Mirjam Schaub
Radikalität und der Riss zwischen Theorie und Praxis
Eine unerhörte Kulturphilosophie. Antiker Aktivismus, frühchristliche Militanz, venezianischer Maskengebrauch (399 v. Chr. - 1797 n. Chr.)

Felix Meiner Verlag, Hamburg 2025
ISBN 9783787349388
Gebunden, 368 Seiten, 48,00 EUR
ISBN 9783787349388
Gebunden, 368 Seiten, 48,00 EUR
Klappentext
Eine Videoaufnahme eines Gesprächs mit Mirjam Schaub, Veranstaltungshinweise und ergänzende Informationen finden Sie unter meiner.de/radikalitaet.Schillernd und fremd, lässt sich Radikalität zu allen Zeiten und in allen Kulturen mit ihrem Hang zum Unbedingten beobachten. Fast immer wirkt sie anstößig und beschämend, wenn auch in Philosophie und Kunst seltener als in Religion, Politik, Gesellschaft. Attraktiv bleibt sie, weil sie etwas Essentielles verspricht: die Schließung des mitunter feinen Risses zwischen Theorie und Praxis, als Versprechen der eigenen Unerpressbarkeit.Diesem Riss und seinen unerhörten Auswirkungen geht der erste Band von Mirjam Schaubs großem kulturphilosophischem Entwurf nach. Das Buch entführt in die griechische Antike, als ein Theoretiker noch ein fahrender Kulturbotschafter im Mittelmeerraum und eben kein Philosoph ist. Es fragt nach dem Selbstmord des Sokrates und warum dessen Radikalität zugleich eine Wunde schlägt, die Aristoteles meint heilen zu müssen. Um Nachahmung zu unterbinden und zugleich der Philosophie eine Zukunft zu eröffnen, erfindet Aristoteles die Theorie-Praxis-Lücke, indem er Idee und Tat ein Stück weit auseinanderrückt. Diogenes von Sinope aber rebelliert mit drastischen Mitteln gegen diesen heilsamen Schachzug. Er stiftet soziale Unruhe, sorgt für helle Empörung, indem er hedonistische wie asketische Praktiken in aller Öffentlichkeit propagiert. Unfähig, dieses grelle 'Und' aus Askese und Hedonismus auszuhalten, zersplittert das radikale, kynische Erbe und teilt sich, folgt man Michel Foucault, auf in Karneval, Mönchtum und Kunst. Diesem Vorschlag geht das Buch nach. In Venedig eröffnet sich mit der ersten europäischen Pest ab 1348 der Gebrauch einer anonymisierenden Maske: Wer seine Komplizen nicht kennt, kann niemanden verraten. Eine solch selbstironische 'Teilzeitradikalität' setzt auf Selbstdistanzierung, unpersönliche Formen der Interaktion und auf ein Vertrauen, das absichtlich blind ist.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.01.2026
Rezensent Dieter Thomä wirkt fast ein wenig überrascht davon, wie zwiegespalten er selbst Mirjam Schaubs Buch gegenüber steht. Denn einerseits mache es sich die Philosophin, die hier den Fokus weniger auf die politischen Formen von Radikalität legt, sondern mehr auf "Geisteszustand und Lebensart" ihrer Vertreter, zu einfach: von Moralurteilen wird zuerst Abstand genommen, die Radikalen sind dann aber doch eindeutig "die Guten", moniert Thomä. "Ein Ärgernis" seien auch eklatante inhaltliche Lücken (Marx und Nitzsche fehlen etwa fast ganz), eine zum Teil "erratische" Auswahl von Personen und Themen (warum ein Kapitel zu Veganismus, fragt Thomä?), und eine erschreckende Anzahl an Schreibfehlern. Und trotzdem erlebt der Philosoph dann ein "blaues Wunder", wenn er doch in den Bann gezogen wird von Schaubs eklektischer Darstellung: er staunt über die "sperrigen, rührenden Gestalten", die Schaub hier ins Rampenlicht zerre, über die riesigen, zum Teil riskanten inhaltlichen und historischen Bögen, die sie dabei schlägt, auch über ihr Gespür für das Humorpotenzial von Radikalität. Besonders einen Vergleich von Adorno, Ernst Heinitz und Helmuth Plessner in Bezug auf ihre Haltung zu den Studentenprotesten hält Thomä für ein "Glanzstück". Eine wilde Mischung, vermittelt Thomä, die Versäumnisse, aber auch eine "gelungene Überraschung" bereithält.
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