27.03.2026. Wolfgang Ullrich und Titus Blome diskutieren in Berlin über die Memokratie in den USA und über die Unfähigkeit der Linken, mit eigenen Memes - der heute erfolgreichsten popkulturellen Kommunikationsform - dagegen zu halten. Zu lahm? Oder einfach nicht sadistisch genug?
Was kann die Linke? Sie konnte mal Schönheit, Schwung und Stil; Berlin hat noch einiges dieser Art, von der Schaubühne bis zu den Ballerhäusern. In der Gegenwart sitzt man im Sichtbeton des neu gebauten 'Publix' wie in einer Reformschule der 1970er, alles so grau wie massiv, dazu lernpädagogisch vitale Farben aus dem Zuckerstreuer.
Was die Linke auch nicht kann: The left can't meme. Zu diesem viel zitierten Satz unbekannter Provinienz versammeln sich in diesem Haus für Journalismus, das so prima Projekte wie 'Reporter ohne Grenzen' und 'Netzwerk Recherche' beherbergt, etwa hundert Leute um den Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich und den Zeit-Journalisten Titus Blome. Blome fragt, Ullrich extemporiert, und je länger die abendliche Unterhaltung auf dem so anspruchslos gebauten Podium geht, um so mehr wird Andacht aus der Konzentration. Denn was die beiden ihren Augen und ihrem Gehirn, aber auch der Seele zugemutet haben, um über die von Ullrich so bezeichnete "Memokratie" in den USA informiert sprechen zu können, ist zeitgenössische Selbstquälerei.
'Memes', was die Linke (hier als Sammelbegriff für die Anti-Rechte) "nicht kann", das ist aggressiver Internethumor, der schnell ist, verblüffend, und der, wie jeder gelungene Witz, erstmal sprachlos macht und jenseits von Anstand und Moral seine Wirkung tut. Der die Schadenfreude bedient. Okay, wer auf einer Bananenschale ausrutscht, über den wird nun mal gelacht - so what, könnte man sagen. Auch dadaistische Spielerei, wie sie vielen Memes eignet (eine Froschfigur auf der Schulter von Musk, der in antikischer Rüstung durch wüstes Gelände schweift): für sich genommen eine so bewährte wie neutrale Technik des Absurden. Ebenso das klassische Repertoire der Humors: Verschiebung, Verdrehung und Überschreitung, surreale Verfremdung und regressive Albernheit. Das alles ist nicht verwerflich. Und wenn es so rasend erfolgreich ist - denn dass die Verbreitung von Memes für die Siege von Trump und die Alt Right ein entscheidender Faktor war, ist in allen Lagern unstrittig -, warum scheut die Linke vor seinem Gebrauch zurück? Warum schafft sie es nicht, Trump, Bannon, Musk mitsamt den kleineren Schurken mit ihren Mitteln zu schlagen? Warum ist die derzeit erfolgreichste popkulturelle Kommunikationsweise im - noch - wichtigsten Staat der Welt fast gänzlich im Dienste des Bösen?
Weil, so die Antwort des Kunsthistorikers Ullrich, die Linke sich aus mindestens zwei Ursachen schwer tut, in diesem Fach zu reussieren. Zum einen - das deutet er an diesem Abend nur kurz an; es ist eine These, um Bibliotheken zu füllen -, da die Herrschaft über die Bilder für Jahrtausende eine traditionell autokratische Sache war. Ob Grabgestaltung oder Münzprägungen, ob Herrscherportraits oder Schlachtengemälde: künstlerische Darstellung war aufwendig und kostspielig, Propaganda eben für die Mächtigen. Politische Opposition hingegen artikulierte sich verbal; seit der Erfindung des Buchdrucks war der Text - die Flugschrift, die Zeitung - das Medium des Protests. Erst mit modernen Reproduktionstechniken hat sich da etwas geändert, wirkten die Karikatur und die Fotografie auch als anschauliches, massenmediales Material der Aufklärung. In der Summe der Jahrhunderte gilt allerdings für die Machtkritik: ihr symbolisches Arsenal ist klein, ihre Tradition ist überschaubar. Sind so kleine Hände, und der Triumphbögen sind schon so viele!
