Ulrich Peltzer

Der verlorene Schlaf

Roman
Cover: Der verlorene Schlaf
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026
ISBN 9783103977226
Gebunden, 208 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

1832: Évariste Galois, 20 Jahre jung, unglücklich verliebt, stirbt an den Folgen eines Bauchschusses. In der Nacht vor dem Duell bringt er noch schnell eine mathematische Theorie zu Papier, die ihn weltberühmt machen wird. Gerade erst hat man den Revolutionär und Königsgegner aus der Haft entlassen … Galois' Geschichte hat alles, was es für einen packenden Kostümfilm braucht. Zu sehen ist dieser Film vorerst aber nur in den Bildern und Reflexionen eines Drehbuchautors, der in einer schlaflosen Nacht zwischen Julirevolution und Gegenwart hin- und herspringt. Ein Roman über unsere Freiheit und die wunderbaren Möglichkeiten von Film und Literatur.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.09.2026

Rezensent Helmut Böttiger ist begeistert von Ulrich Peltzers neuem Roman über den französischen Mathematiker und Revolutionär Evariste Galois. Wie Peltzer die spannende Geschichte eines verkannten Genies um 1830 erzählt und zugleich die Ideen eines drehbuchschreibenden Ich-Erzählers zu einer Verfilmung des Stoffs einfließen lässt, findet Böttiger stark. Der Roman ist für den Rezensenten zugleich historisch und aktuell, da er verschiedene Zeitebenen, Assoziationen und die Frage nach einer gegenwärtigen Ästhetik und der Erzählbarkeit eines nur wenig bekannten Stoffes gekonnt ineinander montiert.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 14.08.2026

Rezensent Jörg Magenau lässt die Lektüre von Ulrich Peltzers Buch über den Mathematiker Evariste Galois mit einer Sehnsucht nach einem "süffigen Roman" über diese Figur zurück. Zwar findet Magenau die Idee gar nicht übel, einen Drehbuchautor über ein Skript über Galois' Lebensgeschichte nachsinnen zu lassen. Doch gelingt es Peltzer nicht, daraus eine spannende Story zu machen. Sowohl die fiktive Figur aus der Jetztzeit als auch Galois selbst bleiben blass, bedauert Magenau. Dabei ist Galois' Leben voller Leidenschaft und endet dramatisch mit einem Duell. Weil Peltzer ums Verrecken nicht konventionell schreiben will, so Magenaus Vermutung, benutzt er den Konjunktiv. Ein Dreh, der sich dem Rezensenten nicht wirklich erschließt. Mit seinem unbedingten Willen, übers Erzählen nachzudenken, vergibt der Autor die Chance, eine starke Geschichte zu erzählen, findet Magenau.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.08.2026

Rezensent Paul Jandl ist hin und weg vom neuen Ulrich Peltzer. Der Autor widmet sich ein weiteres Mal in Romanform an einer "Soziologie des Erfolgs", so Jandl. Diesmal geht es besonders raffiniert zu, denn Peltzer faltet gleich zwei Biografien ineinander: Die des realen Mathematikgenies Évariste Galois, der im frühen 19. Jahrhundert lebte und jung im Zuge eines Duells verstarb; und die eines Berliner Drehbuchautors, der in der Gegenwart versucht, aus Galois' Leben einen Film zu erschaffen. Peltzer macht viel aus dieser Konstellation, freut sich Jandl, der sich insbesondere an der Fallhöhe zwischen dem wilden, energetischen Leben des Mathematikers und dem vor sich hin sumpfenden, von Beziehungsproblemen geplagten Drehbuchautor erfreut. Auch findet der Kritiker gelungen, wie der Drehbuchautor das Leben des Mathematikers in filmische Formen zu gießen versucht und wie sich die beiden Hauptfiguren ineinander spiegeln. Insgesamt also eine weitere meisterliche Chronik "fragmentarischer Lebenserfolge", so der Rezensent. Lest mehr Peltzer, fordert Jandl abschließend.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.08.2026

Einen komplizierten, fordernden, aber schon auch toll raffinierten Roman hat Ulrich Peltzer geschrieben, findet Rezensentin Judith von Sternburg. Genauer gesagt stecken in dem Buch sogar zwei Romane. Zum einen einer über Évariste Galois einen genialen Mathematiker, der im frühen 19. Jahrhundert ein kurzes, intensives Leben lebte, bevor er unter recht mysteriösen Umständen - auch Peltzers Buch lässt viele Details des Lebens dieser historischen Person im Unklaren - bei einem Duell sein Leben verlor. Zum anderen hat Peltzer freilich keinen klassischen Historienroman geschrieben, weil es durchweg eine zweite Erzählebene gibt. Auf der denkt sich ein Drehbuchautor einen Film über Galois aus. Keineswegs nur ein Gimmick ist diese Handlung in der Gegenwart, tatsächlich gefallen Sternburg gerade die Passagen besonders gut, in denen der Drehbuchautor sich an seine eigene turbulente Jugend in der 68er-Zeit erinnert. Der Film über Galois, den er imaginiert, ist demgegenüber eher an den Bildklischees eines "traditionellen historischen Films" orientiert. "Zwangsläufig und mit Bedacht skizzenhaft" bleiben beide Teile des Buches am Ende, so die Rezensentin. Insgesamt ist Sternburg eher von den außergewöhnlichen Ambitionen des Buches als vom fertigen Text beeindruckt. Gleichwohl ist der Tenor der Besprechung klar positiv.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 31.07.2026

Rezensentin Ursula März liest mit "Der verlorene Schal" gleich "zwei Romane in einem" - elegant verschränkt durch Peltzers sinnliche, spannungsreiche, in langen Sätzen schwingende Prosa. Der erste Roman erzählt das Leben des französischen Revolutionärs und Mathematikers Évariste Galois, der 1832 in einer durchwachten Nacht, den eigenen Tod vorausahnend, eine revolutionäre mathematische Entdeckung niederschreibt. Der zweite Roman eröffnet den Blick in die Werkstatt eines Autors, der in einer ebensolchen Nacht und einem ebensolchen Geisteszustand knapp 200 Jahre später versucht, dieses Leben und diese Entdeckung filmisch zu erzählen. Wie Peltzer hier die beiden Zeitebenen und "Bewusstseinsräume" miteinander überblendet, scheint der Rezensentin absolut "sinnfällig"; wie er in den Überlegungen des Erzählers zur filmischen Repräsentation eines abstrakten mathematischen Problems das Verhältnis zwischen bildlicher und sprachlicher Darstellung verhandelt - überaus gewinnbringend, übrigens auch für solche Leserinnen und Leser, die der abstrakten Kunst der Mathematik sonst wenig abgewinnen können, so März.

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