Vorgeblättert

Calixthe Beyala: Wilde Liebschaften. Teil 2

06.08.2004.
Es war Sonntag. Die Sonne strahlte, und alte Leute strömten der Kirche zu. Traurig wie verrostete Kanister gingen sie an mir vorüber. Die Straßen stanken nach dem Hammel-Couscous aus den Töpfen der Araber und dem Abfall aus den aufs Pflaster gekippten Mülltonnen. Es war ein verkaterter Morgen, der Lust auf Croissants machte. Also kaufte ich ein paar, und als ich weiterging, lief mir ein Penner hinterher. Ich schmiss einen Kieselstein nach ihm und überließ ihn seinem Zorn.
Dann trat ich meine Schuhe auf der Fußmatte ab und ging durch die Tür der Schönen Pariserinnen. Dort saß Plethore und schrieb. Seiner sorgenvollen Stirn konnte ich entnehmen, dass er wieder einmal die Widrigkeiten des Schicksals dichterisch überhöhte und den Latrinen Frische verlieh. Ich setzte mich neben ihn, doch er bemerkte mich nicht. Im Saal ging Mademoiselle Quinou, eine Bohnenstange, die sich für die Königin von England hielt, mit aggressivem Feingefühl ans Werk: "Heute ist Sonntag! Doppelter Tarif, meine Herren!"
"Wirst du bald berühmt sein?", fragte ich ihn und erschrak dabei so sehr über meine eigene Kühnheit, dass ich anfing, vor mich hinzupfeifen.
Und dann erzählte ich mein ganzes Elend einem Croissant: das kümmerliche Dasein, das ich fristete, meine Träume von einem "ganz normalen Leben", meine Sehnsucht nach dem Land mit seinen Bächen, Trauerweiden und murrenden Kühen.
"Hör dir das mal an", sagte Plethore auf einmal.
Das Blatt in seiner Hand zitterte, seine Augenlider flatterten wie die eines Dschungelabenteurers, der gerade unter einem strahlenden Himmel exotische Riesenblumen, bonbonrosa Elefanten und riesige Caramboda-Blätter entdeckt hat. 

In einer Wüste aus stummem Lachen
Errichten sie ihre Baustellen
Wo die Liebe eine Kellerassel ist,
Die tägliche Träne garantiert
Und
Aller Zauber verflogen.
 

