ein wort gibt das andere
Stabile Helligkeit
Exkurse ins Berliner Geistesleben. Von Elke Schmitter
30.03.2026. Ulrike Herrmann wurde von Kevin Kühnert befragt, zu ihrem neuen Buch, in dem es um Kapital und Kriege geht - das Thema der Stunde also. Sie sprach zum höflichen Staunen Kühnerts über 3,5 Prozent für Verteidigungsausgaben (und "das ist ja nicht viel"), Konzentrationsprozesse in der Rüstungsindustrie und Europa auf dem Weg in eine Finanzierungs- und Verteidigungsunion.Ob Jürgen Habermas je hier gewesen ist? Ich glaube kaum. Nicht einmal als Geist hätte er auf diese Kabarett-Bühne gepasst; wie soll man Witze machen mit einem oder auch über einen, für den "Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus" kein Zungenbrecher sind, sondern Selbstverständlichkeit? Doch an einem harmlos vergnügungsbereiten Berliner Sonntag im März (wieder mal Marathon, wenn auch nur Halb-) war er hier, an diesem Ort, bei einer Gastspielreihe unter dem Titel "Missverstehen Sie mich richtig"; er saß bei Ulrike Herrmann auf der Schulter. Die wurde von Kevin Kühnert befragt, zu ihrem neuen Buch, in dem es um Kapital und Kriege geht - das Thema der Stunde also, wie man seit mehr als vier Jahren sagen muss. Er saß bei ihr auf der Schulter, und er schwebte über den beiden auf dem Podium, der vor zwei Wochen verstorbene Soziologe und Philosoph - mal wie ein pfingstliches Licht der Einsicht, dann wieder wie ein argumentativer Flammenwerfer, aber, dem finsteren Thema zum Trotz, mit einer stabilen Helligkeit.
Die geht nämlich von Herrmann aus, wann immer sie spricht, denn sie scheint tatsächlich im Innersten beseelt von der Habermasianischen Grundintention: dass, wann immer wir sprechen, wir Idealisten sind. Die daran glauben müssen - gleichgültig, ob sie es wollen oder es ihnen überhaupt bewusst ist -, dass im Sprechen selbst Erwartungen liegen, an sich selbst wie an den anderen, die zu den höchsten des Menschen gehören: an die Wahrheit und an die Wahrhaftigkeit. Beides setzen wir voraus, auch wenn wir das Gegenüber für einen schlecht informierten, einen korrupten, lügnerischen Trottel oder Schurken halten - wir setzen es voraus, weil sonst jede Unterhaltung sinnlos wäre. Wir können diese Erwartungen funktional ausklammern, wenn wir, beispielsweise, mit Putin über die Beendigung des Kriegs gegen die Ukraine verhandeln - aber dann sind wir auch nicht in einem, Achtung Fachwort, herrschaftsfreien Diskurs. In einem solchen, in einer freien, demokratischen Unterhaltung, müssen wir daran glauben, dass, wer immer spricht, sich selber glaubt, also wahrhaftig ist. Und sind wir davon überzeugt, dass wir inmitten von Tatsachen koexistieren, über die man sich austauschen kann. Dass es also in dieser gemeinsamen Lebenswelt Aufrichtigkeit, Wahres und Falsches gibt; Faktizität und Geltung.
Diese so lichte wie fundamentale Überzeugung ist im Raum, während der Sozialdemokrat a.D. und die Wirtschaftskorrespondentin der taz miteinander reden, und sie hat nicht nur produktive, sondern auch entspannende Wirkung auf die beiden wie auf das Publikum. Das, hin und wieder ist es zu merken, zur eigenen, eher verdrießlichen Überraschung einen Gedanken an sich heran lassen muss, der zunächst reflexhaft abgewehrt wird, weil er zu neu ist oder sich zu den Gewohnheiten des Denkens (denn diese gibt es ja auch, nur sind sie schwerer zu merken als die des Essens, Rauchens, Redens) widrig verhält.
