Pierre Temkine

Warten auf Godot

Das Absurde und die Geschichte.
Cover: Warten auf Godot
Matthes und Seitz, Berlin 2008
ISBN 9783882217148
Kartoniert, 187 Seiten, 14,80 EUR

Klappentext

Mit Beiträgen von Pierre, Valentin und Raymonde Temkine, François Rastier, Denis Thouard und Tim Trzaskalik. Aus dem Französischen von Tim Trzaskalik. Dieses Buch folgt erstmals den Hinweisen, die "Warten auf Godot" auf seine Historisierung gibt und zeigt, dass sich ein richtiges Verständnis des Stücks nur aus dem Verhältnis zwischen dem Absurden und dem geschilderten historischen Ereignis ergeben kann. Dieses Buch antwortet auf Brechts Frage, wo Vladimir und Estragon während des zweiten Weltkrieges gewesen sind. Denn was wäre, wenn in Becketts erstem Bühnenstück eine Geschichte erzählt wird, die sich wirklich zugetragen hat? Wenn hinter der Fassade des Genres absurdes Theater in angemessener Distanz und Diskretion von einem historischen Ereignis berichtet wird? Von Handlungsfäden, die sich auf dem Weingut Bonelly kreuzen?

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.11.2008

Dem Rezensenten bleibt die Spucke weg. Was er aus den Gesprächen Pierre Temkines mit seinem Großvater und aus den hier versammelten philologischen Aufsätzen erfährt, hält er für eine Sensation. Becketts "Warten auf Godot" hat einen konkreten Zeit- und Ortsbezug, und der Eiffelturm kommt darin vor? Dass Jörg Drews die metaphysische Lesart mehr und mehr abhanden kommt, empfindet er als Glück. Auf der anderen Seite nämlich gewinnt eine historische Situation Kontur: die der von den Nazis Verfolgten im Roussillon in den Jahren 1942/43. Sensationeller noch erscheint Drews, wie die Autoren erörtern, warum Beckett in seinem Text das Geschehen enthistorisiert und der "Missdeutung" seines Stückes nach 1953 nicht widerspricht. Über Ästhetik lernt der Rezensent da eine Menge, über die irreführende Macht des Stils und über einen Giganten der Literatur, der unversehens in die Nachbarschaft von Robert Antelme und Primo Levi rückt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.08.2008

Einwände gegen den Konsens - immer gut, findet Jan-Frederik Bandel. Und so macht ihm der kleine Sammelband von Pierre Temkine und seinen Mitbeiträgern Freude. Die sich auf Raymonde und Valentin Temkines Godot-Deutung beziehenden Texte warten allerdings mit Indizien auf, die Bandel nicht einfach so schluckt. In der Deutung des Bandes spielt das Stück im Jahr 1943, Vladimir und Estragon sind keine Landstreicher, sondern jüdische Flüchtlinge. Als ganz und gar nicht eindeutige Anhaltspunkte einer detektivischen Deutung begreift er sie und als Versuch, das "Schicksalsgeschwafel" einer hagiografischen Beckettrezeption zu kontern. Mittendrin in diesem Debattenbuch, zwischen Auslassungen zur Wirkungsgeschichte, zur Biografie Becketts und zu literarischer Interpretation entdeckt Bandel allerdings eine wichtige Frage: die nach einer spezifischen Ästhetik nach Auschwitz.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.08.2008

Rezensent Thomas Laux begrüßt diesen Band, der einen neuen Blick auf Becketts "Warten auf Godot" wirft. Zwar muss die Literaturgeschichte seines Erachtens nicht neu geschrieben werden. Aber die Lesart, die Valentin und Pierre Temkine sowie einige weitere Literaturwissenschaftler anbieten, hat für ihn durchaus ihre Berechtigung. Wie er berichtet, deuten die Autoren "Warten auf Godot" nicht als Stück über die metaphysische Sinn- und Obdachlosigkeit des Menschen, sondern als historisch-politisches Drama mit konkreten Ort- und Zeitbezügen. Demnach geht es um zwei Juden, die in Paris 1943 auf einen Schleuser warten, der ihnen zur Flucht verhelfen soll. Erstaunlich scheint Laux, dass sich diese Interpretation anhand des Originaltexts ohne "hermeneutische Verrenkungen" überzeugend belegen lässt. "Es ist fast", hält er fest, "als ob man diesen konkreten Kontext seit je übersehen oder gar negiert hätte." Er hebt indes hervor, dass andere Interpretationen des Stücks auch nach Ansicht der Autoren durchaus ihre Gültigkeit behalten.
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