Norbert Scheuer

Überm Rauschen

Roman
Cover: Überm Rauschen
C. H. Beck Verlag, München 2009
ISBN 9783406590726
Gebunden, 176 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Einst sind der Vater und die Brüder gemeinsam fischen gegangen, das Rauschen des Wehrs hinter der Gaststätte in der Eifel, in der sie gelebt haben, hat die Kindheit der Brüder mit Ahnungen und Phantasien belebt. Aber der Vater, der beim Angeln immer auf der Suche nach einem riesigen, mythischen Urfisch war, ist schon lange tot. Und der ältere Bruder Hermann ist abgeholt worden, musste in die Klinik, er hat den Verstand verloren, sein Schicksal ist ungewiss. Der jüngere Bruder, der Ich-Erzähler, ist zurückgekehrt an den Ort der Kindheit, um der Familie zu helfen, steht im Fluss, angelt und lässt das Leben des Bruders, sein eigenes, das der Familie Revue passieren. Die Kindheit am Fluss, die erste Liebe, die kauzigen Gäste der elterlichen Gastwirtschaft, die Ausbruchsversuche des Bruders, der Niedergang der Kneipe, der Fluss und die Fische, der Tod der holländischen Gelegenheitsgeliebten des Bruders und die ungeklärte Frage nach dem eigenen leiblichen Vater - erschöpft und doch überwach versucht der Erzähler, aus den Erinnerungen und Gesprächen, Ereignissen und Beobachtungen einen Zusammenhang herzustellen, eine Erklärung zu finden.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.03.2010

Nicht manieriert findet Andrea Lüthi Norbert Scheuers Gesamtbild einer Kindheit in der Eifel, das mit Metaphern nicht spart, aber so, dass die kauzigen Eigenbrötler in ihrer magischen Parallelwelt ganz gut bedient sind, wie Lüthi erklärt. Der Roman, teilt sie uns mit, kreist um einen Erinnerungen freisetzenden Fluss mit mythischen Qualitäten, um Familie und Vater und Sohn. Die "raue" Poesie und die Melancholie kennt Lüthi schon aus früheren Werken des Autors, wie auch so manches Detail der hier ausgebreiteten Lebensgeschichten, die von der Veränderung einer ganzen Landschaft Zeugnis geben.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.10.2009

Ein Provinzroman. Spielt in der Eifel. Aber so wie Rezensent Hubert Winkels ihn erzählt, fühlt man sich an die Geschichten der Helden erinnert, die Clint Eastwood oder Robert Redford verkörperten: stille Außenseiter, die im brutalen Alltag – es gibt da einen prügelnden Stiefvater – beim Angeln den Fisch fangen wollen, dessen Sprache der verrückt gewordene Bruder der Hauptfigur versteht. Irgendwie ist das alles sehr alltäglich, aber Norbert Scheuer versteht es, diese Geschichte "so naiv", "literatur- und weltklug" zu erzählen, dass für den tief beeindruckten Winkels hier ein "Verwandlungswunder" geschieht, wie nur die Kunst es fertig bringt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.10.2009

Rezensent Ulrich Rüdenauer kennt und schätzt diesen Autor, seine kleinen, eher unspektakulären Geschichten, die Szenerien und Charaktere und sein Thema (Erinnerung) schon seit langem. Wieder ist es das eindringliche Aufspüren von Abgründen in der Provinzwelt, die vergebliche Suche der Protagonisten nach Glück, Sinn und Transzendenz, was Rüdenauer an diesem Roman fasziniert. Das von Norbert Scheuer so unterschiedlich gezeichnete Bruderpaar in dieser von Abschied, Verlust und Wiederkehr erzählenden Familiengeschichte erinnert den Rezensenten nicht zuletzt an die "Unbezwingbarkeit von Herkunft und Tradiertem überhaupt".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2009

In den Romanen Norbert Scheuers wird, so lässt sich Gerhard Schulz' emphatische Kritik zusammenfassen, die Eifel zur Welt. Nicht erst hier, denn nachdrücklich empfiehlt der Rezensent die Lektüre bereits der beiden vorangegangenen Romane "Flussabwärts" und "Kall, Eifel". Ganz falsch wäre es darum, so Schulz, die Bücher dieses Autors als Regional- oder Heimatliteratur in einem engen Sinn zu begreifen. Der Begrenztheit des Schauplatzes nämlich zum Trotz gehe es Scheuer um nicht weniger als "Menschen, die Glück und Gelingen suchen". Sie tun's in der Eifel und also - wie der Ich-Erzähler Norbert in diesem Roman - im Kleinen. Und viel Aufhebens um ihr Tun und Lassen macht Scheuer absichtlich nicht. Großes Augenmerk gilt hier ausgerechnet dem Fliegenfischen, bis ins Detail. Aber das ist dann wohl das wahre Wunder des Romans: Wie sich die Enge von Ort und Stelle durch Denken und Genauigkeit und Fantasie im Erzählen ins Große weitet.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.10.2009

Rezensentin Eva Behrendt kann Wasser- und Angelmetaphern nur in dosierten Mengen ertragen und ist nun sichtlich erbost, diese in Norbert Scheuers neuem Roman "Überm Rauschen" geradezu überschäumend vorzufinden. Dabei ist sie zu Beginn des Romans noch recht angetan von der Geschichte um den Ich-Erzähler Leo, der nach Hause in die Eifel zurückkehrt und sich vermittels des Angelns an die Kindheit voller Tristesse erinnert: mit dem Vater, der Bakunin liest und trinkt, der Mutter, die als Wirtin die Gäste für Affären nutzt, und dem Bruder, der Schritt für Schritt verrückt wird. Hier am Anfang gefallen ihr die Beschreibungen des Angelns noch, sie findet sie "expressiv" und die beigefügten Zeichnungen "ausdrucksvoll". Mit steigender Seitenzahl jedoch erkennt die Rezensentin statt Expressivität nur noch leere Phrasen und zeigt sich sichtlich erleichtert, als der Bruder endlich in die Psychiatrie abgeholt wird und sich damit das Ende des Buches ankündigt. Der "plätschernden Esoterik des 'Alles fließt'" hätte sie nicht länger zuhören wollen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.09.2009

Nur auf den ersten Blick stellt sich Norbert Scheuers neuer Roman als reine Liebeserklärung an die Eifel, einen Fluss und das Angeln dar, erklärt ein sehr faszinierter Lothar Müller. Der 1951 in Prüm in der Eifel geborene Autor erzählt darin eine Familiengeschichte, über einen vom Angeln besessenen Vater, einen Bruder, der den Verstand verliert und einer unglücklichen Ehe, fasst der Rezensent zusammen. Tief eingebettet sind die Geschichten, die der heimkehrende Erzähler über seine Familie erzählt, in die von Industrialisierung und Krieg gezeichneten Landschaft der Eifel und sie klingen dem Rezensenten wie "längst schon erzählte" Geschichten in den Ohren. Der immer mehr dem Wahn verfallende Bruder erscheint ihm dabei weniger als "modernes Individuum", sondern wie eine Figur aus "alten Balladen oder Kalendergeschichten" und nicht zuletzt sie verleiht dem ganzen Buch einen seltsamen "Schwebezustand" zwischen Gegenwartsschilderung und Mythos, was Müller ganz in Bann geschlagen zu haben scheint. Lediglich die dem Buch beigegebenen wissenschaftlich genauen Zeichnungen von Fischen, die dem mythischen Unterton des Romans zuwider laufen, wie er findet, stören den ansonsten sehr beeindruckten Rezensent ein wenig.
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