Jhumpa Lahiri

Das Tiefland

Roman
Cover: Das Tiefland
Rowohlt Verlag, Reinbek 2014
ISBN 9783498039318
Gebunden, 528 Seiten, 22,95 EUR

Klappentext

Aus dem Englischne von Gertraude Krüger. Am Rande eines mit Wasserhyazinthen überwucherten, zu Monsunzeiten unter Wasser stehenden Tieflands in einem Vorort von Kalkutta wachsen die Brüder Subhash und Udayan Mitra auf. Sie sind unzertrennlich, aber auch sehr verschieden. Beide interessieren sich für Wissenschaft und Politik. Aber Subhash, der Pflichtbewusste, entzieht sich den wirren politischen Verhältnissen der sechziger Jahre und zieht in ein ruhiges Küstenstädtchen in den USA, um sich dort der Wissenschaft zu widmen. Udayan hingegen lässt sich mit militanten Maoisten ein und riskiert alles für seinen Traum von einer gerechteren Welt, sogar sein Leben...

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.02.2015

Eine kunstvoll arrangierte "vielstimmige Sinfonie des Unglücks" nennt Irene Binal Jhumpa Lahiris Geschichte zweier ungleich sich entwickelnder Brüder im Kalkutta der 50er Jahre. Wie die Autorin in ihren Figuren die Zerrissenheit des Landes zwischen Tradition und Moderne spiegelt, in "schmuckloser" Prosa und mit scharfem Blick, hat Binal beeindruckt. Spannung bezieht der Text laut Binal aus der Erforschung der Innenwelten der Protagonisten wie auch aus der gekonnten Verknüpfung zahlreicher Erzählfäden zu einem großen Ganzen. Das im Buch thematisierte Fremdsein im eigenen Land und im eigenen Leben kann die Rezensent gut nachvollziehen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.01.2015

Wie in Jhumpa Lahiris erstem Roman geht es in "Das Tiefland" auch um die "Perspektive der Ausgewanderten", die zurück auf Indien blicken, berichtet Hans-Peter Kunisch. Die Autorin erzählt zunächst die Geschichte zweier Brüder, von denen einer erst durch eine eigenmächtige Heirat im Elternhaus in Ungnade fällt und dann als mutmaßlicher Terrorist von Spezialeinheiten erschossen wird, sodass der andere, bisher ganz der brave Sohn, sich entschließt, die schwangere Witwe seines Bruders zu heiraten und sie mit in die USA zu nehmen, fasst der Rezensent zusammen. Kunisch lobt, wie subtil Lahiri das Ringen mit den verinnerlichten Verhaltensregeln in ganz alltäglichen Situationen herausstellt, was diesem Buch zu mehr Tiefe und "explosiver Dynamik" verhilft, als es auf den ersten Blick scheinen mag, wie er verspricht.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.10.2014

Obwohl Thomas E. Schmidt von "Tiefland" und seinen Figuren nicht unberührt bleibt, fragt sich der Rezensent doch, ob Jhumpa Lahiris literarisches Arsenal nicht doch begrenzter ist, als die Lobeshymnen auf ihren 'plain style' es vermuten lassen. Die Setzungen dieses neuen Romans erscheinen Schmidt zu schematisch: zwei Brüder in Indien, von denen einer ein gutaussehender Heißsporn ist, der sich aus tiefer maoistischer Überzeugung den Naxaliten anschließt - die man sich wie eine "bengalische RAF" vorstellen könne -, und schließlich umgebracht wird, der andere ein unscheinbarer, vorsichtiger Mensch, der in die USA emigriert und Wissenschaftler wird, den Tod des Bruders nicht verkraftet und dessen Frau zweckheiratet, um sie vor dem "Witwenmartyrium im Haushalt der Schwiegereltern" zu bewahren, fasst der Rezensent zusammen. Letztlich ist diese Witwe, eine junge Philosophin, die Rettung des Romans, findet Schmidt, weil sie sich den fixen Schemata entziehe.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.10.2014

Ein wenig gekränkt ist Katharina Granzin schon, dass Jhumpa Lahiri deutschen Medien keine Interviews gibt. So muss die Rezensentin auf Interviews in amerikanischen Medien ausweichen, um in Kenntnis zu bringen, dass die Autorin ihren Frieden mit ihrer Heimat gemacht hat und sich selbst als Amerikanerin sieht, auch wenn sie als Kind nicht mit diesem Gefühl aufgewachsen ist. Dies korrespondiert auch thematisch mit Lahiris Schaffen, das sich oft mit sich in den USA fremd fühlenden Menschen befasst, weiß die Kritikerin. So auch der vorliegende, sechzig Jahre umspannende und auf zwei Kontinenten spielende Roman, in dem die Autorin selbst ihr bisheriges Schaffen kulminiert sieht und dessen verwinkelte, aus vielen Perspektiven erzählte, aber rätselhaft bleibende Personenkonstellationen Granzin ausführlich wiedergibt. Der Befund der Kritikerin könnte kaum begeisterter ausfallen: "Schlicht fantastische, große Erzählkunst" ist es, wie Lahiri dieses komplexe, enorm suggestive Gewebe verdichtet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.09.2014

Scheitern als Chance erkennt Susanne Lenz in diesem Roman der Pulitzerpreis-Trägerin Jhumpa Lahiri. Die Autorin erzählt darin die Geschichte einer indischen Familie und die des jungen Sohnes, der in die USA geht und dort nicht das viel beschworene Glück findet, sondern Fremdheit erfährt. Die Schilderung dieser Erfahrung gelingt der Autorin laut Lenz mit herzzerreißenden Bildern und auf sehr intensive Weise. Besonders hat die Rezensentin überrascht, dass sie als Leserin nie den Impuls hatte, die Figuren anzutreiben und gegen ihr Unglück zu motivieren. Für sie liegt das an der außergewöhnlichen Einfühlsamkeit der Autorin, die Lenz das Gefühl vermittelt, dass Leiden und Scheitern nicht das Ende der Existenz bedeuten.
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