Identitätsfindung, unterdrückte Leidenschaften, blockierte Zukunft - Kessels Studie widmet sich der Langeweile als einem Phänomen der westlichen Moderne.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 21.03.2002
Für Wilhelm Trapp lässt Martina Kessels Buch nur einen Schluss zu: Auch historisch gesehen ist die Langeweile weiblich. Eine "verdammt spannende Sache" nennt Trapp daher die Studie der Historikerin Kessel über den Umgang mit Zeit und Gefühlen in Deutschland. Leider hat er für seine Rezension nicht viel Raum, weshalb er nur einige Punkte streifen kann. Kessels zentrale theoretische Figur jedenfalls findet er absolut überzeugend: dass die bürgerliche Identität auf einer linearen Zeitorientierung gründe, sich alle Ziele und Wünsche des Subjekts in die Zukunft verlagern. Allein, davon waren Frauen ausgeschlossen: Über Generationen war der bürgerlichen Frau nur absolute Gegenwart zugesprochen, Warten und Stricken, keine Zukunft. Für Männer, umreißt Trapp Kessels Gedankenführung, sah das Zeitethos dagegen Lebensplanung vor. Das bedeutete Arbeitsdruck oder ästhetisch-sinnvolle Freizeit. Langeweile stellte (und stellt) sich bei ihnen nur nach einer allzu rasanten Karriere ein.
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