Klappentext
Herausgegeben von Jayne-Ann Igel, Jan Kuhlbrodt und der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Das Lyrikdebüt von Marit Heuß ist der Wahrnehmung der Wirklichkeit verschrieben: von den Wissower Klinken bis zur Küste Portugals. Den Blick begleiten dabei Lektüren und Kunsterlebnisse, aber auch historische Gedächtnisspuren, die der Landschaft eingeschrieben sind. Ein italienischer Palazzo, ein in die Jahre gekommener "lieblicher Ort" mit vergitterten Wegen und unheimlichen Echsen, verleiht dem Gedichtband den Titel: Verschlissenes Idyll.So vielfältig wie die Szenerien sind die formalen Spielarten des Bands, in dem sich "Langgedichte und kürzere Formen zu einer Art Vexierbild verschränken", so Jan Kuhlbrodt im Nachwort. Im vielstrophigen Gedicht Palacio invísível, das sich wie eine lange Wanderung entlang des portugiesischen Meeresufers liest, wird ein lyrischer Redestrom eröffnet, bei dem die Elemente selbst den Text mitschreiben - wenn der "Wind die Seiten" wendet und das Gedicht so auf traumsichere Weise "verlängert".
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2026
Ein "leuchtendes" Lyrikdebüt hält Rezensent Christian Metz mit diesem Buch der Literaturwissenschaftlerin Marit Heuß in den Händen. In sieben Zyklen materialisiere Heuß Naturphänomene, mache sie greifbar und weiterverarbeitbar: "Ich rieb die Wolken aus den Augen, bis der Himmel wieder frei lag", zitiert Metz. Doch die Schönheit hat auch eine Kehrseite: Das titelgebende verschlissene Idyll zeigt, wie sich Eindrücke Blick für Blick abnutzen, bis nur noch Melancholie und ein "rein geistiges Gut" blieben, bemerkt der Kritiker. Er sieht die Dichterin in einer ostdeutschen Tradition von Wolfgang Hilbig über Sarah Kirsch bis Elke Erb, entdeckt aber auch einen ganz eigenen Ton "pointierter Gegenwartsdiagnostik".
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 19.12.2025
Rezensent Helmut Böttiger hält die Lyrik von Marit Heuß für absolut eigenständig, auch wenn der spröde Ton und die in den Texten aufgerufenen Abraumlandschaften der Braunkohlereviere der DDR ihn an Wolfgang Hilbig erinnern und die Autorin andere literarische Verweise wie etwa auf den Barockdrichter Paul Fleming oder Ingeborg Bachmann anklingen lässt. Bei einer Literaturwissenschaftlerin wie Heuß für Böttiger gar keine Überraschung. Melancholie und Endzeitstimmung grundieren die Gedichte laut Böttiger. Zugleich vermitteln die Texte mit Vokabular wie "Joghurtmüll" und "Raver-Shirts" nicht nur "absolute Gegenwart", sondern erinnern auch an die Romantik, schließt der Kritiker, der sich von Heuß gern durch "die Gärten der gestürzten Könige" führen lässt.
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