm.
Tante Honorina lief mit Pfauenstimme zum Ort des Tumults und klagte, wie sie immer klagte:
"Was für ein Geschrei, was für ein Geschrei, Herr im Himmel; ich dachte schon, es sei etwas passiert. Das schlägt mir aufs Herz, ich fall noch mal tot um!"
Aber weder starb sie, noch hatte es jemand auf ihr Herz abgesehen, noch passierte je irgend etwas. Tante Honorina war einfach nur blöd.
An der Decke vermehrten sich die Schatten, überlappten einander und verschwanden.
Vom Treppenabsatz aus sagte Tante Honorina, daß ein solcher Schreck dem Herzen schadet, und begann Onkel Arturo die Geschichte der einzigen Tochter des Marques von Soundso zu erzählen, den und die Marquesa hatte sie kennengelernt, als sie nach Rom gefahren war, um den Papst zu sehen, und auf der Rückfahrt waren sie in Mailand in die Scala gegangen, und die Marqueses saßen - so ein Zufall - gleich neben ihnen, und sie kannte sie nicht, schließlich gehört man nicht zu denen, die glauben, es sei was Besonderes, den Adel zu kennen, wir brauchen keine dummen Aristokraten, sondern gute Katholiken und gute Spanier; wo war ich? Ach ja, die hatten sicher gehört, daß wir Spanisch sprachen und wandten sich uns zu und fragten: "Sind Sie Spanierinnen?", und da kamen wir gleich ins Gespräch, und es waren sehr sympathische Leute, kein bißchen eingebildet, besonders sie, sehr angenehm, na ja, und er auch, wirklich ein guter Mensch, wenn nur alle feinen Leute so wären, würde nicht all das passieren, was heutzutage passiert; ein Mann, der täglich zur Kommunion geht und reichlich Gutes tut, ohne es an die große Glocke zu hängen, nur solche Männer können Spanien retten; aber von der Sorte gibt es nur wenige, und ich glaube, was uns gerade widerfährt, ist eine Strafe Gottes; wo war ich gerade? Ach ja, die Armen hatten eine Tochter mit einem sehr schwachen Herzen, Schuld daran war ein Kindermädchen, wie ungeschickt diese Frauen doch sind; ich habe eine gekannt, die den Gashahn aufdrehte, wenn das Kind schlafen sollte, und zum Glück wurde sie eines Tages dabei erwischt, stell dir vor, was für ein Ärger, sie war nicht bösartig, nur unwissend, wie die kleinen Leute eben so sind, und das war besonders ärgerlich, weil es heute doch so schwierig ist, ein Kindermädchen zu bekommen, undsoweiter.
Endlich erklang im Erdgeschoß der Gong fürs Abendessen, und sie gingen die Treppe runter und ließen uns Kinder im oberen Stockwerk allein.
Nun konnte der Feldzug beginnen. Oder, besser gesagt, DER Feldzug, denn es handelte sich um eine sehr, sehr wichtige Angelegenheit.
Im ganzen Jahr kam nur diese Nacht dafür in Frage, und es handelte sich um die große Schlacht von Verdun, eine wilde Schlacht, voller Geheimnisse.
Es ging darum, mit einem Kopfkissenbombardement das Zimmer der Mädchen zu stürmen, die ja gehört haben konnten, wie wir uns über den Korridor anschlichen (auf den beide Zimmer, ihres und unseres, gingen), und womöglich ihrerseits mit vorbereiteten Kopfkissen hinter den Fensterläden versteckt waren, vielleicht hatten sie auch die Wassergläser auf den Nachttischen gefüllt, hielten das Lachen an und die Pyjamahosen fest, die immer rutschen wollten.
Und alles war sehr, sehr aufregend, vor allem der listenreiche Anmarsch über den Korridor, wo der Mond leuchtete und man die Kröten quaken und die Frösche pfeifen hörte und sehr fern das Rauschen des Meeres, und man sah die Scheinwerfer der Autos, wenn sie über die Brücke fuhren, und man hatte Lust, nackt in die Nacht hinauszurennen, einfach zu rennen, heftig atmend, ohne irgendwo anzukommen.
