Im langen 19. Jahrhundert, dem "bürgerlichen Zeitalter", setzte das Bürgertum in den Bildungsinstitutionen, im Parlament, in den Lebensformen des modernen Stadtbewohners, häufig selbst bei Hof seine politischen Machtansprüche, seine ökonomische und gesellschaftliche Ordnung und seine kulturellen Wertvorstellungen durch. Wolfgang Hardtwig analysiert die Zusammenhänge zwischen bürgerlicher Wirklichkeitseroberung und der Formenwelt eines Zeitalters, das von der Ästhetik der alteuropäischen Elitenkulturen zur modernen Massenkultur hinüberführt. Seine Themen sind die Wahrnehmung und Gestaltung von Naturräumen und Stadtlandschaften, die Symbolisierung der Nation, die Soziologie der Kunstförderung, utopische Ordnungsentwürfe und nicht zuletzt die ästhetische Dimension der Erzählung des Bürgertums über sich selbst.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2005
Die in diesem Band vorliegenden Aufsätze von Wolfgang Hardtwig befassen sich damit, wie sich Fragen der Macht innerhalb des deutschen Bürgertums zwischen 1830 und 1930 in dessen "Kulturproduktion" niederschlugen, erklärt Gerrit Walther, der sich von der kontinuierlichen Beschäftigung des Autors mit dem Thema hohen Erkenntnisgewinn verspricht. Zunächst einmal aber konstatiert er eine "beeindruckende, bisweilen einschüchternde Gelehrsamkeit", mit der Hardtwig seine Überlegungen "methodenschwer und hoch reflexiv" darlegt. Es ist nämlich "alles", was Hardtwig erörtert, "unerhört komplex", weshalb sich der Autor in den meisten Fällen auch weigert, seinen Überlegungen eindeutige Urteile folgen zu lassen und sie mitunter "mitten im Gedanken" einfach abbrechen ließe, wie der Rezensent bei aller Ehrfurcht spitz bemerkt. Dennoch böten die Aufsätze "viele Anregungen", die über die engen Grenzen des historischen Gegenstands hinausweisen, lobt der Rezensent, der in der ihm "merkwürdigen Mischung" aus Gelehrsamkeit, "sibyllinischen Indifferenz und diffuser Melancholie" auch einiges über die geistige Verfassung unserer "nachbürgerlichen Hochkultur" herauslesen will.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 27.05.2005
Der Rezensent mit dem Kürzel "cjos" entdeckt in dieser Aufsatzsatzung zur Bedeutung der Geschichtsschreibung für die bürgerliche Gesellschaft durchaus interessante Ideen, die einem auch bei der Analyse gegenwärtiger gesellschaftlicher Diskurse hilfreich sein können. Denn - so die These, die Wolfgang Hardtwigs fünfzehn Aufsätzen über die Kultur des 19.Jahrhunderts unterliegt - wenn die bürgerlichen Tradition der analytischen Geschichtsschreibung in Frage gestellt wird, kann man die Gesellschaft auch nicht mehr bürgerlich nennen. Die Geschichtsschreibung ist und war für die bürgerliche Gesellschaft so relevant, weil sich mittels ihr " das Bürgertum über seine eigenen ökonomischen und kulturellen Leistungen, über seine politischen Konzepte und insofern auch über seine Zukunftsperspektiven verständigte".
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