John Burnside

Glister

Roman
Cover: Glister
Albrecht Knaus Verlag, München 2009
ISBN 9783813503494
Gebunden, 285 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Erst verschwindet ein Junge spurlos, dann weitere. Doch niemand scheint beunruhigt. Schon lange kümmern sich die Erwachsenen nicht mehr um ihre Kinder, zu sehr sind sie mit sich und ihren Sorgen beschäftigt. Einst lebten sie in einer blühenden Stadt - doch dann siegten Egoismus und grenzenlose Gier. Nun ist alles vergiftet und ohne Hoffnung. Ist es da nicht verständlich, dass die Jungen, die noch eine Zukunft sehen, einfach abhauen? Man will diese Version glauben und geht zur Tagesordnung über. Nur der Polizist Morrison hat etwas Schreckliches gesehen - und schweigt. Denn er hat seine Seele längst verkauft. Doch die Kinder der Stadt sind ruhelos. Der 15-jährige Leonard weigert sich, seinen verschwundenen Freund Liam verloren zu geben. Er macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.01.2010

Was ist das, Glister? Christoph Bartmann nimmt an, es handle sich um eine Art Apparat wie aus Kafkas "Strafkolonie", düster glühend wie der Text insgesamt. Allerdings bleibt das sagenhafte Gerät auch so schimärenhaft wie der ganze Roman, und das lässt Bartmann am Ende der Lektüre ziemlich unbefriedigt zurück. Dabei jagt ihm John Burnside ganz schön gekonnt die Schauer über den Rücken, schafft Bilder des Unfasslichen und Grauenhaften. Bedauerlich nur, dass er auf die Handlung und die Nachvollziehbarkeit seiner Fantasien nicht so viel Sorgfalt verwendet. So erscheint dem Rezensenten das Schauerspektakel um die seelen- und körperversehrende Chemieindustrie im schottischen "Outertown" disparat und beiläufig und unglaubwürdig. Dem Leser bloß einen Schrecken einzujagen, reicht dann doch nicht.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.01.2010

Eingenommen ist Rezensentin Angela Schader von diesem nun auf Deutsch vorliegenden Roman des schottischen Lyrikers und Romanciers John Burnside. Die in der Endzeitlandschaft eines radioaktiv verseuchten Küstenstreifens angesiedelte Geschichte um eine Stadt von kranken Bürgern, die am Schweigen über ihre Schuld leiden und sich mit wohlfeilen Erklärungen über das geheimnisvolle Verschwinden von Jugendlichen abspeisen lassen, findet sie überaus spannend, möchte aber nicht zu viel von der Geschichte preisgeben. Mit großer Bewunderung spricht Schader von Burnsides Beschreibungskunst, von der atmosphärischen Dichte seiner Schilderung der tristen Landschaft eines Niemandslands. Sie verweist zudem auf eine Reihe von biblischen Referenzen im Roman, etwa auf die Qualen Hiobs, die Kreuzigung Christi. Ihr Fazit: ein beeindruckender Blick in den "Abgrund menschlicher Indifferenz".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.11.2009

Julika Griem zeigt sich von John Burnsides Roman "Glister" berührt, bestürzt und beeindruckt und sieht darin nicht zuletzt den Beweis erbracht, dass der schottische Autor auch in der langen Form des Romans mit ungewöhnlicher Perspektive auf soziale Veränderungsprozesse überzeugen kann. Sein Buch, das Erwartungen ans Genre permanent enttäuscht, erzählt von einer nach einer Umweltkatastrophe verseuchten Stadt, aus der immer wieder Jungen verschwinden. Die durch Krankheit und Hoffnungslosigkeit gezeichneten Bewohner flüchten sich in die Vorstellung, die Jungen seien in ein besseres Leben geflüchtet, der zur Aufklärung dieses rätselhaften Verschwindens gerufene Polizist forscht nur "halbherzig" nach, fasst die Rezensentin zusammen. Wenn man Griem folgt, driftet der Roman mit einem dämonischen "Mottenmann" vollends vom Krimi oder Umweltthriller ins Ominöse ab, und im weiteren Verlauf entfaltet sich Burnsides ganze Meisterschaft, dem "Abwesenden Präsenz" zu verleihen, wie die Rezensentin schwärmt. Das allerdings ist keineswegs "ästhetischer Selbstzweck", sondern stellt eindrücklich und erschütternd ein "postapokalyptisches" Szenario mit seinen prekären sozialen Folgen heraus, meint Griem, die auch die Übersetzung als sehr gelungen lobt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2009

Kaum am Ende angekommen, möchte Rezensentin Felicitas von Lovenberg das Buch gleich noch einmal lesen. Derart stark spürt sie das Evangelium dieses Autors, Verwandlung, Gnade durch den Text. Die Geschichte erscheint Lovenberg von ganz und gar einzigartiger Tiefe und auch Finsternis. Leuchtend aber sei in diesem zweiten auf Deutsch erhältlichen Buch des sehr produktiven Autors John Burnside die laut Lovenberg mit viel Gespür übersetzte Sprache. Es scheint, als trüge sie funkelnd den Leser ans Licht. "Ungeheuerlich" ist ein Wort, das die Rezensentin dafür mehr als einmal gebraucht. Auch, weil es um Gewalt geht, um Mord und Psychopathologie in einer schottischen Kleinstadt mit einem Chemiewerk und einem Giftwald als dunkle Zentren. Dass Burnside sich seinem Stoff ohne Zynismus, dafür mit um so größerer moralischer Aufmerksamkeit zuwendet, ist für Lovenberg jedoch die eigentliche Nachricht. Und dass diese "von religiösen Motiven getragene" Prosa sich als Antwort lesen lässt auf den dritten Teil von T. S. Eliots "The Waste Land". So viel Sorge um die verdammten Seelen war nie, meint die Rezensentin, die diesen Roman im Aufmacher der Buchmessenbeilage bespricht.
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