Vorgeblättert

Christian Buckard: Arthur Koestler. Ein extremes Leben. Teil 2

03.08.2004.
Das Mädchen Rachel, das Peter Slavek im Laufe der Romanhandlung zu retten versucht, entkommt seinen Verfolgern und schifft sich schließlich nach Palästina ein. Koestlers Notizen deuten an, dass das Mädchen das Land jedoch nie erreichen, sondern mit dem Flüchtlingsschiff Struma untergehen wird. Dieser Verweis auf die Tragödie der Struma, der die Briten die Landung in Palästina verweigert hatten und die am 24. Februar 1942 mit 428 Männern, 269 Frauen und 70 Kindern an Bord vor der türkischen Küste gesunken war, deutet es bereits an: Die Notwendigkeit eines jüdischen Staats wurde von Koestler nun mehr als jemals zuvor als eine Frage jüdischen Überlebens empfunden. Auch litt er, wie es in Ein Mann springt in die Tiefe angedeutet wird, sehr an seinem Flirt mit dem Kommunismus, den er nun als einen - wenn auch unbeabsichtigten - Verrat an der jüdischen Sache betrachtete.

Der junge Revisionist Koestler hatte sich in radikaler Opposition zu den pragmatischen Zionisten um Weizmann befunden, erst 1937 hatte er sich ihnen mit seiner Befürwortung des Teilungsplans angenähert. Jetzt, angesichts des Vernichtungskriegs gegen das europäischen Judentum, hielt er die Zeit für gekommen, mit Weizmann und Moshe Shertok (Sharett), dem Chef der Politischen Abteilung der "Jewish Agency", eng zusammenzuarbeiten (der Kontakt wurde wahrscheinlich über Miriam Rothschild oder Guy de Rothschild hergestellt). Die Kooperation wurde besonders intensiv, nachdem die deutschen Truppen am 19. März 1944 über die ungarische Grenze marschiert waren. Damit befanden sich die ca. 800000 dort lebenden Juden - unter ihnen Adele Koestler - auf einen Schlag in unmittelbarer Lebensgefahr.
Am 8. Mai 1944 notierte Koestler in sein Tagebuch, dass mittlerweile Gerüchte über vier bis sieben Millionen in Polen ermordeter Juden in Umlauf seien. Am 10. Juni des Jahres - die alliierte Invasion in der Normandie hatte mittlerweile begonnen - traf Koestler Weizmann, der ihn über die Anstrengungen Joel Brands unterrichtete, die Juden Ungarns durch Scheinverhandlungen mit Eichmann vor der drohenden Ermordung zu retten. Koestler notierte: 

Weizmann sagt, dass der ungarische Zionisten-Führer Brand in einem Gestapo-Flugzeug in Istanbul gelandet ist, mit dem Angebot der Nazis, 800000 ungar. Juden auf die iberische Halbinsel ausreisen zu lassen, wenn die Alliierten 10000 Lastkraftwagen, Tee, Kaffee etc. liefern. Shertok ist abgereist um zu verhandeln, d. h. um Zeit zu gewinnen. Die erste Ladung [ungarischer] Juden wurden in Osswetchiem [Auschwitz] vergast.
Mutter.
 

Koestler wurde von Weizmann auch über die am 11. Juni 1944 in Aleppo stattfindenden Gespräche zwischen Shertok und Joel Brand auf dem Laufenden gehalten und schaltete sich in bescheidenem Umfang als Verbindungsmann in die geheimen Aktivitäten ein. Am 8. Juli 1944 hatte Koestler "ein weiteres Begräbnis-Essen mit Weizmann". Er erfuhr bei dieser Gelegenheit, dass bereits 400000 ungarische Juden deportiert und 100000 ermordet worden seien. "Für 5 Millionen Juden gibt es keine Zeitungsschlagzeile", notierte Koestler verbittert in sein Tagebuch, "aber was für ein Geschrei wegen 50 brit. Offiziere!" Zwei Tage später verstärkte sich Koestlers Depression:

Sonntag Morgen attackierten mich wieder die üblichen Schuldgefühle, beschloss dieses Mal, ohne Mühe, drei Monate lang keinen Alkohol anzurühren und nicht in die West End-Restaurants zu gehen. Dies soll keine Selbst-Bestrafung, sondern [...] eine Art des Trauerns sein. [...] Es wäre unentschuldbar, wenn ich ein fröhliches West End-Leben führen würde, während meine Leute zu Tausenden pro Tag, unter ihnen Mama, abgeschlachtet werden. 

Am 12. Juli 1944 notierte er in sein Tagebuch: 

Als Kind schien mir der Gedanke dass Mutter sterben würde, einer kosmischen Katastrophe gleichzukommen; ich betete darum, sie nicht zu überleben. Die nach Oswiecim deportierten Juden sterben laut einem Bericht JTA [Jewish Telegraph Agency] an einem in Hamburg hergestellten Gas, Gasmasken SS-Männer werfen sie in die Todeskammern. [...] So also starb Mama, oder stirbt sie in dieser Minute, oder wird sie sterben. 

"Theoretisch" wusste Koestler sehr wohl, dass der Alptraum Realität war, doch auch er fand es "schwer zu glauben". Er fühle "Horror", so hielt er einen Tag später fest, "aber keine Emotion. Es ist alles zu weit entfernt". Einige Tage später fragte er sich verwirrt: "Bin ich aus Stein? [...] Oder gibt es in mir doch noch eine versteckte Hoffnung? Gestern Nacht konnte ich nicht schlafen. Faltete die Hände wie im Gebet." Drei Wochen später erfuhr er, dass seine Mutter noch nicht deportiert worden war (Adele Koestler überlebte und siedelte im Herbst 1946 nach England über).
Am 11. Juli 1944 traf sich Koestler mit Moshe Shertok und John Strachey. Zusammen erarbeiteten sie einen Vorschlag zur Bombardierung der Vernichtungslager. Ein derartiger Plan war zwar nicht neu, doch nun, angesichts der begonnenen Vernichtung der ungarischen Juden, verstärkte sich der Druck auf Briten und Amerikaner, die Gaskammern in Auschwitz zu bombardieren. Nach dem Treffen mit Shertok und Strachey formulierte Koestler den Text aus. In seinem Entwurf vertritt er die Ansicht, dass eine Bombardierung der Vernichtungslager höchstwahrscheinlich die Ermordung der Juden verzögern, jedoch nicht gänzlich verhindern könne. Für ihn besaß eine Bombardierung der Lager deswegen vor allem eine moralische Dimension, denn die Alliierten würden dadurch die Massenvernichtung erstmals direkt bekämpfen. Überdies würde eine Bombardierung die von den Nationalsozialisten aufgestellte Behauptung Lügen strafen, dass die Alliierten insgeheim mit der Judenvernichtung nicht unzufrieden seien. Auch würden damit den im alliierten Lager noch immer bestehenden Zweifeln an der Massenvernichtung entgegen gewirkt. Auch die den Mördern angedrohte Vergeltung werde so glaubhafter, vielleicht werde man die Massaker aus Angst vor Bestrafung sogar einstellen.
Im August und September 1944 konnte Koestler in der New York Times lesen, dass alliierte Bomberverbände die Fabrikanlagen von Auschwitz, weniger als acht Kilometer von den Gaskammern entfernt, angegriffen hatten. Es sollten nicht die letzten alliierten Bombereinsätze in diesem Gebiet sein. An einem Versuch, die Todesfabrik von Auschwitz zu bombardieren, bestand auf amerikanischer und britischer Seite offenbar kein Interesse.

Teil 3