Salman Rushdie

Shalimar der Narr

Roman
Cover: Shalimar der Narr
Rowohlt Verlag, Reinbek 2006
ISBN 9783498057749
Gebunden, 542 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Vor den Augen seiner Tochter in Santa Monica wird Professor Max Ophuls, Ex-US-Botschafter in Indien, von seinem moslemischen Chauffeur ermordet. Die Geschichte dieses Attentats beginnt Jahrzehnte zuvor im Paradies. Das Paradies heißt Kaschmir, ein von der Natur gesegnetes Land, in dem Menschen aller Rassen friedlich zusammenleben. Dort verliebt sich die schöne, "himmlische" Tänzerin Boonyi in einen Hochseilartisten, genannt Shalimar der Narr. Es heißt, Shalimar könne auch ohne Seil durch die Luft gehen. Nicht verhindern kann er, dass die Zeit des Paradieses sich dem Ende nähert, weil ein Bürgerkrieg das Land mit Terror überzieht. Auftritt des Troubleshooter Max Ophuls, Weltkriegskämpfer, Diplomat, nebenbei Drahtzieher beim US-Geheimdienst und Glücksengel vieler Frauen. Zu seinen Ehren wird ein Fest mit Gauklern veranstaltet. Boonyi tanzt nur für ihn, und er hat Augen nur für sie...

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.10.2006

In dieser späten Besprechung zu Salman Rushdies Geschichte eines gehörnten Ehemanns, der aufgrund seiner Schmach zum Gotteskrieger und Mörder wird, verwendet Susanne Messmer viele Zeilen darauf, das Buch gegen seine Kritiker zu verteidigen. Ja, es gebe viel zu beanstanden, vom ständigen "Wehklagen" über das "Pathos" bis hin zur gefährlich stereotypen Schilderung Indiens. Zudem bleibe die Hauptfigur und seine Motivation, der Hass, unerklärt und "auf seltsame Weise verschwommen". Nicht berechtigt hingegen seien die Anschuldigungen, dass es diesem Roman an Dichte mangele. Die zahlreichen Rushdie-typischen Exkurse und Umwege dienen in den Augen der Rezensentin eben nicht dazu, die Hauptfigur zu konkretisieren, sondern lassen sie in ihrer Undefinierbarkeit bestehen. Und das passt für Messmer wiederum gut zur komplex gewordenen Situation nach dem 11. September, als dessen Kommentar man dieses Buch ja durchaus lesen könne.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.06.2006

Salman Rushdies Roman sei ein meisterhafter Kommentar auf aktuelle Bedrohungen wie Terrorismus und Fundamentalismus, weil darin eben keine einfachen Anworten zu finden sind, lobt Rezensentin Insa Wilke. Hinzu komme das begnadete Erzähltalent Rushdies, der einen hochkomplexen "Erzählteppich" um seine vier Protagonisten webe. Die besondere Qualität des Romans, mit dem Rushdie an den Herkunftsort seiner Familie zurückkehrt, sieht die Rezensentin in der wechselseitigen Erhellung privater Geschichten mit der Historie von Kaschmir oder auch der Weltrichterrolle der Vereinigten Staaten. Letztere sei in der Figur des amerikanischen Botschafters Max Ophuls gespiegelt. Bei allem Ernst und dem "großen Zusammenhang" des Romans, so die Rezensentin, balanciere Salman Rushdie stets Pathos durch Komik aus.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.01.2006

Die Lektüre von Salman Rushdies neuem Roman hat bei Rezensentin Angela Schader nicht gerade Begeisterung ausgelöst. Zwar erscheint ihr das Werk weniger chaotisch, überfrachtet und abstrus als die letzten beiden Bücher des Autors. Wesentlich gelungener findet sie es dennoch nicht. Vor allem wird der Roman zu Schaders Bedauern seinem Thema, dem Kaschmir-Konflikt, nicht wirklich gerecht, obwohl sie ein "ehrliches Engagement" des Autors herauszuspüren meint. Den Grund für dieses Scheitern sieht sie weniger in Rushdies Hang zu Übertreibung und Satire, zu Abschweifung und Spiel. Problematisch findet sie vielmehr die Einbettung der Hauptthematik in weitere Orts-, Zeit- und Handlungsebenen, die nicht der Verdichtung, sondern nur der Verbreiterung der Materie dienen, sowie in Rushdies Gestaltung der Figuren. Sie kritisiert, dass den Charakteren psychologische Tiefe, Entwicklungs- und Wandlungsfähigkeit weitgehend vorenthalten bleiben.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.01.2006

Am Ende ratlos steht Thomas E. Schmidt vor Salman Rushdies neuem Roman "Shalimar der Narr". Er nennt das Werk einen "für den literarischen Weltmarkt geschriebenen Konsensroman", verfasst aus der "Allperspektive, ostwestlich". In der jungen Frau Kashmira/India, die herauszufinden versucht, weswegen ein islamistischer Terrorist, Shalimar der Narr, ihren Vater, einen Ex-Geheimdienstler mit dem Namen Max Ophuls, erdolcht hat, und die dabei auf eine private, eine familiäre, Tragödie stößt, spiegelt sich das Schicksal Kaschmirs, des zerrissenen, beladenen, unerlösten Landes - und damit auch die Tragödie um den islamistisch-westlichen Konflikt, um den Clash der Kulturen. Gegen soviel "humanitäres Engagement" vermag Schmidt nichts zu sagen. Doch mit John Updike, der im "New Yorker" einen Verriss veröffentlichte, staunt er über "die gekünstelte Opernhaftigkeit" des Romans, über die Dauererregung, die die Seiten durchwallt, über die Langatmigkeit, der unversehens der Atem ausgeht. Schmidt nennt das "die Vollfettstufe des Erzählens", und selbst wenn er konzediert, dass Rushdie mit voller Absicht die Emotionsberieselungsanlage angestellt haben mag, als Hommage, wer weiß, an östliche Erzähltraditionen - schlüssig findet der Rezensent das alles dennoch nicht. Er hält den Roman für überladen, überanstrengt, dabei glanzlos, da vorhersehbar. Größenwahn als Methode, die Welt in einer Nussschale? Schmidt hat die Nuss geknackt und fand sie hohl.
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