23.09.2025. Das Team für die documenta 16 ist benannt, und alle freuen sich. Unter der Leitung der klugen und sympathischen Naomi Beckwith sollen alle Themen bespielt werden, die den aktuellen Kunstbetrieb so umtreiben, von Diaspora- und Postkolonialdiskursen über Black Studies, bis zu alternativen Pädagogiken, ohne dass es zu Antisemitismus kommt. Sehr viel Diversity also und sehr viel Uniformität, denn das gesamte Team ist von dominierenden Institutionen im angloamerikanischen Raum geprägt.
In den Sommermonaten, einer Zeit, in der die meisten abschalten wollen, hat sich dennoch einiges zugetragen, das für den hiesigen Kunstbetrieb, und somit auch für die Fotografie, von Bedeutung ist.
Soll heißen: Nach intensiven Auseinandersetzungen mit den Werken von Künstlerinnen wie Annegret Soltau und Andrea Grützner ist dieses Fotolot zur Abwechslung wieder mal dem Betrieb gewidmet, damit verbundenen Gebäuden und darin beschäftigten Personen, sowie der gängigen Hofberichterstattung darüber.
Das künstlerische Team der Documenta 16 im Jahr 2027 steht fest, und die Medien jubeln.
Tobias Timm weiß in der Zeit kaum, wohin mit seiner Begeisterung, wenn er an die prima inter pares, Teamchefin Naomi Beckwith, denkt: Die Wahl ist "klug, gut und sicher". Beckwith selbst ist "klug, professionell, weltläufig und sympathisch", "die Vorsitzenden Gesellschafter der Documenta, der Kassler Oberbürgermeister Sven Schoeller (Grüne) und der hessische Kulturminister Timon Gremmels (SPD) waren sichtlich stolz" auf ihre Wahl.
Beckwith - jung, weiblich, schwarz - "kann auch mit Sponsoren umgehen und ist in den aktuellen Diskursen firm", einfach "ein Superprofi". Sie ist seit 2021 stellvertretende Direktorin und Chefkuratorin des New Yorker Guggenheim Museums, einem "alten Herzen des modernen Kunstbetriebs". Davor hat sie am Londoner Courtauld Museum und am Museum of Contemporary Art in Chicago gearbeitet, wo sie vor allem die Arbeiten schwarzer Künstlerinnen gezeigt hat.
Glücklich gemacht hat die Verantwortlichen nicht zuletzt Beckwiths "Versprechen", dass es bei ihr "keine unangenehme Überraschung" hinsichtlich "Antisemitismus, Rassismus" und überhaupt jeder Form von Diskriminierung geben wird - in der Formel 1 würde man so etwas ein Rennen mit Safety Car nennen. Den politisch Verantwortlichen, die von der Gegenwartskunst erfahrungsgemäß wenig, von schlechter Presse dafür umso mehr verstehen, wird ein Stein vom Herzen gefallen sein. Falls Beckwith gehört hat, wie er zu Boden fiel, wird sie das mit einem nachsichtigen Lächeln quittiert haben, sympathisch und klug, wie sie ist.
Der Hintergrund für diese Wahl geht über diese Lobhudelei im Rosamunde-Pilcher-Stil hinaus: die antisemitischen Ausfälle auf der Documenta 15, in deren Folge zuerst die Geschäftsführerin, schließlich die gesamte Findungskommission zurücktrat.
Das in Wahrheit nicht wirklich überraschende Ende einer auch ohne diesen Eklat inferioren Veranstaltung, die großteils aktivistisch aufgeblasenen Edelramsch ("Globaler Süden", "White Privilege", "Decolonizing the Art Market" et cetera) aus allen Erdteilen zur kulturellen Horizonterweiterung in die deutsche Provinz verfrachtete. Von der ästhetischen Qualität bestand zu Bildern und Skulpturen von Pudeln und Cheeseburgern auf der Art Basel Miami mehrheitlich kein Unterschied. Was niemand verwundern darf, schließlich weiß nicht nur Hanno Rauterberg: "Ästhetische Fragen spielen keine Rolle mehr. Der alte Wunderglaube namens Kunst ist verschlissen."
Anstatt die Gelegenheit beim Schopf zu packen, und die Angelegenheit angesichts der stetig wachsenden Irrelevanz des (Kunst-)Standortes Deutschland abzuwickeln, hängt man an ihr wie an der Vorstellung vom Land der Dichter und Denker. Schließlich galt die Documenta einst als "unkaputtbarer, deutscher Supertanker der Weltoffenheit" (Rauterberg), auf der sich "die Welt mit den Deutschen versöhnen" sollte.