Foto: Elke Schmitter
Das ist der eine Umstand, ein gewissermaßen zwangsläufiger. Den anderen sieht Ullrich eher im historischen Zufall, nämlich dem Zusammentreffen von Trumps Wahlkämpfen und dem Aufkommen jener Technik, die erfolgreiches memen braucht und die nun mal in alt-right-Händen war. Auf der einen Seite also die heterogene Menge vornehmlich weißer Männer und Frauen, die sich zurückgesetzt fühlten und nach empowernden und subversiven Protestformen suchten. Auf der anderen Seite ein Unternehmer wie Musk, der das technische wie finanzielle Kapital hatte, um eine digitale Revolte zu entfachen. Bei der die Gruppe der Protestierenden tatsächlich Macht in die Hände bekam; nicht nur die Macht der Verbreitung bzw. Vervielfältigung, sondern auch die Macht der Gestaltung: Hier schenken wir Euch das Material (z.B. eine Collage von Musk auf einem Thron), nun macht damit, was Ihr wollt. Hübscht Musk auf in Richtung Brad Pitt, schenkt ihm eine neue Rüstung - das braucht nur ein paar Klicks und sieht auf eine artifizielle Weise gut aus. Und falls es dem Herrscher konveniert, wird er es vielleicht sogar selber posten und euch an seiner Macht teilhaben lassen…
Ein drittes Motiv kommt bei dieser Sache hinzu, das moralisch für die Verlierer spricht: Ullrich hält die Linke für zu skrupulös, um in der Memokratie noch reussieren zu wollen: In diesem Sumpf will man nicht sein. Als Beispiel für die Routine der Bösartigkeit wird ein Bild auf den Monitor projeziert, es zeigt eine Reihe Alligatoren vor einem Stacheldrahtzaun, Baseballcaps auf den kleinen Hügeln Gehirn und dieses schwer deutbare Grinsen im Reptiliengesicht. Auf den schwarzen Caps leucht in weißer Schrift "ICE". Ich gebe zu, dass ich nicht für möglich hielt, was ich las, nämlich dass dieses Meme von der "Homeland Security" selbst ins Netz gestellt worden war. Eine Regierungspost als Drohung; ein infames Spiel mit dem Namen des geplanten Lagers für Migranten, die im Verdacht stehen, illegal im Land zu sein: 'Alligator Alcatraz'. - Ein anderes, offizielles Meme des Weißen Hauses: Der Präsident im dunklen Anzug und mit Krawatte, umgeben von echsenartigen Tieren, im Stil eines Horrorfilms gestaltet, wieder mit ICE-Käppies, darunter der Slogan "Make America Safe Again". Man kann es in Ullrichs Buch, das gerade bei Wagenbach erschienen ist ("Memokratie / Soziale Medien und autoritäre Bildpolitik"), betrachten, samt einer Auswahl der zahllosen Varianten, die aus dem Feld der Fans geliefert wurden. Dies, der Autor muss es nicht eigens betonen, ist nicht mehr dem Reich des Witzes zuzurechnen. Es ist eine aktuelle Spielart des staatlichen Sadismus, made in USA.
Oh Düsternis, oh Schutz vor ihr! Es war ein Abend radikalen Nachdenkens, ein Paarlauf der Analyse mit der Verzweiflung. Der Autor wippte hin und wieder mit dem rechten Fuß und zeigte sehr expressiv gemusterte Socken, das war ein unerwarteter Trost. Beide, der Interviewer wie sein Gegenüber, gaben zu, von ihrer Recherche im Netz, von dieser Überflutung nicht nur mit shit, sondern mit Bösartigkeit, eine seelische Belastung mitgenommen zu haben. Und, als sei es des Finsteren nicht genug, kam zum Ende hin noch die Frage auf, wie eine Memokratie die Realitätsgewissheit kontaminiert. Wer älter ist als zwanzig, der kennt noch die Autorität der Fotografie, den Glauben ans Bild - nicht in jedem Fall, aber grundsätzlich und unwillkürlich. Ist Abkömmling einer Welt von Tatsachen, die dokumentiert sind, über die man folglich auch streiten kann, selbst mit 'meme warriors'. Was wird daraus in einer Öffentlichkeit, in der, wie Blome es formulierte, "Bilder nur noch Bullshit sind"? Was wird aus einer Demokratie, welche die Memokratie von innen heraus zersetzt? Was wird aus der Anschaulichkeit der Welt, wenn wir unserer Netzhaut nur noch glauben, was wir selbst fotografieren?
Eine Fragende erinnert in der Diskussion an Alan Kurdi, zwei Jahre alt. Das Bild des ertrunkenen Kindes am Strand der türkischen Mittelmeerküste, die Fotografin Nilüfer Demir hat es vor zehn Jahren gemacht, steht jählings vor den Augen vieler, man kann es sehen, wie die Gesichter sich verändern. Ein roter Pulli, eine blaue Hose, die kleinen Schuhe noch an den Füßen.
Es hat die europäische Politik nicht verändert, dieses Bild, doch es hat für einen Moment der Stille gesorgt, wie ihn nur Evidenz und Trauer zugleich bewirken können. Eine kollektive Erfahrung, und sei es nur für ein paar Sekunden, die sehr lange (man konnte es sehen) bleibt.
"Memokratie": Wolfgang Ullrich im Gespräch mit Titus Blome; Publix, 25.3.2026
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