Julia Franck

Bauchlandung

Geschichten zum Anfassen
Cover: Bauchlandung
DuMont Verlag, Köln 2000
ISBN 9783770153657
Gebunden, 112 Seiten, 15,24 EUR

Klappentext

"Ich knie auf dem Parkett vor dem Sofa und beobachte Luise, wie sie schläft." Es klingelt. Die kleine Schwester wendet den Blick von ihr und öffnet die Tür. Es ist Olek, einer von Luises Liebhabern, von dem die große Schwester heute wirklich nichts wissen will. Dafür könnte sie selbst sich durchaus etwas mit ihm vorstellen. Sie tut es. Julia Franck erzählt Geschichten zum Anfassen: von verborgenen Gelüsten und offener Begierde. von den Fantasien einer Bademeisterin und Einblicken einer Nachbarsfrau. Ihre Erzählerinnen umtänzeln spielerisch die Lust. Sie schauen zu und malen sich aus, was geschieht.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.12.2000

Die Rezensentin ist enttäuscht von diesem Band. Dass sie ihre Enttäuschung recht ausführlich begründen kann, macht diese Besprechung lesenswert. Deutlich scheidet Katharina Döbler die "gute Idee", die hinter den Erzählungen der Autorin steckt und die sie in der "dunklen Perspektive" und den Handlungsimpulsen des Machtinstinkts, der Rache und der Rivalität erkennt, von deren Ausführung. "Das gründliche Durchspielen" der Perspektive in den Texten hat die Rezensentin nämlich kalt gelassen, die Versprechung des Untertitels - "der haptische Realismus" der Texte - hat sich für sie als sinnliche Untiefe herausgestellt. - Schade, findet Döbler.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.12.2000

Julia Franck hat einen neuen Erzählband vorgelegt. Er enthält acht Erzählungen, die alle um das Thema Liebe in den unterschiedlichsten Variationen kreisen, wie die Rezensentin Elisa Peppel erklärt. In einer geht es zum Beispiel um das Verhältnis eines todkranken Großvaters zu seiner Enkelin, in einer anderen um eine fast erotische Züge annehmende Beziehung zwischen zwei Schwestern, in einer weiteren um ein klassisches Dreiecksverhältnis. Der thematische Schwerpunkt ist jedoch nicht die einzige Klammer zwischen den Erzählungen, die Handlung in Francks Geschichten sei sogar "eher zweitrangig", findet die Rezensentin. Das Besondere und allen Erzählungen Gemeinsame sieht sie in der "Körperlichkeit der Sprache und in den Beobachtungen der Protagonisten". Sinnliche Wahrnehmungen fangen hier Stimmungen ein. Dies zeige sich besonders eindrücklich in der letzten Erzählung mit dem Titel "Mir nichts, dir nichts", für die die Autorin bei den diesjährigen Klagenfurter "Tagen der deutschsprachigen Literatur" den 3Sat-Preis erhielt, informiert Peppel. Die Erzählperspektive zeichne sich durch Genauigkeit und Härte aus, und steure überall auf den selben Punkt hin, beobachtet Peppel: Die Liebe gelingt in diesen Geschichten eigentlich nirgendwo, noch nicht einmal im Verhältnis zwischen Mutter und Tochter, wie die Erzählung "Der Hausfreund" beweise. Peppel hält nur vier Erzählungen dieses Bandes für gelungen, "Zugfahrt", "Strandbad", "Streuselschnecke" und "Für sie und für ihn" beschreibt sie als "konstruiert und künstlich". Dennoch müsse man der Autorin ihre Stärken zugute halten, die sie in den anderen Erzählungen unter Beweis stellt, findet die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.09.2000

Was für ein Prädikat: "Körperprosa". Und doch ist es bei Beatrice von Matt positiv gemeint. Denn mit dem programmatischen feministischen Schreiben von Autorinnen, die vielleicht Ähnliches in den 70er Jahren angestrebt haben, hat die Autorin nichts zu tun, befindet die Rezensentin. Die junge Berliner Schriftstellerin, die bereits zwei Romane vorgelegt hat, definiert ihre Figuren, so von Matt, über ihre Körper, über deren physiologische Veränderungen, chemische Reaktionen und Interaktionen. Dies sei zwar einerseits eine Art Wahrnehmungsverengung, schreibt von Matt, die aber gleichzeitig die Perspektive auf bisher Nicht-Beschriebenes, Unerhörtes weite. Eine Art literarischer Voyeurismus, der moralische, psychologische oder soziale Argumente außen vor lässt. Die körperliche Direktheit, die sich so faszinierend in Literatur niederschlagende Körpersprache, konzidiert die Rezensentin, würde als einziges Gütekriterium nicht reichen: aber zudem sei eine enorme erzählerische Phantasie mit stilistischem Geschick bei der Arbeit gewesen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.08.2000

Thomas Wirtz muss erst einmal ein Bataillon verschwiemelter Sätze über Sex und Literatur schreiben, um sich gründlichst vor Julia Francks Prosa in Sicherheit zu bringen. Aber dann lässt er sich durchaus anstecken von dieser Verbalerotikerin, und das Projekt, "Sex zu schreiben", stößt nach und nach auf seine Begeisterung. Wir werden also Zeugen eines verbalen Stellungskrieges, wo uns der Rezensent unter Beweis stellt, dass auch ein Kritiker verdammt viele Worte um die Variationen des "Einen" machen kann. Wir nehmen mal an, nach anfänglicher Ablehnung hat er das Buch doch ziemlich scharf gefunden.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.07.2000

Nach Andreas Nentwich liegt die Stärke des Buchs vor allem in der "Wahrheit" und Präsenz des Augenblicks. Um dies genauer zu erläutern, geht der Rezensent ausführlich auf die Erzählung "Mir nichts, dir nichts ein", in der eine junge Frau ausgerechnet bei der Freundin Trost in ihrem Liebesschmerz sucht, die sie - heimlich - mit ihrem Freund betrogen hat. Hier sieht der Rezensent "die großen Gefühle mangelnder Genauigkeit überführt". Francks Thema sei vor allem die Verblendung durch die Sinne, wobei Nentwich das Reflexionsvermögen der Autorin hervorhebt, der "keine unausgesprochene Regung entfällt". Sinnliche Wahrnehmungen spielen, wie er feststellt, eine bedeutende Rolle in Francks Erzählungen. Viel sei von Berührungen die Rede, von Geschmack und Geruch und den damit verbundenen Empfindungen wie "Lust, Abwehr, Anziehung, Empathie" und auch Ekel. Dass sich die Autorin mit ihrer Geschichte "Strandbad" in die "Prosecco-Prosa von Lifestyle-Magazinen" verirrt, schmälert den positiven Eindruck, den der Rezensent von diesem Band hat, nur wenig.
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