Marguerite Duras

Hefte aus Kriegszeiten

Cover: Hefte aus Kriegszeiten
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007
ISBN 9783518419243
Gebunden, 397 Seiten, 24,80 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Anne Weber. "Hefte aus Kriegszeiten" hat Marguerite Duras die vier dichtbeschriebenen Schulhefte genannt, die sie lange Zeit in ihrem legendären "blauen Schrank" aufbewahrte. Die Aufzeichnungen aus den Jahren 1943 bis 1949, vom Beginn ihrer schriftstellerischen Laufbahn, sind von ganz eigenem Reiz. Hier finden sich bereits die zentralen Themen ihres Lebens und späteren Werks: Kindheit und Jugend in Indochina; die ambivalente Beziehung zur Mutter und zu den beiden Brüdern; die Beziehung zu einem Vietnamesen, die sie später in ihrem berühmtesten Roman, "Der Liebhaber", gestaltet. Marguerite Duras protokolliert das qualvolle Warten auf ihren in Buchenwald internierten Mann, Robert Antelme, dessen Rückkehr, die Trennung von ihm, erzählt von ihrem Engagement in der Resistance, vom Tod ihres ersten Kindes, der Geburt des Sohnes Jean.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.12.2007

Thomas Laux zeigt sich von dieser Publikation mit Marguerite Duras' frühen Schriften freudig überrascht. Nicht nur, dass die nach verschiedenen Farben unterschiedenen Hefte ein Licht auf die bisher weitgehend im Dunklen liegende Kindheit und Jugend der französischen Autorin im damaligen Indochina werfen, die Schriften enthalten auch frühe Entwürfe der berühmten Romane, die bereits ihre ganze Meisterschaft demonstrieren, so der Rezensent beeindruckt. Insofern sei die Bezeichnung 'Entwurf' ohnehin missverständlich, denn es zeige sich, dass Duras in diesen Texten bereits die Stilsicherheit und Vielschichtigkeit an den Tag lege, die dann in den späteren Romanen so faszinierten, preist Laux. Dass diese Qualitäten so klar auch aus der deutschen Fassung sprechen, rechnet der begeisterte Rezensent der Übersetzerin Anne Weber hoch an. So präsentiert sich in diesem Textkonvolut nicht etwa eine sich erst entwickelnde Schriftstellerin, sondern die "ganze Duras", betont der beeindruckte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.11.2007

Höchst fasziniert hat Rezensent Jürgen Berger die Kriegshefte der Marguerite Duras gelesen, die er weniger als Tagebücher denn als "autobiografisch gefärbte Prosaskizzen", in denen er vor allem die Entwürfe zu den späteren Romanen gesehen hat. Schon früh, so scheint es Berger, hat die Duras auf die "literarische Verwertbarkeit" ihres Lebens gedacht, und mit großem Interesse hat er deswegen erfahren, wie ungeglättet Duras hier noch ihren Stoff präsentiert. Dass sie etwa als Mitglied der Resistance ein Geständnis aus einem Nazikollaborateur herausprügeln lässt, schildert sie in den Heften mit einer "brutalen Direktkeit", die sich im Roman "Der Schmerz" nicht mehr findet. Und auch der chinesische Geschäftsmann, mit dem sie ein Verhältnis eingeht, um die Familienfinanzen aufzubessern, ist hier viel hässlicher und dümmlicher als in "Der Liebhaber". Und dies lässt Berger dann auch erkennen, warum dieser Roman nie die große "literarische Klasse" erreicht hat.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.11.2007

Wärmstens empfiehlt Rezensentin Maike Albath die "Hefte aus Kriegszeiten" von Marguerite Duras. In den Aufzeichnungen aus den Jahren 1943 bis 1949, die sie angeblich in einem alten Landhaus-Schrank "vergessen" hatte, experimentiert die junge Autorin mit verschiedenen Erzählstilen zu Autobiografischem und Fiktionalem. Verblüfft ist die Rezensentin, wieviel von der späten Duras hier im Keim erkennbar ist: Das Nebeneinander von Bedeutendem und Belanglosen genauso wie Motive beispielsweise aus "Der Schmerz" oder "Der Liebhaber". Von letzteren gibt es in den "Heften" eine andere Version zu lesen, mit einem bis auf sein Auto recht abstoßenden Liebhaber, den die Rezensentin als Figur viel prägnanter findet als den schicken Chinesen aus dem vierzig Jahre später erschienenen Roman. "Trotz einiger Längen" gefällt ihr der Band sehr, nicht zuletzt wegen der einfühlsamen Übersetzung Anne Webers und der sorgsamen Edition Sophie Bogaerts und Olivier Corpets.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.11.2007

