Julian Barnes

Liebe usw.

Roman
Cover: Liebe usw.
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2002
ISBN 9783462030761
Gebunden, 253 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Eine Dreiecksgeschichte: Stuart und Gillian waren miteinander verheiratet, bis Oliver seinem Freund kurz nach der Hochzeit die Frau ausspannte. Zehn Jahre nach dieser demütigenden Erfahrung kehrt Stuart als erfolgreicher Geschäftsmann aus Amerika nach England zurück. Oliver und Gillian ist es weniger gut ergangen, denn die Ehe, wenn auch mit zwei Töchtern 'gesegnet', leidet am Alltag. Gillian ernährt die Familie, und Oliver verbirgt sein Scheitern hinter einem Schwall von Redetiraden.Stuart sieht seine Chance, helfend einzugreifen. Und zwischen ihm und Gillian beginnt es wieder zu knistern.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.08.2002

Das Einzige, was Stefana Sabin zu dem Roman zu bemerken hat ist, dass er postmodern ist. Das erklärt sie dann aber gründlich. Eingebaute Klischees aus Fernsehserien, fragmentierte Handlung, offenes Ende; und vor allem die Art, wie Julian Barnes die Geschichte erzählt. Er lässt seine Figuren sprechen, und so deutet jede für sich - oft unterschiedlich - die gemeinsam erlebte Vergangenheit, die Gegenwart und Zukunft. Jeder konstruiert sich seine eigene Realität. Das alles, erklärt Sabin, mache diese eigentlich "einfache Geschichte von der Banalität des Ehealltags und der Zufälligkeit des Ehebruchs" zu einem Roman unserer Zeit. "Es gibt nicht nur eine Wahrheit der Geschichte", das ist der Rezensentin nach der Lektüre klar geworden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.06.2002

Die drei Hauptfiguren, Stuart, Gillian und Oliver, sind bekannt: aus Barnes' Roman "Darüber reden", in dem sie, jede/r aus seiner/ihrer Sicht, ihre Version der Dreiecksgeschichte erzählten. "Liebe usw." spielt zehn Jahre später und ist, wie der Rezensent Daniel Kehlmann findet, noch mal raffinierter. Die Figuren haben sich verändert, Stuart, nun ein erfolgreicher Unternehmer, kehrt aus den USA zurück und nähert sich dem Ehepaar Gillian und Oliver. Im ersten Band, so Kehlmann, relativierten sich die Erzähler gegenseitig, diesmal aber wird, mit hinterlistiger Sympathielenkung, vor allem der Leser manipuliert. Die Wendung ins Katastrophische könnte man ahnen, sie trifft einen dann doch, wie Kehlmann versichert, überraschend. Von all dem ist der Rezensent begeistert. Die Fortsetzung findet er noch viel besser als den ersten Roman; harmlos sei hier, anders, als der erste Blick vermuten lasse, nichts. Und die Figuren, meint er, gehen einem nach den 250 Seiten auch nicht mehr aus dem Kopf.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 29.05.2002

Drei Haupterzähler gibt es in dem Roman, zwei Männer, Stuart und Oliver, sowie Gillian, die Frau im Bunde, der die wunderbare Option bleibt, wählen zu dürfen, resümiert Rezensent Martin Krumbholz. Er bescheinigt dem "amüsanten, lebensklugen und originell konstruierten" Buch einen therapeutischen Nebeneffekt, schon das Inhaltsverzeichnis sei wie der Index eines Lebensratgebers aufgebaut. Die Verführung zur Identifikation mit einer der Figuren bleibt nicht aus, meint Krumbholz. Oliver, der an "Drehbüchern oder etwas in der Art laboriere", präsentiere sich als das "was man im Englischen sophisticated nennt, als geistreich, gebildet, redegewandt". Stuart hingegen (der erste Ehemann von Gillian), in der Ökogastronomie mit geschäftlichem Erfolg tätig, erweise sich als Meister rationaler Strategien, der letztendlich Gillian, die Gemälderestauration, zurückgewinne. Julian Barnes, so Krumbholz , lässt Oliver in "Liebe usw." feststellen, das usw. meine nicht etwa Sex (der sei in "Liebe" enthalten), sondern "den Rest des Lebens, also vor allem Arbeit". Und hier liegt für Krumbholz der Fehler Olivers: in der Hierarchisierung der Formel usw. - alles außerhalb der Liebe werde beinahe zum Verschwinden gebracht. Dabei ist es doch der scheinbar marginale Rest, der auch über die Liebe entscheidet, glaubt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.05.2002

Was Barnes in diesem "gesprächigen Roman" zu sagen hat, kommt dem Rezensenten bekannt vor. Tatsächlich sind die Figuren "Wiedergänger" aus einem früheren Roman des Autors: Sie sind nur etwas älter geworden und tatsächlich geht es noch immer um die Darstellung der Gefühls-Verhältnisse unter ihnen. Auch handelt es sich hier wie dort um "keine ordentliche Prosa, sondern einen temporeich plaudernden Stimmen-Roman, in dem alle Beteiligten Monologe halten, sich gegenseitig kommentieren, aber nie miteinander reden". Wenn Hans-Peter Kunisch erklärt, Barnes nutze das verstaubte literarische Mittel der Rollenprosa auf so effektive wie überraschende Weise und arrangiere virtuos und "stilistisch ungewöhnlich leichtfüßig" eine Metakommunikation, die durch Selbstdarstellungen, Angeberei und Missverständnisse glänze, wird deutlich, warum sich der Rezensent an dieser Wiedergängerei nicht stört.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.03.2002

Als erkenntnistheoretisch unterfüttertes Stück Prosa hat Rezensent Klaus Modick den Julian-Barnes-Roman "Liebe usw." gelesen. Darin stimme Barnes einen gemischten Chor divergierender Stimmen an, indem er die Figuren "in einer raffinierten Collage aus Rollenprosa direkt zu Wort kommen" lasse: ein Ehepaar und ein Mann, die sich nach Jahren wieder treffen und hauptsächlich über die Liebe reden. Jede Figur entwickelt dabei ihren eigenen Blickwinkel auf die ideale Liebe. Doch Barnes lasse das Trio nicht nur mit roten Ohren und verträumten Blicken drauf los quatschen. Er destruiere vielmehr - und da hat Modick wohl Derrida im Hinterkopf, ohne es zuzugeben - "die illusionäre Sentimentalität, die diesen drei Konzeptionen gemeinsam ist", indem sich die Figuren zunehmend in Widersprüche verstrickten. Dementsprechend laufe der Roman, der sich durchaus flott lesen lasse, auch nicht auf ein versöhnliches komödiantisches Happy End hinaus: weil alle Beteiligten "in ihren perspektivischen Beschränkungen" gefangen blieben.
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