Reinhard Wulfhorst

Idylle und Vertreibung

Der Komponist Robert Kahn in Feldberg (Mecklenburg) 1910 bis 1939
Cover: Idylle und Vertreibung
Edition Massonneau, Schwerin 2026
ISBN 9783000847646
Kartoniert, 186 Seiten, 19,80 EUR

Klappentext

Mit zahlreichen Fotos und Bildern. Der in Berlin wirkende Komponist Robert Kahn - von Johannes Brahms und Joseph Joachim gefördert, von Clara Schumann gelobt, von den Berliner Philharmonikern uraufgeführt - ließ 1910 für seine Familie in Feldberg (Mecklenburg) eine Villa errichten. Dieses Buch schildert zunächst die Idylle, die Kahn in seinem Feldberger "Haus Obdach" erlebte. Im Zentrum steht dann die dramatische Entwicklung, die das Leben von Kahn auf Grund seiner jüdischen Abstammung im "Dritten Reich" nahm: das faktische Berufsverbot, der Ausschluss aus der Akademie der Künste in Berlin, die wirtschaftliche Ausplünderung durch die Nationalsozialisten, die versuchten Schutzbemühungen ausgerechnet mithilfe der Gestapo und schließlich die Vertreibung ins englische Exil. Parallel dazu entstand mit dem "Tagebuch in Tönen" der größte Klavierzyklus der Musikgeschichte. Um die Geschehnisse in Feldberg einzuordnen, spiegelt der Autor sie immer wieder mit den großen kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Deutschland von den großbürgerlichen Salons der Kaiserzeit bis zu der antisemitischen Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Das Buch beruht auf Quellenmaterial, das der Autor ganz überwiegend erstmals erschlossen hat - in Archiven von Feldberg über Berlin und London bis hin nach Jerusalem, vor allem aber bei den Nachfahren von Robert Kahn. So entsteht nicht nur eine neue Sicht auf den lange Zeit völlig vergessenen Komponisten und sein Umfeld. Ebenso gewinnen übergreifende historische Themen wie die Ausgrenzung und Vertreibung jüdischer Künstler im Nationalsozialismus neue Facetten. Die Künstlerpersönlichkeit Robert Kahn wird auch durch die Freundschaften mit Johannes Brahms, Albert Einstein, Gerhart Hauptmann, Joseph Joachim und Wilhelm Kempff lebendig.  Eine besondere Entdeckung ist ein Zyklus von Zeichnungen, mit denen der renommierte Landschaftsmaler Albert Hertel den Blick vom "Haus Obdach" auf die Feldberger Seenplatte festgehalten und dann seinen Schwiegersohn Robert Kahn zum Geburtstag überrascht hat

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.07.2026

Ein starkes Buch über eine zu Unrecht vergessene Figur der Musikgeschichte legt Reinhard Wulfhorst laut Rezensent Jan Brachmann vor. Der Komponist und Pianist Robert Kahn etablierte sich Ende des 19. Jahrhunderts im Umfeld von Johannes Brahms als ein talentierter Musiker, eine Heirat mit Katharina Hertel, Tochter des Landschaftsmalers Albert Hertel, ließ ihn in die höheren gesellschaftlichen Kreise Berlins aufsteigen. Eine Erfolgsgeschichte erst einmal, die allerdings 1933 endet. Kahn ist Jude, wird aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen, 1939 gelingt ihm die Flucht nach England. In der Nachkriegszeit wird sein Werk vergessen. Schuld daran trägt, wie Wulfhorst schreibt, nicht allein der Nationalsozialismus, der "gediegene Konservatoriumsakademismus", der das Werk Kahns prägt, findet bei der den Diskurs dominierenden Avantgarde schlicht keinen Anklang. Brachmann seinerseits kann einiges anfangen mit Kahns Kompositionen und hofft, dass dieses flüssig geschriebene und schön aufgearbeitete, auch Kahns Verankerung in der Region Mecklenburg thematisierende Buch zu einer breiteren Wiederentdeckung des Werks Anlass gibt.