"Den Vorzug der Wahrhaftigkeit" bescheinigt Rezensent Peter Hamm diesen aus dem Nachlass edierten Kriegstagebüchern der Marguerite Duras. Zwar sei hier die Duras nicht, wie vom Verlag "vollmundig verkündet", neu zu entdecken, da vieles aus diesen Aufzeichnungen später fast wortgleich in berühmt gewordene Bücher eingeflossen sei. Eindrucksvoll findet er sie trotzdem. Und allemal interessanter als Simone de Beauvoirs geschwätziges "Journal de Guerre". Denn Duras' Aufzeichnungen belegen Hamm die "Kontinuität eines Werkes", das von Anfang an auf die Überhöhung und Entblößung seiner Autorin zugleich gebaut gewesen sei. Hamm fasst die thematischen Blöcke der Aufzeichnungen zusammen, arbeitet besonders im Fall des Duras-Bestsellers "Der Liebhaber" Unterschiede zwischen Roman und der vorliegenden Vorstudie aus. Immer wieder stößt er auch auf Aufschlussreiches zur Dynamik der Duras-Biografie, lässt der Ton, mit dem sein Text verfasst ist, insgesamt auf fesselnden Lektürestoff schließen. Auch die Übersetzerin Anne Weber wird für ihre "sprachlich beeindruckende Arbeit" gelobt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2007

Mit großem Zweifel an der Authentizität der "Hefte" beginnt Rezensent Joseph Hanimann seine Besprechung. Zu oft habe die Duras sich zwischen Dichtung und Wirklichkeit verheddert und selbst stilisiert. Dennoch kann er den Heften, die nicht nur die Kriegszeit, sondern auch Kindheitsskizzen und die Nachkriegszeit bis 1949 betreffen, dann sehr viel abgewinnen. Viele der Personen und Stoffe ihrer späteren Romane seien hier schon präsent, mal in "unsäglicher Virulenz" (das Warten auf die Rückkehr ihres Mannes Robert Antelme aus Buchenwald in "Der Schmerz"), anderes in größerer Offenheit als später literarisch Geformtes (die Verfallenheit des jungen Mädchens an einen "Mann-im-Auto" in "Der Liebhaber"), immer wieder aber im Ringen um die Bewahrung vom "Glanz der Dinge". Neben "leeren Selbstwiederholungen", hat den Rezensenten vor allem der "ideologische Schwachsinn" Duras' genervt. Ausdrücklich aber lobt Hanimann die Übersetzung von Anne Weber als "hervorragend". Dank der "Eleganz ihres Ausdrucks" sei auch für deutsche Leser diese Publikation äußerst lesenswert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.10.2007

Als literarische Sensation bewertet Rezensentin Ina Hartwig diesen Fund aus dem Nachlass von Marguerite Duras, ihren Informationen zufolge eine Mischung aus autobiografischen Schriften und literarischen Entwürfen zu später berühmten Büchern aus den Jahren 1943-1949. Nicht nur, dass die Rezensentin beim Lesen der Entstehung eines ebenso anrüchigen wie verführerischen literarischen Anspruches zusehen konnte, der Hartwig mitunter an Celine und Genet denken lässt. Auch fand sie in den vier Heften bereits "die gesamte Architektur der Duras'schen Vorstellungswelt" enthalten. Das erste der vier Hefte enthalte beispielsweise den Urtext des Romans "Der Liebhaber", der die Duras vierzig Jahre später berühmt machen sollte. Auch die "schwarzen Erkundungen" in die Abgründe ihrer Seele während der deutschen Besatzung beeindrucken die Rezensentin menschlich und poetisch gleichermaßen. Aber die Rezensentin wertet die Publikation auch als bedeutendes zeitgeschichtliches Phänomen und Beleg, dass inzwischen auch Frankreich begonnen hätte, sich offensiv mit dem Kapitel Kollaboration auseinanderzusetzen. Hoch lobt Ina Hartwig auch Anne Webers "makellose Übersetzung".