Vorgeblättert

Dragan Velikic: Lichter der Berührung. Teil 1

07.02.2005.
1.

Der Beginn der Geschichte ist das Tor zur Stadt. Wir können uns von verschiedenen Seiten nähern, einen Umweg nehmen oder geradewegs über den Boulevard den weiten Marktplatz erreichen. Und wenn wir den Versuchungen der Seitenstraßen, dunklen Durchgänge und schattigen In­nen­höfe widerstehen, wird unser Weg kurz und unzweideutig sein wie ein gelöster Rebus. Doch ist der Sinn des Reisens, dass ans Ziel ein anderer gelangt.


2.

Der künftige Inhalt des Sarkophags atmet noch immer Leben, die Sterbeübungen indes sind alltäglich geworden. Das Ritual des allmorgendlichen Abschiednehmens dehnt sich nun bis in die Nachmittagsstunden.

Wenn um neun der Kaffee gebracht wird, sitzt Martha schon im Lehnstuhl, dem breiten Fenster zugewandt, das auf die Straße hinausgeht. Das Aroma des Kaffees hat seine Strenge bewahrt, den Geschmack nach Vanille und Zimt. Die alten Augen wandern über die Dächer und Bäume des nahe gelegenen Parks. Die Baumkronen zeigen wehende Bärte, verzerrte Gesichter, auf denen der Schrei gefror. Was­ser strömt herein und überschwemmt den kleinen Raum der Kammer.

Auf dem Zweig unterhalb des Fensters hüpft ein Vogel. Marthas Sinne sind getrübt. Ihr erlöschender Blick verwandelt das Grün in ein Himmelsblau, und so ist es nur noch ein Schritt bis zur Bucht Val di Cane. Der lange Strand, die metallene Umzäunung des Freibads und eine Reihe Kabinen, deren aufdringliche Pastelltöne sich aneinander reihen wie die Plättchen eines Kinderxylophons. Sooft sie die Übung für das Jüngste Gericht auch wiederholt, im Glauben, dass dies für das Sterben nun die Generalprobe sei, immer berührt sie beim morgendlichen Glissando die Taste, die auf den Namen Val di Cane hört, bis ihre Stirn sich furcht, denn das Was­ser strömt unaufhörlich. Mit den Jahren haben sich einige Tasten der verstimmten Konstruktion gehoben, sie warten im Hinterhalt auf die Kuppen ihrer rheumatischen Finger.

Das kleine Mädchen betätigt das Holzstäbchen, an dessen Spitze eine kleine, gelbe Kugel sitzt. Die Metallplättchen haben einen hellen Klang. Als es am frühen Abend über den Bade­strand spaziert, pocht es mit gekrümmtem Zeigefinger an die gelben, roten und blauen Türen der leeren Kabinen. Und jede Kabine antwortet mit dem aufreizenden Ton eines der Xylophonplättchen.

"Besetzt, besetzt", kreischt eine weibliche Stimme.

Die Tür ist abgesperrt, doch die Frau hört nicht auf zu kreischen. Das kleine Mädchen lächelt. Die Sommerdämmerung legt ihr Dunkel auf die Bucht von Stoja, und schon flammt es über der Val di Cane. Die letzten Badegäste verlassen die Steinmole. Das kleine Mädchen kehrt über den Strand zurück und bleibt vor der gelben Tür stehen, aus der vor einer Viertelstunde die spitze weibliche Stimme drang. Die anderen Kabinen sind leer, hinter dem gelben Plättchen aber hört es ein Keuchen und das Knarren des Bretterbodens. Die Sitzbank der Badekabine ächzt im Rhythmus dazu. Zwischen den Kiefernstämmen ruft die Stimme des Vaters. Das kleine Mädchen läuft über den Strand, versinkt mit seinen bloßen Füßen im warmen Sand.

Die Baumkrone unter dem Fenster erbebt. Die schwappenden Bärte ziehen sich unter dem Wasser wie schmutzig grünes Meergras, das an den Kieseln seichter Stellen und am porösen Felsgestein klebt, das bis nach Stoja reicht, dort, wo Beppos Gasthaus stand. Sein Name ist es, den die erste Ster­be­übung trägt. An dem Tag, als die Mutter zum Vater sagte, dass Beppo gestorben sei, in dessen Gasthaus sie im Sommer nach dem Baden in der Bucht Val di Cane einzukehren pflegten, hatte sich Martha auf ihr Zimmer zurückgezogen und auf dem Bett ausgestreckt. Sie hielt die Augen geschlossen und versuchte, jegliche Szenerie aus ihrem Kopf zu verscheuchen, um sich in einen Zustand zu versetzen, in dem kein einziger Gedanke im Bewusstsein mehr aufblitzt. Doch in den Baumkronen des Marine-Parks sangen die Vögel, den Boulevard von Veruda entlang quietschten die Kutschen.

Später erfuhr sie, dass ein Ertrinkender im Augenblick des Sterbens, in jenen wenigen Sekunden angestrengten Kampfes, sein ganzes Leben sieht. Sie suchte in ihrer Erinnerung nach den gewünschten Abziehbildern, die sie für ein künftiges Sterben bereithalten könnte.

