Ernst Augustin

Eastend

Roman
Cover: Eastend
C. H. Beck Verlag, München 2005
ISBN 9783406535482
Gebunden, 328 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Almund Grau, der Psychotherapeut, hat erreicht, was ein Mensch erreichen kann, Reichtum, Ansehen und ein kleines Haus in London. Auf die Frage nach dem Rezept antwortet er: Mit ein wenig Arbeit und sehr viel Zauberei. Denn dies ist die moderne Geschichte vom "Geist in der Flasche", der dem Erretter drei Wünsche freistellt.
Begonnen hatte es harmlos in München, als er sich eines Tages von seiner Ehefrau Kerrie bewegen lässt, mit ihr in "die Gruppe" zu gehen, nicht wissend, dass solche Gruppenerfahrungen bisweilen Ausmaße griechischer Tragödien annehmen: Kerrie läuft ihm davon, und er, Almund Grau in seiner Verzweiflung, flüchtet sich in ein selbsterfundenes Auswandererschicksal. Er geht nach London, um sich zu verlieren oder auch wiederzufinden. Denn wie in einem Bedeutungsrätsel, dessen Schlüssel vorher nicht erkennbar war, findet er sich zur rechten Zeit am rechten Ort, um den armen und zugleich seltsam mächtigen Mr. Bannister aus seiner Gefangenschaft (aus dem Eisschrank) zu befreien. Schlüssel zu Geheimnissen, Wissen und den scharfen Waffen des Psychotherapeuten, mit denen er schließlich als "blutiger Rächer" in die Gruppe zurückkehrt, um sich seine Kerrie zurückzuholen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.06.2006

Rezensentin Beatrice von Matt ist ausgesprochen beeindruckt von der Fähigkeit dieses Autors, Dinge so realistisch zu beschreiben, dass sie fast schon in eine "unheimliche Irrealität" kippen. "Fremde Gegenden" verwandele er zu "abenteuerlichen Fluchtbereichen im Kopf" schreibt sie voller Anerkennung für ein unterschätzes und noch zu entdeckendes literarisches Talent. Auch den Schauplatz dieses jetzt wieder aufgelegten Romans, das Londoner Eastend , fand sie "so detailliert wiedergegeben", dass dieses "fantastische London" für sie beim Lesen fast den gleichen Sog, wie auf die Protagonistin ausübt, für die Grenzen des Wirklichen immer schwerer zu differenzieren sind. In dieser Atmosphäre fand Matt die schwierige und intensive Geschichte eines Mannes und einer Frau beschrieben, und am Ende die Liebe als rettende Kraft in die Unwirklichkeit des Lebens treten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.02.2006

Ulrich Rüdenauer ist von diesem "wunderbar bizzaren" Buch, das bereits 1983 erstmals erschien und nun wieder aufgelegt wurde, entzückt. "Eastend" von Ernst Augustin hat bis heute kaum "Patina angesetzt", versichert der begeisterte Rezensent. Die Hauptfigur Almund Grau wird von seiner Frau in eine "Encounter-Gruppe" gedrängt, was dazu führt, dass die Ehe zerbricht und Grau sich umzubringen versucht. Herrlich "charmant und bissig" schildert der Autor die Psychoszene der 80er Jahre, schwärmt der Rezensent, wenn er auch der Meinung ist, dass die Wirklichkeit in den Achtzigern wahrscheinlich "noch komischer und gehässiger" aussah. Im zweiten Teil dann schwingt der Roman ins Phantastische, Surreale. Rüdenauer findet gerade die Verquickung von "urbanen und mentalen Stimmungen", die der Protagonist im Londoner Eastend erlebt, einfach "hinreißend".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 29.12.2005

Als er in den Achtzigern zum ersten Mal erschien, wurde Ernst Augustins Roman über das Londoner "Eastend" von der Kritik "hochgejubelt". Und das zu Recht, wie Dieter Hildebrandt, einst verantwortlicher Lektor, anmerkt. Keine Abstriche von der damaligen einhelligen Begeisterung will Hildebrandt machen. Seinerzeit provozierte die Schreibkunst Augustins einen Aufschrei in dürrer Literatur-Zeit: "Es wird wieder erzählt!" Das gilt immer noch: Augustins Erzählen charakterisiert sein Kritiker als "einzigartig, traumatisch, hypnotisierend und rauschhaft verstörend". Doch haben, so Hildebrandt, die Londoner Terroranschläge und ähnliche urbane Katastrophen auch einen geradezu hellseherischen Zug in der Darstellung der Verwandlung des Schriftstellers Almund Grau in den Psychotherapeuten Almond Gray zu Tage gefördert. Augustin hat seiner Zeit voraus gegriffen und gezeigt: die Stadt als "unheimliche Phantasmagorie", die "panische Perspektive des Einzelnen". Statt Benjaminscher Zweit-Natur eine "begehbare Chaostheorie". Der Schmelztiegel, schließt Hildebrandt werbend-dräuend, "erhitzt sich zum Höllenofen".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.12.2005

Ernst Augustin ist mit der Psychoszene der 70er Jahre bestens vertraut, wie dieser erstmalig 1982 erschienene Roman beweist, stellt Sabine Doering fest. Der Autor erzählt vom Schriftsteller Almund Grau, der durch seine Frau Eingang in eine Selbsterfahrungsgruppe erhält, dort als "therapieresistent" ausgeschlossen wird und - nachdem auch seine Ehe gescheitert ist - ins Eastend von London abtaucht. "Fern und leicht skurril" sind die Innenansichten der Selbsterfahrungsgruppe für heutige Leser, doch "um so vergnüglicher" lesen sich die Erlebnisse des Helden, versichert Doering begeistert. Fasziniert ist sie auch von der Wandlungsfähigkeit des Romans, der von einer "Satire über die deutsche Psychoszene" unversehens zum "fröhlichen Reisebericht" über das London der 70er Jahre gerät. Am Ende kehrt Grau gar unter dem Namen Almond Grey als selbst ernannter Psychotherapeut triumphal nach München zurück und wird dort zum "gefeierten Helden", staunt die Rezensentin, die Augustins im Buch vollzogene Wandlung vom "satirischen Zeitkritiker" zum "modernen Märchenerzähler" auch heute noch als Garant für "ungetrübte Lesefreude" lobt.
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