Videotime
Familienroman

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2024
ISBN
9783103971972
Gebunden, 368 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
"Videotime", so hieß die Videothek, in der Roman Ehrlichs Erzähler mit seinem Vater zahllose Filme auslieh, um sie zu Hause auf Leerkassetten zu überspielen. Es sind die neunziger Jahre in einer bayerischen Kleinstadt, deren scheinbar friedliche Ordnung vom Unheimlichen der Filme in ein anderes, fremdartiges Licht getaucht wird. Was zum Beispiel war damals mit den Vätern und Müttern los, die in Justizvollzugsanstalten oder Autohäusern arbeiteten und in ihrer Freizeit die eigenen Kinder auf dem Tennisplatz mit harten Drills trainierten oder hoffnungslos dem Zucker verfallen waren? Welche Rolle spielte man selbst dabei, wenn man jung war und die eigene Welt nur so zu wimmeln schien von Außerirdischen und Besessenen?
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.12.2024
Ziemlich begeistert ist Rezensent Paul Jandl von Roman Ehrlichs Buch über Videoabenteuer in der Provinz. Es beginnt damit, dass der Erzähler auf dem Weg zu seinem kranken Vater einen Umweg macht und die Orte seiner Jugend ein weiteres Mal erkundet, unter anderem eben eine Videothek. Gemeinsam mit einem Freund hatte die Hauptfigur, heißt es weiter, einst zahlreiche Filme gesehen, vor allem prinzipiell Verbotenes aus Genres wie Horror und Porno. Es ging dabei um den Kontrast zwischen aufregendem, pfeilschnellem Attraktionskino und gemächlicher Provinztristesse, genaue Beschreibungen von Filmen wie "Total Recall" oder "The Devil in Miss Jones" sind daher auch im Text zu finden. Gekonnt spielt Ehrlich laut Jandl mit den verschiedenen Realitätsebenen und zeigt auf, wie die Filmerlebnisse, aber auch erste erotische Erfahrungen die Grenze zwischen der Welt und dem Ich immer wieder neu fühlbar werden lassen. Die exakt beobachtende und gleichzeitig ornamental ausufernde Sprache Ehrlichs tut ihr Übriges, um dieses Buch für Jandl zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis zu machen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2024
Sehr angetan ist Rezensent Andreas Platthaus von Roman Ehrlichs Roman, der, wie einst "Ulysses" einen Tag, beziehungsweise gar nur einen Vormittag ins Zentrum stellt. Im Laufe dieses Vormittags, fasst Platthaus die Handlung zusammen, streift der namenlose Erzähler durch den namenlosen bayrischen Ort, in dem er aufgewachsen ist, wobei die biografischen Parallelen zum Autor offensichtlich sind. Eigentlich will er seinen Vater besuchen, stattdessen lässt er sich durch Jugenderinnerungen treiben, in denen neben alten Freunden vor allem auch Spielfilme eine Rolle spielen, die er sich damals, oft mit seinem Bruder, auf Videokassetten anschaute - mit Vorliebe Filme, für die er noch nicht alt genug war. Geschickt stellt Ehrlich Handlungsbeschreibungen von Filmen wie "Total Recall" und "The Devil in Miss Jones" neben Passagen zum echten Leben der Figur, verbunden wird beides meist durch harte Schnitte, gelegentlich aber auch durch Film und Leben überspannende Endlossätze, so der Rezensent. Besonders gut gefällt ihm, dass Ehrlich Standbilder aus den Filmen als Kapitelüberschriften nutzt. Viel von den 1990ern steckt in diesem Buch und auch viel vom Provinzleben, meint der Rezensent, der gleichzeitig anmerkt, dass Ehrlich hier einlöst, was die Netzliteratur oft nur versprochen hatte.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 09.11.2024
Bei der Lektüre von Roman Ehrlichs neuem Buch ist Kritiker Tobias Kniebe sofort hingerissen von dessen Sprache, die genau hinschaut und ihren Gegenstand nahezu obsessiv umkreist: Es reicht nicht, von Stühlen zu sprechen, es sind "Freisitzmöbel in Korbstuhloptik", die Ehrlich beschreibt. Der Ich-Erzähler ist in einer ziemlich typisch deutschen Kleinstadt aufgewachsen und kehrt nun zurück, im Gepäck die Erinnerung an die alte Bundesrepublik zwischen "Waschbetontreppen" und Kriegerdenkmälern und vor allem an all die prägenden Filme, die er sich aus der titelgebenden Videothek "Videotime" ausgeliehen hat, erfahren wir. Dieses Thema gemeinsam mit der genau beobachtenden, aufmerksamen Sprache hätte gereicht, um diesen Roman zur Perfektion zu führen, die Rahmenhandlung rund um einen Familienkonflikt zwischen verbittertem Vater und unterdrückter Mutter hätte Kniebe nicht unbedingt gebraucht. Er ist gespannt auf alles, was da von diesem Autor noch kommen mag.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 16.10.2024
Ganz leidenschaftlich bespricht Rezensent Dirk Knipphals diesen ebenso "düsteren" wie "brillanten" Roman, den er inhaltlich wie stilistisch und strukturell schätzt. Roman Ehrlichs Prosa sei präzise und sorgfältig, die umgangssprachlichen Formulierungen machen das Buch zugänglich und verleihen dem Ganzen eine subtile Ironie. Alles in diesem Roman sei perfekt "verschraubt" und "kunstvoll" erzählt. Ehrlich stelle die Realität der westdeutschen Provinzstadt seiner Jugend und die fiktionale Welt der Actionfilme der 80er und 90er Jahre nebeneinander, und Knipphals schwärmt vom filmischen Reichtum des Buches. Die Filmbilder geben dem Ich-Erzähler einen Schlüssel zur Dechiffrierung des seltsamen Verhaltens der Erwachsenen, spürt Knipphals begeistert der Erzählung nach. Je mehr der junge Protagonist in die Welt der Filmen eintaucht, desto mehr zeigt sich auch die bundesrepublikanische Welt in all ihrer Gewalt, bis hin zu der Frage, ob seine Eltern über das verbindende Element ihrer kriegerischen Väter zueinander gefunden haben, was selbst den Kritiker erschrocken zurücklässt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 14.09.2024
Wie war das so, in den 1990er Jahren in Deutschland aufzuwachsen, hat sich Roman Ehrlich gefragt und darüber einen Roman geschrieben: Der Protagonist hat viel Zeit damit verbracht, Filme zu schauen und in Videotheken zu gehen, das Bildmaterial hat sich tief in sein Unbewusstes eingegraben, verrät Rezensent Samuel Hamen. "Ruhig" und "präzise" erzählt Ehrlich laut Hayer davon, wie es ist, als übergewichtiger Junge aufzuwachsen, von der Scham, von der Verachtung des Vaters, von Autohäusern und Videotheken als Orte, an denen in den 1990ern geträumt wurde vom besseren Leben - für Hamen ein besonderes Buch, das Realität und Fiktion geschickt und nachdenklich zu verbinden weiß.