Kühnert fasst seine rhetorisch forcierte, doch auch wahrhaftige Fassungslosigkeit gegen Ende der Veranstaltung zusammen: Ob sie, Ulrike Herrmann, sich denn nicht selber wundern müsse, dass sie, die über Jahrzehnte zum Wohle des Planeten gegen das Wachstum argumentierte und dem Kapitalismus das Totenglöckchen geduldig läutete - ob sie sich denn nicht wundere über das, was sie nun als vernünftig und geboten anpreise? 3,5 Prozent für Verteidigungsausgaben (und "das ist ja nicht viel"), Konzentrationsprozesse in der Rüstungsindustrie, schließlich die europäischen Länder auf dem Weg in eine Finanzierungs- und Verteidigungsunion, so dass "aus der Bundesregierung schließlich eine Lach- und Schießgesellschaft wird"?
Ja, das war eine gute Pointe, erst recht in diesem Hause, und die linke Ökonomin Herrmann lachte auch freundlich mit im allgemeinen Applaus. Doch dann kam der Geist von Habermas als Schalk zurück, indem sie sagte: Sie haben ganz recht mit Ihrer Beobachtung. Das sind große Bewegungen in meiner Sicht der Welt, und sie verliefen - nehmen wir den vierundzwanzigsten Februar Zweitausendzweiundzwanzig als Ausgangspunkt einer neuen Realität - recht schnell. Aber …was war noch mal Ihr Argument?
Das so Interessante wie Beglückende an diesem Gespräch war, naturgemäß, keineswegs das Thema. Es waren auch nicht die Argumente, die Herrmann mitgebracht hatte, denn die liefen allesamt auf eine Zukunft hinaus, in der die elementaren Aufgaben der Weltgesellschaft (ob ökologische oder demokratische Entwicklung, ob Ernährung oder Bildung) nicht an Wichtigkeit, aber an Dringlichkeit verlieren und die Gegenwart in ihrem schlimmen Aspekten verlängern.
Es war die gelassene, frei schwebende Aufmerksamkeit, mit der Herrmann zuhörte und sprach. Die phrasenfreie, bei aller Komplexitiät immer verständliche Entfaltung ihrer Analyse, wie Geld, Kapital und Krieg zusammengehören. (Ermutigender Spoiler: eben nicht grundsätzlich. Bei Russland und China: leider ja. Im Falle der USA: historisch zufällig durch Trump, aber auch nicht mehr lange. Für Europa: nein.) Das anmutige und natürliche Vertrauen, das, um Habermas zu zitieren, in jedem "Sprechakt" liegt - das war da und blieb.
Elke Schmitter
"Missverstehen Sie mich richtig", Kevin Kühnert im Gespräch mit Ulrike Herrmann über "Geld als Waffe"; Die Distel, 29.3.
Die geht nämlich von Herrmann aus, wann immer sie spricht, denn sie scheint tatsächlich im Innersten beseelt von der Habermasianischen Grundintention: dass, wann immer wir sprechen, wir Idealisten sind. Die daran glauben müssen - gleichgültig, ob sie es wollen oder es ihnen überhaupt bewusst ist -, dass im Sprechen selbst Erwartungen liegen, an sich selbst wie an den anderen, die zu den höchsten des Menschen gehören: an die Wahrheit und an die Wahrhaftigkeit. Beides setzen wir voraus, auch wenn wir das Gegenüber für einen schlecht informierten, einen korrupten, lügnerischen Trottel oder Schurken halten - wir setzen es voraus, weil sonst jede Unterhaltung sinnlos wäre. Wir können diese Erwartungen funktional ausklammern, wenn wir, beispielsweise, mit Putin über die Beendigung des Kriegs gegen die Ukraine verhandeln - aber dann sind wir auch nicht in einem, Achtung Fachwort, herrschaftsfreien Diskurs. In einem solchen, in einer freien, demokratischen Unterhaltung, müssen wir daran glauben, dass, wer immer spricht, sich selber glaubt, also wahrhaftig ist. Und sind wir davon überzeugt, dass wir inmitten von Tatsachen koexistieren, über die man sich austauschen kann. Dass es also in dieser gemeinsamen Lebenswelt Aufrichtigkeit, Wahres und Falsches gibt; Faktizität und Geltung.
