Ulrich Peltzer

Bryant Park

Roman
Ammann Verlag, Zürich 2002
ISBN 9783250600350
Gebunden, 160 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Nachmittag in Manhattan. Im Bryant Park laufen die Vorbereitungen fürs Open air-Kino; ein Mann sitzt in der Public Library seine Gedanken schweifen ab. In der 36. Straße stürzt ein Gerüst zusammen. Ausnahmezustand. Städtische Katastrophenmeldungen stoßen Erinnerungen an weiter zurückliegende, selbst erlebte Geschichten an: ein gescheiterter Drogendeal in Neapel, der allmähliche Verfall und Tod des Vaters. Und sie verweisen auf das, was an Brüchen noch kommen wird, wie Wirklichkeit entsteht und auf welch schwankendem Boden sich Lebensläufe aufbauen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.03.2002

"Bryant Park", die neue Erzählung von Ulrich Peltzer, zeichne mehr eine Erzählhaltung denn eine Erzählhandlung aus, hat Stephan Krass festgestellt: New York aus der Sicht eines Erzählers, der in die Stadt gekommen ist, um in der Public Library über seine Familiengeschichte zu forschen. Dabei gehe aber nicht, so der Rezensent, um eine innengeleitete Entwicklungsgeschichte, sondern um die Stadt als komplexen Zeichenraum. Entsprechend treibend sei auch der Stil, schreibt Krass, der keinen Punkt, sondern eine Inflation der Kommata kennt. Allerdings gibt es da einen Bruch, nämlich den 11. September, der den Erzählfluss jäh beendet. Das findet der Rezensent weniger gelungen, auch wenn dieser Riss in Perspektive und Stil dem Ereignis angemessen erscheine. Denn nach diesem Bruch habe Peltzer zum alten Erzählfluss leider nicht mehr zurückgefunden, moniert Krass.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 21.03.2002

Helmut Böttiger gibt sich wirklich Mühe, von Ulrich Peltzers "Bryant Park" zu überzeugen. Das Buch besteht aus zwei Teilen. Im ersten erzähle Peltzer Geschichten aus der Großstadt in Großaufnahmen, die laut Böttiger vor Genauigkeit förmlich vibrieren. Flirrende Überschärfe erkennt Böttiger. Das Vertrackte an dem Buch ist jedoch, dass Peltzer mitten im Text abbricht, um auf den 11. September zu reagieren. Plötzlich beginnt der Text auf Seite 122 neu, als Realdokumentation des Terrorangriffs. Karin und Kathrin, Freundinnen des Autors, berichten nun, wie sie die Twin Towers einstürzen sehen. Nein, mit Anbiederung habe das nichts zu tun, behauptet der Kritiker, "vorgeführt wird, wie sich ein Schreibprojekt im Laufe der Umsetzung in ungeahnter Weise zuspitzt".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.03.2002

Ursula März vergleicht Ulrich Peltzers neuen Roman mit einem Bild, das nicht eine, sondern gleich drei Szenen darstellt: Szene eins spielt in Manhattan, wo ein Protagonist versucht, anhand von Namensregistern die Geschichte seiner Vorfahren zu rekonstruieren. Szene zwei spielt am Golf von Neapel, wo ein bestimmer Vorfahr ein Schiff Richtung Amerika betritt, und Szene drei schließlich spielt in einem deutschen Krankenhauszimmer, in dem ein Sohn vom sterbenskranken Vater Abschied nimmt. Unterbrochen wird dieser dreistufige Inhalt vom 11. September, der auch ein jähes Ende des Erzählflusses markiert, berichtet die Rezensentin. Alles miteinander in Einklang zu bringen, überlasse der Autor dem Leser, so März, die überzeugt ist, dass ein weniger erfahrener, konzentrierter und intelligenter Autor mit diesem Stil und Stilbruch Prosasalat angerichtet hätte. Ein Lob also an Peltzer, dessen Werke die Rezensentin im übrigen insgesamt sehr schätzt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.03.2002

Ulrich Peltzers Schreiben hat sich gewandelt, behauptet Hans-Peter Kunisch, und ist vom melancholischen Selbsterkundungsdrang des Autors angetan, der sich für ihn in einer komplexeren Schreibweise niederschlägt. Dieses neue nachdenklichere Schreiben hat für ihn schon mit dessen letztem Roman "Alle oder keiner" eingesetzt, der sich mit der "Vergreisung der Post-68er" befasste. Im neuen Roman geht es Kunisch zufolge um die Erkundung der 70er Jahre, auch wenn der Roman heute, im Jahr 2001, rund um den 11. September spielt - und zwar parallel in Berlin, Neapel und New York, wohin es den Ich-Erzähler wegen einer frischen Verliebtheit und zur Erkundung seiner familiären Vorgeschichte nach dem Tod des Vaters zieht. Peltzers Melancholie sei eine gewisse Eleganz zu eigen, findet Kunisch, eine Aufmerksamkeit für Details und eine gleichbleibende leichte Temperiertheit. Allerdings kann ihn die eingeflochtene Parallelgeschichte in Neapel nicht überzeugen, außerdem ist dem Erzähler mit den Attentaten vom 11. September die Wirklichkeit in die Quere gekommen, worauf der Autor auch erzählerisch reagiert, wie Kunisch berichtet: er bricht die Erzählung zunächst ab, um sie dann später trotz der Ereignisse zu ihrem vorgesehen Ende zu führen, was auf den Rezensenten aufgesetzt und künstlich wirkt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.02.2002

Lothar Müller sieht Ulrich Peltzers Erzählung im Einfluss der New-York-Affinität zeitgenössischer deutscher Schriftsteller, die die Stadt seit den achtziger Jahren zur "Pflichtstadt" werden ließ. Der Rezensent verweist auf den Werdegang des "misstrauischen" Autors, der "nichts mehr scheut als das ordentliche Entlangschreiben an der Zeit", und wundert sich ein wenig über die Vertrautheit, mit welcher dieser "Virtuose der Verfremdung und Verstörung" den Schauplatz seiner Erzählung vermittelt. Im Laufe der Erzählung löst sich durch Mischung von Gegenwart und Vergangenheit diese Selbstsicherheit zwar durchaus aus ihrer "stabilen Chronologie", fährt Lothar Müller fort, dennoch hätten die New-York-Schilderungen ungleich viel mehr Gewicht als andere Handlungsstränge. Interessant findet der Rezensent die Platzierung des Anschlags vom 11.Septembers, der "nicht zum Anschlag auf die New-York-Erzählung " verkam, da ihn der Autor scheinbar kühl zu dokumentieren wusste, um sein Werk "an der Zerstörung vorbei ans geplante Ende zu führen".
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