Kaum hatte er geendet, schwollen die Adern an seinem Hals an; seine Hände krallten sich in das Gedicht; seine Kiefer wurden so steif, dass ich glaubte, sie müssten zerbersten. Er fing an zu schreien, und seine Augen traten aus ihren Höhlen hervor: "Das ist schwach. Absoluter Schwachsinn!" Dann stürzte er sich wie ein plötzlich aufbrausender Sturm auf die Kunden und riss ihnen die Hüte vom Kopf: "Feiglinge! Schlappschwänze! Zum Donnerwetter meiner Eier!" Seine glatten Haare standen auf seinem Kopf wie Pinien auf einem Berg: "Ihr Weichlinge von Weichtieren!" Er beschimpfte die Konsumgesellschaft, die die Menschheit dermaßen verweichlichte, dass sie ihre ganze Würde und Brüderlichkeit verlor. Er nahm es der Sonne übel, dass sie zu egoistisch war, die Stadt zu bescheinen, der städtischen Straßenverwaltung, dass sie die Stadt so widerwillig reinigte, dem Teufel und Gott, dass sie nicht existierten. "Ich werde Revolutionen machen!", schrie er. 
Monsieur Trente pour Cent legte sein Handtuch beiseite und entnahm einer silbernen Büchse ein Bonbon, das er krachend zermalmte, ohne Plethore aus den Augen zu lassen. Als ihm schien, nun sei genug, sprach er in gesetztem Ton, wie ein Politiker, der eine Rede hielt: 
"Damit zwischen uns die Dinge ein für allemal klar sind, Plethore! Seit zehn Jahren stiftest du mit deinen Gedichten Unfrieden in meinem Haus. Ich habe dich immer wie einen Gentleman behandelt. Das aber geht zu weit. Falls du die Absicht hast, damit weiterzumachen, gehst du besser raus und lässt dich hier nicht mehr blicken. Ist das klar?"
Plethore schreckte auf, als sähe er ein Gespenst vor sich. Und im nächsten Augenblick brach es schluchzend aus ihm heraus: "Ich habe zu viele Bücher gelesen." Tränen liefen ihm in solchen Strömen über die Wangen, dass es aussah, als laufe sein ganzes Hirn aus. Er kehrte an seinen Platz zurück, klickte mit seinem Feuerzeug und hielt es ans Blatt. Es entzündete sich und brannte die wonniglichen Flammen der Verdammung. Dann schaute er wieder mich an, und ich glaubte, ein ätherisches Wesen vor mir zu sehen. 
"Ich habe zu viel gelesen, ich kann nicht mehr schreiben. Willst du mich heiraten, Eve-Marie?"
Ich bekam Schluckauf und ließ einen fahren, als hätte ich Gift geschluckt. Meine Eingeweide zogen sich zusammen, mein Mund bestimmt auch.
"Willst du mich für dumm verkaufen?", fragte ich angesichts dieses Albtraums. 
Ich stützte meine Hände kriegslustig in die Hüften, denn auf die Märtyrerkrone konnte ich verzichten. Natürlich träumte ich von Wäldern voller Liebe, Savannen wilder Herzen, sanft geschwungenen Landschaften, aber diese bittere Scheinheiligkeit, dieser bissige Spott, nein! Ich packte ihn an seiner Jacke, die ältlich roch, und schimpfte auf ihn ein: "Du Dreckskerl! Versager!"
Im nächsten Augenblick standen alle um uns herum, wisperten und schimpften "Was ist los?", und: "Kann man es sich denn nirgendwo mehr in Ruhe gut gehen lassen!" Sie führten sich auf wie Rothäute um einen Marterpfahl, ungeduldig und gnadenlos, bereit zum Skalpieren. Ich erklärte ihnen mein Unglück. "Er wagt es, mir einen Heiratsantrag zu machen!", schrie ich. Meine raue Stimme heizte die Stimmung an. Die Leute bedauerten mich: "Arme Bonne Surprise! So eine Frechheit!" Meine Brust wölbte sich vor Stolz, als ich hörte, wie diese Männer mein Schicksal beklagten. Sie wandten sich an Plethore: "Hast du gekifft oder was?" Sie sabberten entrüstet: "Schämst du dich eigentlich nicht, eine Frau derart zu verhöhnen!" Plethore senkte den Kopf und schlotterte, beinahe epileptisch, wie eine Buschkröte.
Dann kehrten sie mit ihren grünen Augenringen auf die Plätze zurück, gaben ihre Kommentare ab, die noch eine Weile vor sich hin plätscherten, um sich dann wie Ungeziefer in altem Gemäuer zu verkriechen.
"Ich will Eve-Marie heiraten!", brüllte Plethore auf einmal.
Die Männer schüttelten den Kopf, und an vielen Tischen brach Lachen aus, es klang, als zirpten tausende von Heuschrecken: "Jetzt ist er durchgedreht!" Monsieur Trente pour Cent trocknete ein Glas und bewies seine schmierige Nächstenliebe: "Man stellt einen Freund nicht einfach vor die Tür! Er ist hier bei den Schönen Pariserinnen!" Die leichenblassen Mädchen rückten ihr Mieder zurecht: "Der kriegt ja noch nicht mal einen hoch!"
Plethore packte mich am Handgelenk: "Ich heirate dich, Eve-Marie!" Er zog mich mit triumphierendem Geheul hinter sich her: "Ich heirate dich, Eve-Marie. Im Namen des Vaters!" Unter den verblüfften Blicken der anderen durchschritten wir die Bar: "Ich heirate dich, Eve-Marie!" Sobald wir einen Fuß auf die Treppe gesetzt hatten, rief uns Monsieur Trente pour Cent hinterher: "Dreißig Prozent für mich!" Aber das war sowieso klar. 

In dem winzigen rosaroten Zimmer, in dem ich meiner Arbeit nachging, wurden mir und Plethore langsame, rhythmische Wonnen zuteil, das gewaltige Rauschen der Gezeiten, das Funkeln der Meere, gelbes und blaues Azur, und immer wieder fiel der Satz: "Ich heirate dich, Eve-Marie!" Wir gingen unter, mit fliegenden Fahnen und dem Aufschrei "Ich liebe dich!" Wir brachten uns gegenseitig neu zur Welt an jenem Sonntag, während die Hexer der Lust Gluten entfachten und uns ungeahnte Geheimnisse anvertrauten.

Teil 3