Rudolf Lorenzen

Alles andere als ein Held

Roman
Cover: Alles andere als ein Held
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783895611452
Gebunden, 621 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

In seinem 1959 erstmals publizierten Roman erzählt Rudolf Lorenzen das Leben von Robert Mohwinkel. Der Junge aus bescheidenen Verhältnissen durchläuft Gymnasium, Hitlerjugend und eine Ausbildung zum Schiffsmakler, um schließlich in den Krieg zu ziehen. Als Soldat übersteht er Bomben und Lazarett mit List und Drückebergerei. Er ist eben alles andere als ein Held. Zurück von der Front muss Robert sich im veränderten Nachkriegsdeutschland zurecht finden. Doch nichts ist mehr wie es war...

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.07.2002

Andreas Nentwich ist es schleierhaft, weshalb dieser Roman, der bereits 1959 erschien und dann bald wieder in der Versenkung verschwand, derart gründlich in Vergessenheit geraten ist. Für ihn kann das Buch ebenbürtig neben Grass' "Blechtrommel" bestehen und er findet, dass es "kein bisschen Staub" angesetzt hat. Nentwich preist den Roman, in dem ein überangepasster Junge zunächst nur Erniedrigung erfährt, weil er es jedem recht machen will und zum Schluss trotzdem seinen beruflichen Weg findet, als "Spiegel durchschnittsdeutscher Mentalität". Der Anfang, in dem die Jugend des Protagonisten geschildert wird, ist ein "Stück Adoleszenzliteratur", das sich mit den besten Beispielen dieses Genres messen könne, schwärmt der Rezensent. Er informiert, dass das Buch auf autobiographischen Erfahrungen des Autors beruht und vermutet, dass die "produktive Distanzleistung", die dieser Roman darstellt, Lorenzen einiges gekostet hat. Besonders freut den Rezensenten, dass weder der "Mehltau der deutschen Innerlichkeit", noch das "nachzitternde Pathos" der Nachkriegsliteratur in diesem Roman ihr Unwesen treiben.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.05.2002

Dass ein Buch wie dieses -ein "Fossil" des "guten alten Realismus" - im Jahre 1959 "den Weg alles Unzeitgemäßen" nehmen musste und bald "von der literarischen Landkarte" verschwand, wundert Werner Jung wenig. Denn es ist "ein Zeitroman über jüngst Zurückliegendes, der das Schicksal eines hundsgewöhnlichen Deutschen vom Jahrgang 1922 während des 'tausendjährigen Reiches' und glückloser späterer Jahre erzählt", bis er am Ende "in den Armen seiner Freundin einer glücklich-befriedeten Zukunft im Wirtschaftswunder entgegenschlummert." Doch dieser ironische Ton des Rezensenten verliert sich bald. Er sieht in diesem Roman eine "erstaunliche Leistung" des Autors "diesseits seines behäbig realistischen Stils", nämlich ein "bemerkenswertes mentalitätsgeschichtliches Dokument" (die Geschichte eines ewigen Mitläufers) und das "minutiöse Psychogramm eines gewöhnlichen Deutschen", der die ganze Skala der Grautöne durchläuft. Als Zeit- oder Gesellschaftsroman, als historischer und als Angestelltenroman beweist "Alles andere als ein Held" Qualitäten, so der Rezensent. Doch ihn beunruhigt der unaufgeregte Duktus des Romans, er sucht nach einem Bruch, nach dem Sprung im Glas - und findet ihn in der Beschreibung des Fiebertraums. "Hier haben wir das geheime Zentrum des Textes vor uns. Lauter Schalen ohne Kern, Hüllen aus Nichts, ein Schein ohne Deckung... - und Beunruhigung und Bedrohung setzen ein." Jetzt kann auch der Rezensent beruhigt die Feder sinken lassen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.03.2002

Kristina Maidt-Zinke scheint etwas unentschlossen zu sein, was diesen Roman aus dem Jahre 1959 betrifft. Zwar erwähnt sie, dass Sebastian Haffner den Roman 1965 in der Zeitschrift Konkret feierte - er fand Nazizeit und Wirtschaftswunderjahre der Bundesrepublik dort 'genauer, vertrauenswürdiger und einleuchtender' geschildert als in Günter Grass' "Blechtrommel". Ob Haffner Recht hatte und ob der Roman noch "heutigen Kriterien der Lesbarkeit entspricht", will sie aber "dahingestellt" sein lassen. Dabei klingt die Geschichte, wie die Rezensentin sie schildert, durchaus interessant. Erzählt wird das Leben des Robert Mohwinkel, der aus kleinen Verhältnissen in Bremen stammt: von der Hitlerjugend über die ersten Nachkriegsjahre, in denen es in nach Marseille verschlägt, bis er im Besitz eines kleinen Vermögens am Ende mit einer "hübschen Haushälterin" im Bett liegt und alle seine Wünsche erfüllt findet. Maidt-Zinke beschreibt diesen Mohwinkel als das "personifizierte Mittelmaß", als einen Mann, der allem ausweicht, "was seinen bescheidenen Individualismus bedroht". Das helfe ihm, der nationalsozialistischen Ideologie zu widerstehen, mache ihn aber gleichzeitig immun gegen moralische Reflexionen. Erzählt wird das alles in einer "hinterhältig harmlosen" Sprache, mit "buchhalterischer Detailversessenheit", die für Maidt-Zinke das Klima dieser Jahre wiedergibt. Warum sie dem Roman am Ende doch nur den Rang einer "literarische Kuriosität" zubilligt, bleibt dem Leser unverständlich. Es ist ihm aber auch egal: Er ist längst verführt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2002

Friedmar Apel sieht in Rudolf Lorenzen einen Schriftsteller, der völlig zu Unrecht übergangen und vergessen wurde. 1959 erschien dessen Roman "Alles andere als ein Held", parallel zu Bölls "Billard um halb zehn" und Grass' "Blechtrommel". Hierin schildert Lorenzen den Lebensweg eines Mannes, beginnend mit dem Jahr 1933 bis weit in die Nachkriegszeit hinein, den Apel als "Durchschnittsmenschen" und "Anpasser" bezeichnet, der sich dennoch nicht völlig "in die bundesrepublikanische Verdrängungsmentalität fügt". Überängstlichkeit, Pedanterie und übertriebenes Pflichtgefühl machen den Anti-Helden nämlich zu einer Art Außenseiter, kommentiert Apel das Romangeschehen, sowohl an der Front wie später in der Nachkriegsgesellschaft. Lorenzens Protagonist gelangt wohl zu einigem Geld aber keinerlei Ansehen. Auch Lorenzen kennzeichne eine Charaktereigenschaft seines Helden, meint der Rezensent: die Detailfreude und ein gewisser Hang zur Umstandskrämerei, mit der er mit stets hintergründigem Humor seinen Helden seinen Lebenslauf absolvieren lässt. Für Apel ein großer Roman über die deutsche Geschichte von europäischem Rang.
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