Mona Yahia

Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom

Roman
Cover: Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783821809137
Gebunden, 426 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle. Das Wolfszahn-Amulett ihrer syrischen Kinderfrau, die Streiche, Kämpfe und Freundschaften in der jüdischen Schule, das jährliche Wettschwimmen im Tigris, die Gesänge der Beduinenfrauen im Soukh, der Duft nach Orangenschalen auf dem Herd im Winter: Linas Alltag im Bagdad der sechziger Jahre ist voller Gerüche, Geschichten, Sprachen und Geräusche. Doch je älter sie wird, desto deutlicher bemerkt sie die Zeichen der Veränderung: arabische Männer, die eine Frau beschimpfen, weil sie auf der Straße ein Lied singt. Die leeren Bänke in der Schule, wenn wieder eine Freundin über Nacht ins Ausland verschwunden ist. Als Flugblätter in arabischer Sprache vom Himmel regnen und den glorreichen Sieg der Revolution verkünden, weiß auch Lina, dass sich das weltoffene Bagdad vor den grauen VW-Käfern der Geheimpolizei fürchten muss...

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 31.01.2003

Ein "farbiges Porträt einer vergangenen Zeit" erblickt Rezensent Daniel Bax in Mona Yahias Debütroman "Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom", der die Geschichte der jüdischen Gemeinde im Irak erzählt. Beschrieben aus der Sicht des Mädchens Lina, das aufgrund der politischen Umstände aus einer sorglosen Kindheit gerissen wird und zugleich die Wirrungen der Pubertät durchlebt, so Bax, "entfaltet der Roman das anschauliche Bild eines Mikrokosmos, in dem sich die Verwerfungen der gesamten Region spiegeln". Dabei findet Bax den Roman nicht nur als Dokument, sondern auch als literarisches Debüt "bemerkenswert", auch wenn manche Schwäche nicht zu übersehen sei. So habe Yahia ihre Kindheitsgeschichte akribisch um die historischen Fakten ergänzt, weswegen man oft nicht wisse, wer gerade spricht: Die minderjährige Ich-Erzählerin oder die gereifte Autorin, die aus der Distanz um die größeren Zusammenhänge weiß. Aber die Fülle und der Detailreichtum der anekdotischen Betrachtungen haben Bax dann doch überzeugt. Alles in allem illustriert Yahias Roman seiner Ansicht nach "exemplarisch die Wechselfälle einer Minderheit in einer Region, die einst ein zusammenhängender Kulturraum war, bevor sie von Grenzen zerschnitten wurde".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.01.2003

Mona Yahias Roman "Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom" hat Rezensent Stefan Weidner vollauf begeistert. Wie Weidner ausführt, erzählt die Autorin darin die Geschichte der letzten Juden von Bagdad, die auch ihre eigene Geschichte ist. Obwohl viele der Erinnerungen und Erlebnisse der Hauptfigur und Ich-Erzählerin autobiografisch sind, handelt es sich nach Ansicht des Rezensenten nicht um eine verkappte Autobiografie. Dazu sei der Roman viel zu konsequent und geschickt literarisch aufbereitet, findet Weidner, fast jedes Kapitel schlage einen eigenen Spannungsbogen und bleibe doch mit der restlichen Geschichte verwoben; die Ereignisse würden weitgehend szenisch aufbereitet; Informationen über die Geschichte der Juden im Irak vermittelten dem überraschten Leser die notwendigen Hintergrundinformationen. Entstanden ist nach Einschätzung Weidners ein Buch von "außerordentlicher Qualität", das von Diskriminierung, Identität und Flucht erzählt. "Mit Mona Yahia ragt das Ende der ältesten Geschichte, der Geschichte der Juden im Irak", so Weidner abschließend, "in den Anfang der neuesten, der des polyglotten, transnationalen Weltbürgertums, das es als sinnlos erscheinen lässt, nach Identitäten, Muttersprachen und vielleicht auch Religionen zu fragen."
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.12.2002

Eine große Diskrepanz zwischen Form und Inhalt entdeckt der Rezensent Uwe Stolzmann bei diesem zumindest in Teilen autobiografischen Roman. Während die Geschichte seiner Meinung nach absolut packend ist - einfach aufgrund der Fakten, die sie schildert - vermisst er bei der Autorin erzählerische Souveränität: "Die Bandbreite mitreißender Geschichten kontrastiert deutlich mit dieser sprachlichen Unvollkommenheit" Die Unvollkommenheiten bestehen nach Meinung des Rezensenten vor allem in "viel Biedersinn und deutlichen Schwachstellen" bei den Dialogen. Dafür lohnt die Geschichte, die die Autorin erzählt, umso mehr. Sie ist Stolzmanns Empfinden nach "im Grunde die Geschichte so mancher Minderheit in missgünstiger Umgebung".
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