Vorgeblättert

Alai: Roter Mohn, Teil 1

16.02.2004.
Erstes Kapitel
Wilde Singdrosseln 

Es war ein schneebedeckter Morgen. Ich lag im Bett und lauschte dem Singen wilder Drosseln vor dem Fenster, während Mutter sich in einer kupfernen Schale wusch. Sie tauchte ihre hellen, schlanken Hände in die warme Kuhmilch und atmete tief durch, als strengte es sie an, sich die Haut zu verschönern. Dann schnippte sie mit den Fingern gegen den Rand der Schüssel, sodass die Milch sich kräuselte und das Echo im Raum widerhallte. Anschließend rief sie nach Sangye Dolma.
           Die Dienerin Sangye Dolma trat mit einer weiteren Kupferschüssel ein. Sie stellte die Schale mit Milch auf den Boden. "Komm her, Dordor", rief Mutter weich. Es knarrte und knackte, als sich ein kleiner Hund unter dem Schrank hervorwand, einen Purzelbaum schlug und seiner Herrin zuwedelte, bevor er den Kopf in die Milchschale steckte. Die Frau des Fürsten liebte das Geräusch, mit dem jemand von dem bisschen Liebe fast erstickte, das sie spendete. Sie lauschte dem atemlosen Schlecken des kleinen Hundes und wusch sich dabei die Hände in klarem Wasser. Zugleich bat sie die Dienerin Dolma nachzusehen, ob ihr Sohn bereits aufgewacht sei. Da ich gestern Fieber hatte, war meine Mutter die Nacht über in meinem Zimmer geblieben. Ich sagte: "Ama, ich bin wach."
           Sie kam an mein Bett und legte mir ihre feuchte Hand auf die Stirn: "Das Fieber ist gesunken."
           Dann trat sie zur Seite, um ihre sauberen Hände zu betrachten, auf denen gleichwohl die Spuren des Alters nicht zu übersehen waren. Das tat sie jedes Mal, wenn sie sich gewaschen und gekämmt hatte. Nun, da ihre Morgentoilette beendet war, untersuchte sie wiederum ihre Hände nach Zeichen, die die Jahre darauf hinterlassen hatten, und wartete zugleich darauf, dass die Dienerin das Wasser draußen auskippte. Immer war es ein Warten voller Angst und Unruhe. Bei dem berstenden Geräusch, mit dem das Wasser aus der Schüssel über vier Stockwerke auf den Steinfußboden unten klatschte, verkrampfte ihr Körper regelrecht. Es klang schaurig wie das Geräusch zersplitternder Knochen.
           Heute jedoch verschluckte tiefer Schnee das Geräusch. Dennoch schrak Mutter zusammen, als hätte es ertönen müssen. Ich hörte den schönen Mund der Dienerin Dolma murmeln: Und wieder ist nicht die Herrin selbst in die Tiefe gestürzt.
           "Wie bitte?", fragte ich.
           "Was sagt das kleine Trampeltier?", fragte Mutter.
           Ich antwortete: "Sie sagt, sie habe Magenschmerzen."
           "Wirklich?", fragte Mutter Dolma.
           Ich antwortete an ihrer Stelle: "Es geht schon wieder."
           Mutter öffnete eine Zinndose, nahm mit einem ihrer grazilen Finger Fett heraus und strich es sich auf das Handgelenk, dann cremte sie mit einem Finger der anderen Hand den Rücken der ersten Hand ein. Im Nu breitete sich ein beißender Geruch im Zimmer aus. Diese Hautcreme war aus Murmeltieröl, der Bauchspeicheldrüse von Schweinen und einem geheimnisvollen, im Tempel geweihten indischen Duftstoff gemischt. Die Frau des Fürsten, meine Mutter, kann eine ausgesucht angewiderte Miene aufsetzen. "Das Zeug stinkt entsetzlich", meinte sie säuerlich.
           Sangye Dolma reichte ihr mit beiden Händen ein feines Kästchen, in dem sich der Jadereif für den linken Arm der Frau des Fürsten befand und der elfenbeinerne für den rechten Arm. Mutter legte beide an und drehte sie an ihren Handgelenken. "Ich habe schon wieder abgenommen."
           "Ja", erwiderte die Dienerin.
           Mutter fragte: "Kannst du außer diesem Wort noch etwas sagen?"
           "Ja, Herrin."
