Herausgegeben von Gaetono Biccari. Aus dem Italienischen von Martin Hallmannsecker. Interviews gebe er nur widerwillig, erklärte Pasolini. Dennoch hat er seit Mitte der fünfziger Jahre eine beträchtliche Anzahl gewährt: in großen Tages- und Wochenzeitungen, in Magazinen wie der Vogue, in Gesprächsbänden und zunehmend auch im Fernsehen.Er erzählt Dacia Maraini von seiner Kindheit, er spricht über alten und neuen Faschismus, seine Schwierigkeiten mit den 68ern, über antidemokratische Massenmedien, Sex als Metapher und über sein liebendes Irrewerden an Italien - bis zum letzten Interview wenige Stunden vor seinem Tod.Die Interviews bezeugen nicht nur die erstaunliche mediale Präsenz eines öffentlichen Intellektuellen, der sich manchmal sogar selbst befragt. Sie begleiten und ergänzen das vielfältige Schaffen des künstlerisch-publizistischen Multitalents Pasolini. In den Gesprächen erprobt er Thesen, setzt sich gegen Kritik an seinen Romanen und Filmen zur Wehr, verkörpert gleichsam den linken Ketzer, den maßlos angefeindeten und mitunter selbst maßlosen Polemiker.Vor allem aber zeichnet diese Auswahl von Gesprächen - sowie kaum bekannten autobiografischen Texten - ein facettenreiches Bild des Menschen Pasolini, dessen Wunsch nach Nähe und Dialog verzweifelt lebendig bleibt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2022
Rezensent Bert Rebhandl empfiehlt zur Inspiration den von Gaetano Biccari herausgegebenen Band mit Selbstzeugnissen und Interviews mit Pasolini. Pasolinis "wildes Denken", sein "Zeichensystem", aber auch seine Frömmigkeit werden für Rebhandl in den Texten kenntlich wie auch deren Aktualität. Dass Pasolini einer der großen Dechiffrierer des 20. Jahrhunderts war, steht für Rebhandl mal fest - ob der Schriftsteller und Regisseur sich zur Entkolonisierung äußert, zum Konsum, zur sexuellen Revolution oder zu '68. Der Band bietet laut Rezensent nebenher eine kleine italienische Mediengeschichte mit spannenden Periodika und klugen Fernsehformaten, in denen Pasolini seine Gedanken zur Gesellschaft, zum Fußball oder zum Bauerndasein äußern konnte.
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