Olga Ravn

Wachskind

Roman
Cover: Wachskind
März Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783755000563
Gebunden, 190 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Aus dem Dänischen von Alexander Sitzmann. Mit ihrem neuen Roman "Wachskind" liefert Ravn eine literarische Perspektive auf die Zeit der europäischen Hexenverbrennungen. Christence Kruckow, eine unverheiratete Adlige, wird im Dänemark des 17. Jahrhunderts der Hexerei beschuldigt. Ihr und mehreren anderen Frauen wird nachgesagt, sie seien vom Teufel besessen. Dieser sei in Gestalt eines großen kopflosen Mannes zu ihnen gekommen und habe ihnen dunkle Kräfte verliehen: Sie könnten Menschen ihr Glück rauben, unchristliche Taten begehen und Pest oder Tod verursachen. Dadurch droht ihnen allen der Scheiterhaufen.Olga Ravn erzählt eine Horrorgeschichte über Brutalität und Macht, Natur und Hexerei, die in den fragilen Gemeinschaften des vormodernen Europas spielt. Dabei greift sie auch auf Originalquellen wie Briefe, Zaubersprüche, Handbücher und Gerichtsdokumente zurück.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.01.2026

Rezensentin Johanna-Charlotte Horst ist eingenommen vom Zauber des vierten Romans der dänischen Autorin. Sie erzählt darin von weiblichem gemeinschaftlichem Leben im siebzehnten Jahrhundert und davon, wie dieses durch perfide Hexerei-Vorwürfe zerstört wurde. Erzählt wird aus der Sicht des titelgebenden Wachskindes, einer Variante der Voodoo-Puppe, die die Edeldame Jomfru Christenze Axelsdatter Kruckow begleitet, eine historische Figur, die als vermeintliche Hexe 1621 hingerichtet wurde, erklärt Horst. Die ausgiebigen Recherchen der Autorin werden an der Tiefe der Alltagsbeobachtungen bemerkbar, an der Nutzung von aus diesem Jahrhundert stammenden Redewendungen und dem erfrischenden Blick auf in Magie vertrauende Traditionen. Die schleichende, aus Angst vollzogene Zersprengung von engen Frauengruppen, die der Text eindrücklich erzählt, machen ihn für die Kritikerin gleichzeitig zu einem wichtigen Dokument vergangener Femizide. Auf spannende Weise verweist der Roman auf die Wildheit und Lebensweisheit dieser Gruppen, beobachtet Horst.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 15.11.2025

Rezensent Nils Schniederjann gruselt sich angemessen mit Olga Ravns Roman, in dem eine Wachsfigur von den Hexenprozessen des 17. Jahrhunderts erzählt: Sie vermischt darin historische Quellen und magische Fabulierlust. Die Erschafferin des Püppchens, die Adelige Christenze Kruckow, widersetzt sich den gängigen Konventionen, in ihrem Frauenzirkel wird weibliche Solidarität geübt, von außen werden sie der Hexerei bezichtigt, schildert Schniederjann. Für ihn hat Ravn hier einen sprachlich wie inhaltlich klugen Roman geschaffen, der auch die Hoffnungslosigkeit des magischen Denkens nicht außer Acht lässt.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 27.10.2025

Fantastik ist nichts Neues in der Literatur, aber dass ein zum Baby geformter Wachsklumpen einen Roman erzählt, das gab es laut Rezensent Nico Bleutge noch nicht: Die Dänin Olga Ravn hat einen Roman über einen Hexenprozess zu Beginn des 17. Jahrhunderts geschrieben. Das Wachskind erzählt von einem Gut auf der dänischen Insel Fünen: Das fünfzehnte Kind einer reichen Hausdame stirbt im Säuglingsalter - das kann nur Hexerei sein! Da wird es gefährlich für die Adelsdame Christenze Kruckow, die im Haushalt lebt. Die adelige Zofe flieht kurzerhand, aber das bewahrt sie nicht vor dem Hexenprozess, der zu ihrem Tod führt, wie Bleutge berichtet. Neben der starken Handlung überzeugt ihn vor allem, wie Ravn mittels des Wachsklumpens eine "durch und durch frauenfeindliche Lebenswelt" zeichnet, überzeugende Bilder und spannende Perspektiven findet und damit einen besonderen Roman vorgelegt hat. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.10.2025

Feministischer Horror lebt auf, konstatiert Rezensentin Susanne Romanowski, und die dänische Autorin Olga Ravn hat es auf jeden Fall drauf: Als Schauplatz und -zeit hat sie sich Aalborg 1620 ausgesucht, dort sind Hexenprozesse im Gange, die angeklagte Christence flieht, nachdem ihr wieder ein Baby gestorben ist. Sie trägt die Erzählerin der Geschichte bei sich: Es ist ein aus Bienenwachs modelliertes Kind, das selbst handlungsunfähig ist, aber seine Informationen über übernatürliche Wege vermittelt bekommt. Das verfluchte Püppchen sucht ebenso nach Nähe wie Christence, die sich mit allerhand Hexerei auseinandersetzt, aber auch mit Handarbeiten und mit den reinen ökonomischen Bedingungen einer Hinrichtung, zum Beispiel dem Preis für das Bier für den Henker. Für die Kritikerin ein Buch, das in seinen bedrückenden Schilderungen frauenfeindlicher Umgebungen extrem aktuell ist.

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