Herausgegeben von Petra Boden und Dorothea Böck. Zentralisierung und Wissenschaft als Produktivkraft - unter Losungen wie diesen begann die politische Führung der DDR am Ende der sechziger Jahre parallel zu Prag und Paris eine schier atemberaubende Modernisierungskampagne in Gang zu setzen: Reformdruck auf Basis und Überbau, also auch auf den gesamten Universitäts- und Akademiebetrieb. "Theoria cum praxi" war die für Natur- und Geisteswissenschaften gleichermaßen postulierte und an dem 1969 gegründeten Zentralinstitut für Literaturgeschichte konsequent verfolgte Maxime um vieles konsequenter, wie sich erweisen sollte, als von oben erwartet und geduldet. Das belegen die am ZIL erarbeiteten Publikationen, allen voran Gesellschaft Literatur Lesen, jener in der DDR nicht nur theoretisch als Demokratisierungsimpuls begriffene Beitrag zur internationalen Diskussion um die Rezeptionstheorie. Das zeigt auch die Geschichte des Instituts ein in dieser Art bis heute in der deutschen Wissenschaftslandschaft einzigartiges Experiment.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.09.2004
Der Rezensent Frank-Rutger Hausmann findet diese Studie über das Zentralinstitut für Literaturgeschichte an der Akademie der Wissenschaften sehr spannend. Vor allem fasziniert ihn der Umstand, dass geisteswissenschaftliche Disziplinen in der DDR vordergründig ein höheres Prestige genossen als in der Bundesrepublik, wo sich die Politik meist nur für praxisorientierte, international ausgerichtete Wissenschaften interessiert. Das hatte allerdings auch zur Folge, dass die Forscher oft in einem schwierigen Spagat zwischen ihren Forschungsauftrag und den politischen Erwartungen, die in sie gesetzt wurden, gefangen waren. Der zentrale Teil des umfangreichen Buches von Petra Boden und Dorothea Böck, die selbst Mitarbeiterinnen des Instituts waren, sind sieben ausführliche Interviews mit zentralen Gründungsmitgliedern des Instituts: Hierin sieht der Rezensent eine "höchst aktive wissenschaftliche Welt" zum Leben erweckt, "von der allenfalls ein paar kluge Bücher und Forschungsprojekte überdauert haben". Doch auch wenn ihre wissenschaftliche Stellung in der DDR vielleicht hoch war und die auch einige interessante gesellschaftspolitischen Ansätze im Gepäck hatten, so war es doch den Literaturwissenschaftler doch kaum möglich, konkret politisch Einfluss zu nehmen. Skeptisch bleibt Hausmann angesichts der Selbstwahrnehmung der Interviewten als "Abweichler, Außenseiter, Dissidenten, Querköpfe und Verfolgte". Da fragt er sich doch, "wie sie so lange in ihren gehobenen Positionen verharren konnten".
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