Die Findungskommission zerbrach auch daran, dass publik wurde, dass ihr Mitglied Ranjit Hoskoté einen offenen Brief der antiisraelischen Boykottbewegung BDS unterschrieben hatte. Auf den ersten Blick überraschend, wenn man bedenkt, dass in der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" führende deutsche Kulturpolitiker und -funktionärinnen dafür eintraten, dass BDS-Positionen an deutschen Institutionen möglich sein sollen, darunter Carsten Brosda, Ulrich Khuon und Hortensia Völckers. Woran lag's dann bei Hoskoté? Schlicht am falschen Zeitpunkt: Seine Unterschrift wurde nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 publik.
Um derartige Querelen in Zukunft zu vermeiden, plant Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, "Förderrichtlinien zu erlassen, die klarmachen, dass wir nicht mit staatlichem Geld Antisemitismus finanzieren können". Berlins ehemaliger Kultursenator Joe Chialo (der eine Zeitlang für Weimers Posten gehandelt wurde) hatte bereits etwas Ähnliches im Sinn.
Danach setzte sich in Gang, was wiederum das alte Herz des deutschen Kunstbetriebs ist: Bürokratie.
Ein wissenschaftlicher Beirat wurde ins Leben gerufen, von dem sich der hessische Minister Gremmels erwartete, er würde "fachliche Debatten in die Documenta" hineintragen (was vorher offenbar nicht der Fall war). Der Aufsichtsrat von Documenta und Museum Fridricianum wurde um drei Mitglieder erweitert, zwei davon werden vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien entsandt. (Ich bin mir sicher, die werten Leser und Leserinnen können den Innovationsschub förmlich spüren.)
Neben Beckwith besteht das Team aus vier Frauen: Romi Crawford, Mayra A. Rodríguez Castro, Xiaoyu Weng und Carla Acevedo-Yates. "Gemeinsam decken die vier etablierte Stränge institutioneller Gegenwartskunst 2025 ab: Diaspora- und Postkolonialdiskurse, Black Studies, alternative Pädagogiken, das gegenwärtige China". Nach Boris Pofalla entspreche diese Auswahl der "neuen Normalität", die gegenwärtig "weiblicher, nichtweißer" und nicht zuletzt "ohne große, herrische Gesten" sei.
Wo das aktuell auf der Welt der Fall sein soll, führt Pofalla leider nicht näher aus.
Im aktuellen politischen Tagesgeschehen in den USA schon mal bestimmt nicht, was die Wahl von Beckwith noch mal in einem anderen Licht erscheinen lässt. Die allseits behauptete "Internationalität" der künstlerischen Leitung ist nämlich schlicht eine Illusion, der die Medien gern verfallen sind, weil ihr eigener Blick auf die Kunst seit Jahren selbst von vordergründigen Narrativen wie "female", "divers" oder "black" diktiert ist, und dahingehend zu einer Art kollektiver Erbsenzählerei geführt hat.
In beruflicher Hinsicht entstammen die Kuratorinnen allesamt dem angloamerikanischen Raum: New York, Chicago, London, San Francisco, Toronto. Vertreterinnen der klassischen, von den USA dominierten Hegemonie, die das internationale Kunstgeschehen über Jahrzehnte beherrscht hat, ob auf der Ebene des Großkapitals oder der politischen Narrative in Medien und Hochschulen. "Auf Nummer Sicher gehen", nennt Pofalla dementsprechend das, was sich als "Weltkunstausstellung" (Rauterberg) tarnt, und in Kassel in zwei Jahren über die Bühne gehen soll.
Im Sensibilisierungsraum des Folkwang Museums
In bemerkenswertem und, wie gewohnt, von öffentlichen Geldern finanziertem Dilettantismus haben die Verantwortlichen der Documenta 15 die Annäherung an künstlerische Positionen aus dem globalen Süden in den Sand gesetzt.
Stattdessen gibt es nun Art-Business as usual, wie es im Museum of Modern Art, der Tate Gallery, der Art Basel, der Paris Photo, der Biennale von Sao Paulo, bei Gagosian und Hauser und Wirth, zwischen New York, Abu Dhabi und Hongkong üblich und vom Personal her so gut wie austauschbar ist.
Artikel mit wenig erfreulichem Inhalt wie dieser können, wie so mancher Museums- oder Theaterbesuch, Menschen aufs Gemüt schlagen, die gerade aus dem Urlaub kommen und noch die Nachwehen des Sommers genießen möchten. Leider kann ich auf diesem Weg keinen "Sensibilisierungsraum" anbieten wie das Museum Folkwang Essen im Zuge der Ausstellung zu Paula Rego, der Besucherinnen "zum Verweilen einlädt", und in dem sie ihre Gedanken zu "tabuisierten Themen wie Schwangerschaftsabbruch, Wut und Lust (…) in Form von Zeichnungen mit Pastellkreide auf Papier festhalten" und mit anderen teilen können.
Aber ich hoffe, ein Verweis auf ein besonders gelungenes Beispiel von deutscher Sesselkreis-Kultur, sorgt am Ende dennoch für Entspannung und gute Laune.
Peter Truschner truschner.fotolot@perlentaucher.de