Es scheint an der Zeit und nachgerade überlebenswichtig zu sein, dass sich die Literaturwissenschaften als Lebenswissenschaften begreifen und im Sinne einer geisteswissenschaftlichen Grundlagenforschung nach dem Nutzen und dem Nachteil der Literaturwissenschaft für das Leben fragen.Von Kunst und Literatur ist keine Art "höheren Lebenswissens" zu erwarten. Und doch kommt der Literatur das Vermögen zu, normative Formen von Lebenspraxis nicht nur zu simulieren, sondern auch performativ und damit lebensnah und "nacherlebbar" zur Disposition zu stellen, insofern Literatur stets ein Wissen um die Grenzen der Gültigkeit von Wissensbeständen in einer gegebenen Kultur oder Gesellschaft enthält. Und dieses Wissen der Literatur schließt stets ein Wissen über die Grenzen und Gültigkeiten des in der Literatur selbst verdichteten Lebens- und Zusammenlebenswissens mit ein.
Mit viel Gewinn hat Thomas Assheuer diesen Band gelesen, dessen Texte allesamt die Literaturwissenschaft verteidigen, und zwar sowohl gegen die Life-Sciences, für die allein das nackte biologische Leben zähle, als auch die Dekonstruktivisten, für die Literatur nur noch ein ästhetisches Spiel der Metaphern und Bezüge sei. Lobend erwähnt wird auch, dass der Impulstext von Mitherausgeber Ottmar Ette, weil Ette darin mit kräftigen Argumenten auch Neueinsteigern in die Debatte deren Frontverlauf noch einmal verdeutlicht. Und um seine Thesen (die, so Assheuer, auch Opfer in den eigenen Reihen forderten) werde dann in dieser Anthologie von hochkarätigen Autoren auf das Heftigste gestritten. Für den Kritiker wohl nicht zuletzt mit dem Ergebnis, dass sich die Literaturwissenschaft höchst lebendig und kraftvoll gegenüber Vorwürfen aus der Life-Science-Ecke bestehen kann, Literatur und Philosophie seien nichts gegenüber der faktischen Macht der Synapsen.
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