Seit den 1980ern beschäftigt sich der Philosoph Walter Seitter mit Phänomenen der westeuropäisch-mittelalterlichen Kultur. Damals begann er auch verstärkt, Bau- und Bildwerke aus dem 13. Jahrhundert zu besuchen und einige davon zu beschreiben, insbesondere solche, die mehr oder weniger entschieden am "romanischen" Stil festgehalten haben, obwohl der "gotische" Stil seinerzeit schon längst über Frankreich hinaus bekannt war. Die vier Bau- und Bildwerke, die Walter Seitter zwischen 1990 und 2010 besucht hat und in seinem neuen Buch vorführt, gehören unterschiedlichen Landschaften, aber auch sehr unterschiedlichen Gattungen und Rängen an: Da ist die niederösterreichische Landkirche Schöngrabern mit ihrer reichen, ja einzigartigen Skulpturenapplikation an der mächtigen Ostapsis; sodann das von Kaiser Friedrich II. persönlich in Auftrag gegebene und wohl auch maßgeblich bestimmte Schloss Castel del Monte in Apulien; der Dom von Naumburg, vor allem sein Stifterchor im Westen; schließlich das, was von der romanischen Stephanskirche in Wien noch übriggeblieben ist. Walter Seitters "geopolitisches" Resümee des Stilbruchs im Mittelalter lautet: Mit der Gotik emanzipiert sich das "Abendland" von der alten Vorherrschaft des Mittelmeerraums: ein erster Schritt zum Atlantic Turn.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 07.03.2013
Walter Seitter verspricht in seinem Buch "Reaktionäre Romanik" fünf Essays über den architektonischen und kulturellen Wandel von der Romanik zur Gotik, keine strengen wissenschaftlichen Abhandlungen sollen sie sein, sondern nur seine "eigene Meinung", berichtet Johannes Fried. Aber auch Meinungen müssen gewissen Ansprüchen genügen, findet der Rezensent, und Seitters seien "sachlich unzureichend und analytisch unangemessen". Friedrichs II. Castel del Monte unterstellt der Autor beispielsweise eine "rittermönchische Dynamik", halb Festung, halb Kloster, dabei ist in Wahrheit weder Militärisches noch Sakrales zu entdecken, wundert sich der Rezensent. Wer sich mit dem mittelalterlichen Stiftergedenken auskennt, wird sich auch mit Seitters anschließender Interpretation der Figuren im Naumburger Westchor nicht anfreunden können, warnt Fried. Wenn der Autor nur schildern möchte, was er sieht, sollte er mit verallgemeinernden Aussagen über eine "reaktionäre Romanik" vorsichtiger sein, findet Fried, ein erster Eindruck ersetze nun mal keine umfangreiche Forschung. Mit einem aktuellen Kunstreiseführer in der Hand reist es sich immer noch besser, vermutet der Rezensent.
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