Klappentext

Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek. Adrian Ziegler, der aus einem sozial und erbbiologisch 'minderwertigen' Elternhaus stammt, wird im Alter von elf Jahren nach Steinhof gebracht. Dort gehen für die Kinder Phantasie und Wirklichkeit ineinander über. Der Anblick des Berges vor dem Fenster weckt bei ihnen die Hoffnung auf einen Schutzengel, der zur Rettung naht. Adrians Aufsässigkeit, einschließlich einer kurzzeitigen Flucht, lassen ihn sämtliche Stationen dieser Hölle des Nazi-Systems durchlaufen. Er kommt als Anschauungsobjekt in den Vorlesungssaal und schließlich auf die Krankenstation. Dort arbeitet Anna Katschenka, die den Umgang mit Kindern liebt. Doch Loyalität und Treue lassen sie fraglich erscheinende ärztliche Anweisungen strikt befolgen. Sie macht sich dadurch mitschuldig am Leiden und Tod zahlreicher Kinder.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.02.2016

Rezensent Stephan Speicher ist tief beeindruckt von der Art und Weise wie der schwedische Autor Steve Sem-Sandberg in "Die Erwählten" Dokumentation und Fiktion verbindet und dabei noch genau den richtigen Ton für ein schrecklich schwieriges Thema findet. Sem-Sandberg erzählt in seinem Roman die Geschichte der Anstalt Spiegelgrund, wo Anfang der vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts Experimente an psychisch auffälligen Kindern durchgeführt wurden, die meist mit deren Tötung endeten, fasst der Rezensent zusammen. Das Geschehen wird abwechselnd aus der Perspektive des jungen Adrian Zieglers, der in Wirklichkeit Friedrich Zawrel hieß,  und der Krankenschwester Anna Katschenka, die allmählich, "im behördlichen Gang der Dinge" zur Täterin wird, geschildert, so Speicher, den - mit Blick auf die Zukunft  - insbesondere das Hinnehmen dieser Untaten durch die Bevölkerung ängstigte.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.12.2015

Hymnisch bespricht Rezensent Wolfgang Schneider Steve Sem-Sandbergs ebenso erschütternden wie meisterhaften Roman über die Wiener Euthanasie-Anstalt "Spiegelgrund". Der Kritiker liest hier die Geschichte von Adrian Ziegler alias Friedrich Zwarel, der im Jahre 1941 verwahrlost in die Anstalt gebracht wird und unzählige sadistische Erniedrigungen und Strafrituale über sich ergehen lassen muss. Allein wie der schwedische Autor die Vorgänge während der sogenannten "Pneumoenzephalografie" aus dem Inneren des gequälten Körpers und der todesängstlichen Kinderseele erzählt, ringt dem Rezensenten höchste Anerkennung ab. Überhaupt bewundert Schneider die Kunst des Autors, die Innenansicht seiner zahlreichen, mit Klarnamen auftretenden Figuren zu schildern. Mit angehaltenem Atem liest er auch die eingefügten rassebiologischen und psychiatrischen Gutachten, die kombiniert mit den allegorischen Passagen des Textes die außergewöhnliche subtile Vergegenwärtigungskunst des Romans ausmachen. Ein virtuoser, großer und intensiver Roman, der lange nachhallt, schließt der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 27.10.2015

Für Martin Lüdke ist Steve Sem-Sandbergs Buch ein großer Roman. Ausschlaggebend ist nicht das für Lüdke durchaus angebrachte Pathos, sondern die kluge Konstruktion aus faktisch belegten Patientengeschichten und Fiktion, mit der der Autor die Geschichte eines Romakindes in den Fängen der NS-Rassehygieniker erzählt. Dem stummen Archivmaterial fügt der Autor durch Personalisierung die Schreie der gequälten Kinder hinzu, erläutert Lüdke. Die durch häufige Perspektivwechsel vermittelten subjektiven Empfindungen und Schicksale vervollständigen laut Lüdke ein Bild des Grauens und reißen den Leser mit.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.10.2015

Rezensentin Cathrin Kahlweit stockt der Atem bei der Lektüre von Steve Sem-Sandbergs Opus magnum "Die Erwählten", das in einer eindringlichen Mischung aus Roman und investigativer Dokumentation von den Verbrechen der Nazis an den Kindern vom Wiener Spiegelgrund erzählt. Tief bewegt liest die Kritikerin die Geschichte von Friedrich Zawrel, der hier als Adrian Ziegler von den Jugendjahren in der Hölle der Kinder-Nervenheilanstalt bis ins erwachsene Alter begleitet wird. Verstört erfährt Kahlweit wie der Junge nicht nur die "Mordfabrik" der Nazi-Ärzte überlebt, sondern Jahre später auf einen seiner Peiniger, den Arzt Heinrich Gross trifft, der inzwischen als Chefarzt einer Psychiatrischen Klinik arbeitet und mit einem Gutachten dafür sorgt, dass Ziegler alias Zawel ins Gefängnis kommt. Größte Anerkennung zollt die Rezensentin dem schwedischen Autor für seine Kunst, präzise, urteilsfrei, bisweilen poetisch und einfühlsam zu erzählen.
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