"Mord im Orientexpreß", "Der große Eisenbahnraub", "Der Zug" - schon ein kurzer Blick auf die Literatur- und Filmgeschichte bestätigt, daß die Eisenbahn als Tatort stets fasziniert hat. Bahnfahrten - und natürlich auch Bahnhöfe - zeichnen sich durch ihre Anonymität aus, die vom romantischen Abenteuer bis hin zur gefährlichen Begegnung alle Chancen offen läßt. Mit der Bahn ist die Reise von Paris nach Istanbul eben nicht in ein paar Stunden "erledigt", sondern dauert Tage - und in dieser Zeit kann allerhand geschehen!
Ulrich Noller hat offenbar großen Gefallen an diesem Buch gefunden, in dem zahlreiche Verbrechen in Eisenbahnen "im Reportagestil" aufbereitet werden. Die Autoren haben dazu, wie der Leser erfährt, zahlreiche "Gerichtsakten, Archive und Chroniken" durchforstet und dabei, wie der Rezensent feststellt, recht beeindruckende Geschichten und Ergebnisse zutage befördert. Als Beispiel nennt er unter anderem die schwere Zug-Explosion bei Torbagy (1931), bei der sich der Attentäter letztlich als Lustmörder entpuppt hat. Lustmorde im Zusammenhang mit Eisenbahnen habe es häufig gegeben, referiert Noller, doch noch zahlreicher seien Verbrechen aus wirtschaftlicher Not gewesen. Besonders "anrührend" hat der Rezensent dabei die Geschichte eines Eisenbahnerpressers von 1975 gefunden, der von seiner Kriegsinvalidenrente seine vier Kinder nicht mehr ernähren konnte und versprach, die erpressten 100 000 Mark inklusive Zinsen "innerhalb eines Jahres" zurückzuzahlen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.01.2001
"Was verstehen Spießer wie wir von den Freuden des freien Mörderberufes?" fragt der Rezensent Andreas Platthaus melancholisch. Einiges jedoch lässt sich, glaubt man ihm, aus dem besprochenen Buch darüber in Erfahrung bringen. Über das 1859 von Johann Schmidt erfundene Genre des Koffermords etwa oder Sylvester Matuschkas dringenden (und dann gleich mehrfach in die Tat umgesetzten) Wunsch, einmal einen Zug entgleisen zu lassen. Dass, trotz mancher Redundanz und leichten Ermüdungserscheinungen, das ganze "Charme" hat, verdankt sich, so Platthaus, dem "kakanisch Morbiden", das die Schreibweise der beiden österreichischen Autoren verströmt. Extra gelobt werden auch die eingestreuten Zwischenstücke zur "Kulturgeschichte des Zugverkehrs", Platthaus bedauert nur, dass sich die Verfasser so gar nicht ins Reich der filmischen oder literarischen Fiktion vorgewagt haben.
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