Olga Martynova

Mörikes Schlüsselbein

Roman
Cover: Mörikes Schlüsselbein
Droschl Verlag, Graz/Wien 2013
ISBN 9783854208419
Gebunden, 320 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Marina und Andreas sind ein mehr oder weniger stabil verheiratetes russisch-deutsches Paar in den besten Jahren, in ihrem Freundeskreis Schriftsteller, Dichter, Künstler: der Sinologe Pawel kennt zwar nach wie vor hunderte von chinesischen Gedichten auswendig, vergisst aber, was vor einer Stunde war, der Ballerina Antonia sind die Menschen ausgegangen, denen sie von ihren Tourneen Geschenke mitbringen kann, und aus dem Russisch-Studenten John ist ein Agent geworden. Und während der alte russische Dichter Fjodor stirbt, werden gerade wieder neue Künstler geboren: Andreas' und Marinas Sohn Moritz wird zum Dichter, ihre Tochter Franziska zur Malerin. Mit feinstem Sinn für die Realität, einem offenen Blick für das Phantastische und dem für sie typischen Humor erzählt Olga Martynova von der Selbstfindung und der Situation des Künstlers in der Gegenwart - und verbindet das auch noch mit einem Schuss Agentenroman.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.07.2013

Angenehm getragen fühlt sich Angelika Overath von Olga Martynova und ihrem turbulenten russisch-deutschen Welttheater "Mörikes Schlüsselbein". Das liegt zum einen an der poetischen Sensibilität der Autorin für Worte und Leitmotive, zum anderen am Wagnis, das traditionelle Erzählen in Richtung radikale Fantasie zu verlassen, ohne schwer zu werden und das Alltägliche zu missachten. Im Buch begegnet Overath Paaren und Patchworkfamilien, verkehrt in deutsch-russischen Künstlerkreisen und gelangt bis nach St. Petersburg und in die Taiga.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.05.2013

Ob sie die Handlung dieses zweiten Romans der auf Russisch und Deutsch schreibenden Olga Martyrnova leichthändig zusammenfassen sollte, weiß Meike Fessmann nicht genau. Schließlich handelt es sich nicht einfach um die Geschichte einer deutsch-russischen Patchwork-Familie in Berlin. So episodisch sprunghaft und realistisch, wie der Roman einerseits angelegt ist, so poetisch erscheint er Fessmann zwischendrin immer wieder, magisch geradezu. Und dass die dargestellten Verstrickungen weit mehr als familiär sind, ahnt Fessmann auch. Es geht um die eigenen Wurzeln, Luftwurzeln in diesem Fall, und, so Fessmann, um das erfrischende Spiel mit Traditionen, der deutschen Romantik etwa, der das Buch der Rezensentin zufolge neue Perspektiven abgewinnt. Ferner um die Sprache, die Fessmann hier beweglich erscheint, reich an Stimmlagen und Rhythmen, und um Bildwelten aus zwei Kulturen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.05.2013

Bloß nicht von diesem nichtssagenden Klappentext abschrecken lassen, warnt Rezensent Jan Wiele. Denn Olga Martynovas neuer Roman "Mörikes Schlüsselbein" ist viel mehr als ein "liebevoller Familienroman", betont der Kritiker. Er entdeckt hier die in der deutschsprachigen Literatur lang vergessene Rätselhaftigkeit eines Alfred Döblin oder Arno Schmidt, und so erschließen sich dem verzauberten Kritiker viele Geheimnisse des "elegant" erzählten Romans erst lange nach der Lektüre. Gebannt lässt sich Wiele in das Textlabyrinth ziehen, in dem nicht nur die Orte und Zeitebenen durcheinander springen, sondern auch eine Vielzahl verschiedener Figuren mit ihrer bisweilen "traumhaft-grotesken" Weltwahrnehmung auftreten: Allen voran der Tübinger Student Moritz, den der Kritiker von Chicago und New York über Frankfurt und Berlin nach St. Petersburg und in die Taiga begleitet. Dieses dicht gewebte Assoziationsnetz, in dem neben Leskow und Dostojewski auch ein Jack Kerouac zitierender Schamane erscheint und das Motiv des Lesens die einzelnen Episoden immer wieder kunstvoll verknüpft, hat den Rezensenten nachhaltig beeindruckt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.04.2013

Olga Martynova ist eine sehr belesene Autorin und offenbar scheint sie auch eine gewisse Vorbelastung in dieser Hinsicht von ihren Lesern und Leserinnen zu erwarten, wenn wir Rezensentin Judith von Sternburg richtig verstehen. Sternburg hat den neuen Roman der deutsch-russischen Autorin mit Vergnügen gelesen, er strotzt vor lebhaften Figuren, fantastischen Einfällen und Szenen aus dem "Irrwitz des Lebens" oder der Literatur. Alles ist mit allem verbunden, Werbeagenturen in New York mit Schamanen in der kasachischen Steppe oder eben mit Mörikes Schlüsselbein in Tübingen, wenn auch nicht unbedingt sinnvoll. So viel "heitere Illusionslosigkeit" hat die hocherfreute Sternburg lange nicht mehr in einem Roman erlebt, aber auch nicht so viel Glauben an die Macht der Literatur.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.03.2013

Mit großer Lust und Freude hat sich Christoph Schröder in das anarchische Assoziations- und Episodenlabyrinth dieses zwar motivisch, aber kaum inhaltlich zusammengehaltenen Romans der Bachmann-Preisträgerin Olga Martynova begeben, deren sensibles Sprachgefühl für den Rezensenten vor dem Hintergrund, dass sie Deutsch erst spät als Fremdsprache gelernt hat, geradezu an ein Wunder grenzt. Nahezu unmöglich aber, in dieser Abfolge von Überblendungen einen konstituierenden Plot ausfindig zu machen, schreibt Schröder. Irgendwie geht es um die chaotischen Lebensentwürfe einer internationalen Bohème, was die episodische Struktur des Werks sehr einleuchtend mache: "Form und Inhalt fallen (...) zusammen".
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