           Ich erwartete, dass die Frau des Fürsten ihr eine Ohrfeige geben würde, doch das tat sie nicht. Dennoch lief die Wange der Dienerin aus Angst rot an.
           Die Frau des Fürsten ging hinunter, um zu frühstücken. Dolma blieb neben meinem Bett stehen, lauschte auf die Schritte, die sich auf der Treppe entfernten, kniff mich unter der Bettdecke und fragte: "Wann habe ich etwas von Bauchschmerzen gesagt? Wann soll ich Bauchschmerzen gehabt haben?"
           Ich sagte: "Du hattest keine Bauchschmerzen, aber du hast vor, das Wasser beim nächsten Mal noch wütender auszuschütten."
           Der Satz verfehlte seine Wirkung nicht. Ich reckte meinen Hals, und sie küsste mich. Dann sagte sie: "Wage nicht, der Herrin davon zu erzählen." Ich streckte meine Hände aus und spürte ihre Brüste wie zwei scheue, kleine Kaninchen. Durch meinen Körper - oder war es mein Kopf? - ging ein Beben. Dolma befreite sich aus meinen Händen und wiederholte: "Wage nicht, der Herrin davon zu erzählen."
           An diesem Morgen spürte ich zum ersten Mal die freudige Erregung, mit der der Körper einer Frau mich erfüllte. Sangye Dolma schimpfte: "Idiot!"
           Ich rieb mir die verklebten Augen und fragte: "Also wirklich, wer ist hier ein Idiot ? Idiot?"
           "Vollidiot!"
           Sie half mir nicht beim Ankleiden, sondern ließ mich mit einem roten Fleck am Arm wie vom Picken eines Vogels sitzen und ging fort. Der Schmerz war neu und aufregend.
           Wie blendend der Schnee vor dem Fenster leuchtete! Draußen rannten die Bälger der Leibeigenen herum und jagten den Drosseln hinterher. Ich lag immer noch im Bett zwischen Bärenfellen und Seide und hörte unsere Dienerin über den langen Flur gehen - es schien, als wolle sie sich tatsächlich nicht mehr um mich kümmern. Also stieß ich mit einem Fuß die Decke zur Seite und begann laut zu rufen.
           Im Territorium des Fürsten Maichi weiß jeder, dass der Sohn seiner zweiten Ehefrau ein Idiot ist. Dieser Idiot bin ich.
           Außer meiner leiblichen Mutter mochten mich alle so, wie ich war. Als intelligenter Junge, wer weiß, wäre ich vielleicht längst ins Jenseits eingegangen, statt hier zu sitzen und bei einer Tasse Tee meinen Gedanken nachzuhängen. Die erste Frau des Fürsten ist an einer Krankheit gestorben. Meine Mutter war von einem Fell- und Medizinhändler gekauft und dem Fürsten geschenkt worden. Der Fürst zeugte mich in ziemlich besoffenem Zustand, sodass ich wohl oder übel als fröhlicher Idiot durchs Leben gehe.
           Dennoch gibt es im Umkreis von hunderten von Kilometern niemanden, der mich nicht kennt, was allein daran liegt, dass ich der Sohn des Fürsten bin. Wenn Sie mir nicht glauben, dann spielen Sie doch mal einen Knecht oder den Sohn einfacher Leute und sehen Sie, ob man Sie kennt oder nicht.
           Ich bin ein Idiot.
           Mein Vater war ein Fürst, der im Auftrag des Kaisers über zehntausende von Menschen regierte.
           Darum brach ich in lautes Geheule aus, als die Dienerin nicht kam, um mich anzukleiden.
           Wenn die Dienerschaft sich verspätete, musste ich nur ein Bein ausstrecken, um die Seidendecke wie Wasser zu Boden fließen zu lassen. Die chinesischen Seidenstoffe, die von weit jenseits der Berge kommen, sind unglaublich geschmeidig und weich. Seit meiner Kindheit habe ich nie begriffen, warum das Land der Chinesen nicht nur die Quelle der von uns so dringend benötigten Dinge wie Seide, Tee und Salz ist, sondern auch die Quelle der Macht unserer Stammesfürsten. Manche sagten, es liege am Klima. Darauf antwortete ich: "Ach, das Wetter?" Aber ich glaube, das ist bestimmt nicht der einzige Grund. Denn wenn es so wäre, warum hat das Wetter dann mich nicht verändert? Soweit ich weiß, gibt es überall Wetter. Es gibt Nebel und Wind, und wenn der Wind warm wird, verwandelt sich Schnee in Regen. Bei kaltem Wind verwandelt sich Regen wiederum in Schnee. Wetter verwandelt alle Dinge, doch wenn du diesen Wandel beobachtest und dabei zwinkerst, verwandelt sich im selben Augenblick alles wieder in den ursprünglichen Zustand zurück. Andererseits kann niemand niemals zwinkern! Es ist wie beim Darbringen von Opfern. Wenn die Gottheiten, in Rauchschwaden eingehüllt, ihre leuchtend roten Lippen in den goldenen Gesichtern öffnen wollen, um zu lachen oder zu weinen, wird vor dem Tempel mit Sicherheit lautes Trommelschlagen ertönen und dich vor Schreck am ganzen Körper erzittern lassen. Im selben Moment werden die Gottheiten ihre Miene ändern und wieder so ausdruckslos und ernst blicken wie ehedem.