Als sie 1915 mit ihrer fünfjährigen Tochter allein blieb und sich an die Ränder der zerfallenden Monarchie zurückzog, so wie sich das Meer bei Ebbe zurückzieht und dabei Algen und Muscheln, die an den Felsen kleben, als Spur seiner nahen Gegenwart zurücklässt, nahm sie die Sterbeübungen aus der Kindheit wieder auf. Sie lag in dem Zimmer, das ihnen die Verwandten aus Triest überlassen hatten. Pola und vier Jahre Krieg waren Vergangenheit. Mit dem Zusammenbruch der Monarchie war die Sorgepflicht der ehemaligen k.u.k. Marine für die Offizierswitwen nicht erloschen. Der Weg nach Wien wurde immer gewisser. Auch Martin meldete sich mit einem langen Brief. Er löste seine Verlobung, als habe es diese Verbindung nur gegeben, damit in einem bestimmten Moment Hans auf den Grund des Meeres sänke, und nicht er.

Martha schließt die Augen, dem Stimmengewirr von der Straße lauschend. Die Türen der Badekabinen öffnen sich eine nach der anderen, die Füße versinken im Sand. Die untergehende Sonne trübt ihr den Blick.

Ja, er ist es, sagt sie zu sich, als sich der Pegel ihrer Erinne­rung um ein, zwei Jahrzehnte hebt. Triest oder Pola? Die Baumkrone über ihnen schwimmt wie ein Segel durch die Schwüle des Julitages. In hundert Jahren, so hatte er beim Abschied gesagt.

Die Sonne durchbricht die Baumkrone, Martha wendet sich langsam der Wand mit den Büchern zu. Die Buchrücken blinken wie Sterne am Sommerhimmel.

Nach wer weiß wie langer Zeit verfängt sich am Köder ­ihrer Erinnerung die Triestiner Episode, die der Ankunft in Wien vorausgegangen war.

Martha fühlt die Feuchtigkeit am Grund ihres Körpers, eine Unannehmlichkeit, die ihre kranke Blase verursacht. Durchbebt von der Erwartung des letzten Augenblicks, greift sie zur Tasse. Ein Schluck Kaffee rinnt die Kehle hinab. Martha betrachtet ein Wölkchen, das über den reinen Junihimmel irrt. Der Wind von den Hängen des Wiener Waldes trägt es nach Hietzing. Es ist rund, von klarer Kontur, wie auf einem Gobelin. Dann lenkt sie ihren Blick auf die Wand, an der die Fotografien hängen, die Bilder und der Gobelin. Die dichte Vegetation, gewebt in reich abgestuften Farbtönen, lässt die Unruhe der Szene erahnen, in deren Mittelpunkt müßig eine junge Frau sitzt. Ein Einhorn hat die Vorderfüße in ihren Schoß gestellt, mit dem Hinterteil hockt es auf dem Boden wie ein Hund. Sein Horn durchstößt die Baumkrone, die sich über beiden neigt.

Ist es das Ende? Es wird so schrecklich nicht sein wie in der metallenen Kammer, in die unaufhörlich das Wasser strömt. Der Strand ist lang und der Duft der Kiefern schwer. Dichtes Harz rinnt die Kehle hinab, wie der schwarze Satz des Kaffees, der in wenigen Augenblicken aus der zerbrochenen Tasse treten und ein Muster über den Teppich zeichnen wird.

Die Vögel stehen unbeweglich auf dem Purpur der Seide. Ein Kirschzweig in Blüte, und eine Hand, die den chinesischen Paravent hält. Der Blick gleitet über die Bücherreihen. Mit dem Ellenbogen ihres rechten Arms streift sie die Tasse. Das Klirren des Porzellans gibt den Blick frei auf das hagere Gesicht und die durchsichtigen Augen hinter den dicken Brillengläsern.

Cafe Miramar. Fotograf Rudi und seine Palme. Einmal hatte sie in einer Züricher Zeitung dieses Gesicht gesehen, zu Beginn des Krieges. Sie war mit dem Zug von Salzburg unterwegs, und Martin war mitgefahren, auf einen ihrer seltenen Ausflüge.

"Er ist es", sagte Martha und nahm eine vergessene Zeitung vom Sitz des Abteils. Ein kurzer Text unter dem Bild. Der Tod in Zürich.

Er sollte wiederkehren, viele Jahre später. Das Hotel Ve­ne­­dig in der Innenstadt, der Korridor des Hofflügels, beleuchtet von milchigen Glühbirnen unter gehäkelten Abatjours, wie Chrysanthemenblüten. Dunkle Samtvorhänge an breiten Fenstern. Der Besitzer des Hotels, ein ehemaliger Zauberkünstler und Illusionist, führt sie den Gang entlang und berührt, als sie die Treppe hinabsteigen, leicht ihre Schulter. Die rosarote Tür, der weiche Teppich. Im Zimmer ist es stickig. Sein Äußeres hat sich nicht verändert: der graue Anzug, der seidene Schal, der Hut. Auf dem hageren Gesicht dicke Brillengläser. Ein Blick aus dem Aquarium.

"Hier sind wir nun endlich, nach hundert Jahren", sagt sie und reicht ihm die Hand, ohne die Handschuhe abzulegen.

Als er antwortet, lächelt sie zufrieden. Da ist sie, die Stimme, mag sein ein wenig dunkler, doch reden sie jetzt in einer anderen Sprache, die Wörter sind hart, ohne das Aroma langer Vokale. Und als errate er ihren Gedanken, löscht er das Licht. Im Dunkeln befreit sie sich leicht von ihren Kleidern. Flüsternd wiederholt sie seinen Namen, wie ein Zauberwort, das sie an einen langen Strand versetzt.

Dann aber gleitet, ohne den folgenden Gedanken ihres schwindenden Bewusstseins abzuwarten, ihr Körper aus dem Lehnstuhl und bedeckt die zerbrochene Tasse und das dunkle Muster auf dem Teppich.

Teil 2