Sarah Hall

Der elektrische Michelangelo

Roman
Cover: Der elektrische Michelangelo
Liebeskind Verlagsbuchhandlung, München 2005
ISBN 9783935890328
Gebunden, 420 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Peter Torberg. Cyril Parks wächst Anfang des letzten Jahrhunderts an der Nordwestküste Englands auf. Nach dem Tod seiner Mutter wird er als Lehrling von dem Tätowierer Eliot Riley aufgenommen, einem notorischen Trinker und Querulanten, der zugleich ein begnadeter Künstler ist. Bei ihm lernt er alles über die Abgründe des Lebens und die hohe Kunst des Tätowierens. In den dreißiger Jahren verlässt Cyril Parks seine Heimatstadt und schifft sich nach Amerika ein, wo er sich auf Coney Island als "Elektrischer Michelangelo" niederlässt. Auf dem ewigen Jahrmarkt vor den Toren New Yorks, zwischen Freakshows und Achterbahnen, verliebt er sich in die Zirkusakrobatin Grace, die mit einem ungewöhnlichen Auftrag an ihn herantritt...

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.07.2006

Sarah Halls Entwicklungsroman hat dem Rezensenten Thomas Leuchtenmüller sehr gefallen. Er gibt zu Protokoll, dass er den Werdegang des Tätowierers Cyril Parks, der nach Amerika aufbricht, um sein Glück zu suchen, mit anhaltendem Interesse verfolgt und auf den 400 Seiten keine Langeweile verspürt hat. Dank einer "imponierenden Schreibbegabung" sei der englischen Autorin gelungen, aus der simplen Geschichte ein "lesenswertes Buch" zu schreiben. Cyril Parks' Ausbildung als Tätowierer und sein Leben auf Coney Islands sei gut dokumentiert und voll von konkreten Details. Der Rezensent hat so einiges über die Technik und die Bedeutung des Tätowierens erfahren. Sogar das schwierige Thema "Blut" behandelt die Autorin mit Stil, um damit das Gleichgewicht von Leid und Lust im Leben zu illustrieren. Einige Szenen sind ihm jedoch allzu idyllisch und stereotyp geraten. Dafür sei das Innenleben der Figuren so originell beschrieben, dass der Rezensent selbst an den desolatesten Gefühlsregungen seine Freude hat. Wenn sie so weitermacht, wird Hall bald zu den Besten zu zählen, prophezeit Leuchtenmüller.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.04.2006

Überaus lobend äußert sich Thomas David über diesen Roman um den Tätowierer Cyril Parks, den die britische Schriftstellerin Sarah Hall vorgelegt hat. Der im heruntergekommenen Milieu der Vergnügungsparks von Morecambe und Coney Island angesiedelte Roman hat ihn sichtlich fasziniert. Er bescheinigt ihm "Schönheit und Tiefe", für die er den "desillusionierenden, nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit strebenden Blick" Cyrils verantwortlich macht. Hall erzähle von "farbenprächtigen Verwandlungen, von der Sehnsucht ihrer Figuren nach einer souveränen, von den Primärfarben des Lebens erhellten Existenz". Eindringlich entfalte sie dabei den Zauber der vergessenen Kunst der Tätowierung. Ausführlich referiert David die im Roman vorgenommene geradezu philosophische Deutung dieser Kunst. Vor allem aber überzeugt ihn die Schreibweise der Autorin. So würdigt er den Roman als ein "atmosphärisch dichtes und sinnliches Buch" und als "kleines Meisterstück der effektvollen Inszenierung". Kritisch betrachtet er lediglich eine dramaturgische Schwäche im zweiten Teil des Romans, die zu einigen erzählerischen Längen führt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.12.2005

Rezensent Tobias Timm sieht Potenzial im Stil Sarah Halls, findet es aber schade, dass sie sich an den aufgegriffenen Themen "verhebt" und mit ihrem Buch den Erkenntnissen der Kulturwissenschaft hinterherhinkt. Die Autorin schildert den Weg eines jungen Mannes, der bei einem Tätowierer, Trunkenbold und "Bernini am lebenden Körper" in die Lehre geht und sich schließlich aufmacht, in New York sein Glück als Tattoo-Buden-Besitzer zu machen. Das Buch erzählt von "liebesgeschädigten oder beziehungsgestörten" Außenseitern und gibt darüber hinaus die "morbide Neugier für das Schmerz- und Ekelpotenzial des Köpers" preis, die die Autorin vorantreibt. Der Leser müsse bei all den gezeigten grausigen Details aber keine Angst haben, mit Halls Werk auf einen "Ekelschocker" zu stoßen. Vielmehr habe die Autorin einen Cultural-Studies-Roman geschrieben, der von Gender-Studies, Populärkultur und Body-Politics gespeist wird. Doch genau hier bleibe das Werk "letztlich unbefriedigend", meint der Kritiker: So ganz will es Hall nämlich nicht gelingen, das Wesen der Tätowierung zu entschlüsseln, geschweige denn den Schauplatz New York so "narrativ fesselnd und analytisch" zu beschreiben, wie es der vom Kritiker geschätzte Rem Koolhaas schon vor 30 Jahren tat.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.11.2005

Der Rezensent Sebastian Domsch hat Freude an diesem Roman, obwohl das eigentliche Thema der Geschichte Schmerz ist. Doch Sarah Hall, der Autorin dieses Roman über einen Tätowierkünstler im frühen 20. Jahrhundert, gelingt laut Rezensent eine gekonnte Balance "dem Schwelgen in und dem Meditieren über den Schmerz" und einem poetisch-melancholischen Erzählstil. Als historischer Roman funktioniert die Erzählung nach Domsch? Meinung auf jeden Fall ausgesprochen gut, weil "er uns in detaillierten Bildern noch einmal einen Blick auf eine untergegangene Welt erhaschen lässt", auf englische und amerikanische Seebäder, die damals eine Blütezeit erlebten. 
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