           An jenem Morgen schneite es, der erste Schnee in diesem Frühjahr. Nur Frühjahrsschnee fällt so schwer und feucht, dass er nicht sofort wieder vom Wind fortgeblasen wird, nur Frühjahrsschnee bedeckt die Erde so weit und breit, dass er das Licht der ganzen Welt auf sich zu sammeln scheint.
           Der Schneeglanz der ganzen Welt sammelte sich auf der Seidendecke meines Bettes. Ich hatte große Angst, dass die Seide zusammen mit dem Licht sich verflüchtigen könnte, und die Trauer eines schweren Abschieds stieg plötzlich in mir hoch. Die Lichtstrahlen stachen mir wie eine Ahle mitten ins Herz, sodass ich laut zu weinen anfing und meine Amme Dechen Motso von draußen hereingestolpert kam. Sie war überhaupt noch nicht alt, tat aber gerne so, als wäre sie es. Sie wurde meine Amme, weil ihr erstes Kind kurz nach der Geburt gestorben war. Ich war damals drei Monate alt, und meine Mutter wartete ungeduldig auf ein Anzeichen in meinem Gesicht, mit dem ich zeigte, dass ich wusste, wer und wo ich war.
           Mit einem Monat hatte ich beschlossen, nicht zu lachen. Als ich zwei Monate alt war, schaffte es niemand, mir durch Zurufen und Ansprechen eine Reaktion zu entlocken, und sei es in den Augen.
           Mein Vater, der Fürst, befahl seinem Sohn in seinem üblichen Befehlston: "Los, lachen!" Als er keine Reaktion sah, schlug er einen weicheren Ton an und sagte ernst: "Lächle einmal, lächle, hörst du?" In diesem Augenblick sah er wirklich lächerlich aus, und als ich den Mund verzog, tropfte Speichel herunter. Meine Mutter wandte sich weinend ab, als sie sich daran erinnerte, dass mein Vater in der Nacht meiner Empfängnis genauso ausgesehen hatte. Von diesem Augenblick an hatte sie keine Milch mehr. Sie sagte: "Lassen wir das Kind einfach verhungern."
           Nicht sonderlich betroffen, schickte mein Vater den Verwalter mit zehn Silbermünzen und einer Packung Tee zu Dechen Motso, deren Sohn gerade gestorben war. Von dem Geld sollte sie den Mönchen etwas spenden, damit sie eine Zeremonie für das tote Kind vollzögen. Der Verwalter führte den Befehl aus, ging am Morgen fort und brachte am Nachmittag die Amme mit zurück. Als die Hunde am Tor wie verrückt bellten und tobten, sagte der Verwalter zu ihr: "Hilf ihnen, deinen Duft zu erkennen."
           Die Amme holte ein Brot hervor, brach es in Stücke und spuckte auf jedes Teil, bevor sie es den Hunden zuwarf. Sie hörten sofort auf zu bellen und sprangen in die Luft, um das Brot im Flug aufzufangen. Anschließend kamen sie zur Amme gelaufen, hoben ihren Rock mit der Schnauze hoch und rochen an ihren Füßen und Beinen, um sich zu vergewissern, dass der Geruch derselbe war wie der auf dem Brot. Dann erst begannen sie, mit den Schwänzen zu wedeln. Während die Hunde das Brot kauten, führte der Verwalter die Amme zum Tor hinein.
           Der Fürst war sehr zufrieden. Zwar stand der Amme die Trauer noch ins Gesicht geschrieben, doch hatte sie so viel Milch, dass sie ihre Kleider durchfeuchtete.

Teil 2