Diese so lichte wie fundamentale Überzeugung ist im Raum, während der Sozialdemokrat a.D. und die Wirtschaftskorrespondentin der taz miteinander reden, und sie hat nicht nur produktive, sondern auch entspannende Wirkung auf die beiden wie auf das Publikum. Das, hin und wieder ist es zu merken, zur eigenen, eher verdrießlichen Überraschung einen Gedanken an sich heran lassen muss, der zunächst reflexhaft abgewehrt wird, weil er zu neu ist oder sich zu den Gewohnheiten des Denkens (denn diese gibt es ja auch, nur sind sie schwerer zu merken als die des Essens, Rauchens, Redens) widrig verhält.
Kühnert fasst seine rhetorisch forcierte, doch auch wahrhaftige Fassungslosigkeit gegen Ende der Veranstaltung zusammen: Ob sie, Ulrike Herrmann, sich denn nicht selber wundern müsse, dass sie, die über Jahrzehnte zum Wohle des Planeten gegen das Wachstum argumentierte und dem Kapitalismus das Totenglöckchen geduldig läutete - ob sie sich denn nicht wundere über das, was sie nun als vernünftig und geboten anpreise? 3,5 Prozent für Verteidigungsausgaben (und "das ist ja nicht viel"), Konzentrationsprozesse in der Rüstungsindustrie, schließlich die europäischen Länder auf dem Weg in eine Finanzierungs- und Verteidigungsunion, so dass "aus der Bundesregierung schließlich eine Lach- und Schießgesellschaft wird"?
Ja, das war eine gute Pointe, erst recht in diesem Hause, und die linke Ökonomin Herrmann lachte auch freundlich mit im allgemeinen Applaus. Doch dann kam der Geist von Habermas als Schalk zurück, indem sie sagte: Sie haben ganz recht mit Ihrer Beobachtung. Das sind große Bewegungen in meiner Sicht der Welt, und sie verliefen - nehmen wir den vierundzwanzigsten Februar Zweitausendzweiundzwanzig als Ausgangspunkt einer neuen Realität - recht schnell. Aber …was war noch mal Ihr Argument?
Das so Interessante wie Beglückende an diesem Gespräch war, naturgemäß, keineswegs das Thema. Es waren auch nicht die Argumente, die Herrmann mitgebracht hatte, denn die liefen allesamt auf eine Zukunft hinaus, in der die elementaren Aufgaben der Weltgesellschaft (ob ökologische oder demokratische Entwicklung, ob Ernährung oder Bildung) nicht an Wichtigkeit, aber an Dringlichkeit verlieren und die Gegenwart in ihrem schlimmen Aspekten verlängern.
Es war die gelassene, frei schwebende Aufmerksamkeit, mit der Herrmann zuhörte und sprach. Die phrasenfreie, bei aller Komplexitiät immer verständliche Entfaltung ihrer Analyse, wie Geld, Kapital und Krieg zusammengehören. (Ermutigender Spoiler: eben nicht grundsätzlich. Bei Russland und China: leider ja. Im Falle der USA: historisch zufällig durch Trump, aber auch nicht mehr lange. Für Europa: nein.) Das anmutige und natürliche Vertrauen, das, um Habermas zu zitieren, in jedem "Sprechakt" liegt - das war da und blieb.
Elke Schmitter
"Missverstehen Sie mich richtig", Kevin Kühnert im Gespräch mit Ulrike Herrmann über "Geld als Waffe"; Die Distel, 29.3.
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