Und es war auch sehr, sehr aufregend das Zimmer zu betreten, wenn die Mädchen nicht vorbereitet waren (wie im vorletzten Sommer), im hellen Mondlicht an den Laken zu ziehen und, wenn sie aufstehen wollen, ihnen die Kissen an den Kopf zu werfen und das ganze Bettzeug wegzuziehen, damit sie sich nicht mit den Decken schützen konnten, und ihnen dann, wenn sie sich wie eingekreiste Schakalweibchen wälzten, ein allgemeines Kopfkissenbombardement zu verpassen, über den Korridor wegzurennen, woraufhin sie, schrecklich wütend, hinter uns her stürzten, die Kopfkissen in der Hand, sie erreichen uns, und dann der Nahkampf, und Helenas Haar kitzelt mich im Gesicht, und dann sie festhalten und dazu bringen, mit dem Blick um Gnade zu flehen, und ihr keine Gnade gewähren, und hören, wie sie schrecklich wütend wird: "Brutaler Kerl, Wilder, Bestie, Idiot", und daß sie dann anfängt zu weinen, auf eine andere Weise, richtig traurig, das erfüllt einen mit etwas, das nicht Kummer ist, aber auch nicht Freude, ganz seltsam, am liebsten würde man selbst leise vor sich hin weinen, irgendwo abseits, wo niemand einen hört, einfach weinen, das ganze Leben lang weinen und sehr glücklich darüber sein, immerfort zu weinen.
Alberto richtete sich im Bett auf und zischelte geheimnisvoll. Jose und ich antworteten, und dann schlichen wir alle drei auf Zehenspitzen hinaus auf den Korridor, die weißen Kopfkissen im Griff.
Großes Schweigen, ganz, ganz still und sehr, sehr kalt wie in der Grotte von Orbelkismoff Grandsen Lewisky nachdem seine Tochter, die Prinzessin Alda, im traurigen See der Abenddämmerung ertrunken ist und Julias melancholische Stimme fast ohne Hoffnung von den Gipfeln des Gebirges ruft; eine Stille, wie um in einen fernen Wald zu rufen "quacumque, quacumque, quacumque", wie in einer Totenkathedrale, hoch oben im kalten Hochland von Tibet.
Alberto sah in das Zimmer der Mädchen und machte uns das Zeichen "alles klar, weiter", und wir traten vorsichtig ein. Die Mädchen schliefen sanft wie Kätzchen aus blaßblauem Samt. Ich näherte mich Helenas Bett. Es roch lau, wie aus einem Nest mit Jungtieren. Helena schlief, den Kopf auf dem Kissen, und ihr langes blondes Haar war auf dem Rücken zusammengebunden. Sie atmete sehr leicht, so zart, daß ich mich scheute, ihr das Laken wegzureißen und die Schlacht zu beginnen. Doch Alberto warf mir einen Blick zu, und ich schloß die Augen und zog an der Decke, zitterte dabei vor Schuldgefühl. Ich war wie vor den Kopf geschlagen.
Helena wachte auf und schrie, und die Kissenschlacht begann. Das Nachtlämpchen sprang von der Frisierkommode und schlug mit scharfem, bösen Getöse an die Wand.
"Die Schlacht von Verdun, die Schlacht von Verdun!" schrieen Alberto und Jose wie verrückt.
"Wehr dich, alter Wolf, endlich hat deine Stunde geschlagen!"
Und Jose: "Die deutsche Artillerie fegt die französische Verteidigungsstellung hinweg!..."
Die französische Verteidigung - Pili und die Nena - wehrte sich wie wild dagegen, weggefegt zu werden, als Helena plötzlich mit einer sehr seltsamen Stimme rief:
"Ruhe, raus hier!", das Licht anschaltete und schrill nach Tante Honorina rief.
Unter normalen Umständen galt es als schwerer Verrat, nach den Erwachsenen zu rufen, aber die Umstände waren schon nicht mehr normal.
Helena saß sehr ernst und rot angelaufen auf dem zerwühlten Bett, ihre Augen glänzten, sie hielt sie halbgeschlossen und sah uns ängstlich und zugleich haßerfüllt an.
Ich schaute sie an und wußte nicht, was tun, blickte nur auf den Boden und versuchte ungeschickt, meine Pyjamajacke zuzuknöpfen.
"Was wollt Ihr hier?" fragte Helena.
"Was wir hier wollen, na was wohl, die große Schlacht von Verdun, wie jedes Jahr..."
Keiner wußte warum, aber es war jetzt fast unmöglich zu sagen, was wir hier gewollt hatten. Die große Schlacht von Verdun, das war etwas, von dem man plötzlich nicht mehr wußte, warum es einem je eingefallen war, etwas, das, genau betrachtet, uns nie richtig Spaß gemacht hatte, das nie... was weiß ich ... das nie nichts...
Wieder überschnitten sich die Schatten an der Decke. Wie eine Wasserhose vor Borneo kam Tante Honorina herangewirbelt, wischte sich den Mund mit der Serviette ab und gestikulierte wild...
"Du lieber, lieber Gott!", rief sie, "warum hast Du mir dieses Kreuz auferlegt, oh Herr?" und sie wirkte dabei so lächerlich, daß Alberto und Jose sich fast kaputtlachten.
Ich nicht, ich konnte nicht lachen. Mich überkam die vage Ahnung, daß Gott ihr tatsächlich ein Kreuz auferlegt hatte. Und Helena mußte das auch ahnen, denn sie sah mich sehr ernst an, wie bei der Messe, und sagte nichts.
Der Teppich war voll mit Socken, Kleidern, Haarschleifen, Steppdecken und den Scherben des Nachtlämpchens.
Tante Honorina warf uns einen Blick zu, wie wir ihn bei ihr auch noch nicht gesehen hatten, und bedeutete uns, aus dem Zimmer zu verschwinden.
Wir gingen ganz still hinaus, halb erstaunt, halb niedergeschlagen, wie Adam und Eva aus dem Paradies, und krochen ohne Kommentar ins Bett.
Mein Bett war lau und zerwühlt wie das von Helena. Ich weiß nicht, warum ich ahnte, daß es keine Strafe geben würde, nicht einmal Geschimpfe, und daß keiner je wieder über diesen Feldzug sprechen würde, nicht die Erwachsenen, selbst Onkel Arturo nicht, und auch nicht Helena, ganz bestimmt nicht ...
Aber ich konnte nicht einschlafen. Ich wälzte und wälzte mich, und die Bettücher gerieten völlig durcheinander. Außerdem..., nein, ich kann es nicht erklären...
Die Zimmerdecke war blau und sehr weit oben und bebte. Und es roch nach Äther, und es war ein Geräusch in der Luft wie Bienengesumm, wie im Sommer zur Siestazeit...
Aber nein, nicht so, ich kann es nicht erklären...
Das Licht des Leuchtturms kam näher und näher, trat ins Zimmer, als lecke es die Wand, an der mein Bett stand, und die Laken und die Decke und den Boden und mein Gesicht. Und alles füllte sich mit leuchtenden Streifen. Und auf einmal, plötzlich, in der Mitte, aber sehr weit oben, inmitten einer sehr großen bläulichen Kuppel, wo eine traurige Musik klingt... Aber richtig werde ich das nie erklären können... Ja, und dahinter ist Helena, sie ruft nach mir, nackt und ganz verweint steht sie auf einer dunklen, traurigen Wiese. Und Papa und Mama und Onkel Arturo und Tante Honorina schauen alle aus den erleuchteten Abteilfenstern eines Zuges und rufen: Lebt wohl, lebt wohl, zu mir und Helena, die wir nackt durch den Schnee gehen, kein Baum zu sehen, hinter uns ein Mann mit einer Peitsche, und wir wissen, daß wir sie alle niemals wiedersehen werden...
Und so weiter, immer weiter, Helena spricht leise an meinem Ohr, weiter durch dieses seltsame hohe, blaue Land voll leuchtender Streifen, und plötzlich versinkt alles, als löse es sich auf, und wir müssen die großen leuchtenden Streifen aufsammeln, die uns schrecklich blenden, und weit in der Ferne sehe ich wieder Helena, die leise vor sich hinweint und auf einer sehr großen, grünen Wiese ein Rehkitz streichelt, und der Himmel ist voller singender Vögel, und sehr weiße Wellen rollen heran, und es gilt zu rennen, schneller als der Wind, schneller als der Wind zu rennen, die Augen voller Tränen...

Mit freundlicher Genehmigung des C.H. Beck-Verlages

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