James Hamilton-Paterson

Der Traum des Gerontius

Roman
Cover: Der Traum des Gerontius
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2000
ISBN 9783608935073
Gebunden, 358 Seiten, 19,43 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Wolfgang Krege. Die Melodien der Flüsse und der Meere haben ihn zu seinen schönsten Kompositionen inspiriert: Sir Edward Elgar. Nun, alt geworden, eine internationale Karriere hinter sich, vor sich eine unbekannte Strecke, das Warten auf den Tod, bucht er, um sich abzulenken, eine Kreuzfahrt nach Brasilien. Das berühmte Opernhaus in Manaus sei sehenswert, hatte man ihm gesagt, und der Amazonas beeindruckend. Der ungesellige Greis mit dem zynischen Humor des vom Leben Enttäuschten, laviert auf der Überfahrt zwischen höflicher Tischkonversation (die unerwartet Interessantes bietet: beispielsweise zwei gemütliche Matronen, die die Herren beim abendlichen Kartenspiel abzocken) und seiner Passion, dem Meer. Aus ihm scheint eine unhörbare Musik auszudünsten, die er vergebens auf Notenpapier festzuhalten versucht: das Wasser um den Bug des Schiffes, der gewaltige Strom, die Wolken und die Vegetation, die davon aufsteigen, und die Tröpfchen, die er unter seinem Mikroskop betrachtet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.11.2000

Michael Gassmann zeigt sich äußerst beeindruckt von diesem Roman - allerdings nur in der englischen Originalfassung. An der vorliegenden deutschen Übersetzung durch Wolfgang Krege lässt er kein gutes Haar. Besonders gefallen haben dem Rezensenten an der Originalfassung der "feinsinnige" Einsatz von Metaphern und die Leitmotivik durch Mendelssohns Komposition "Meeresstille und glückliche Fahrt". Diese Ouvertüre stehe nicht nur für "das dahingegangene Leben, für gescheiterte Liebe", sondern auch für die Reise - die wirkliche und "metaphorische". Auch den Tonfall des Autors hält Gassmann für äußerst gelungen, und es will ihm scheinen, als hätte der Autor Hamilton-Paterson die Melancholie von Elgars Musik in sich aufgenommen. Nichts davon sei allerdings in der Übersetzung spürbar. "Laut-geschwätzig" lautet Gassmanns vernichtendes Urteil. Der Ton sei verfehlt, es wimmele von Fehlern, grellen Ausrufungsreichen. Anspielungen seien nicht verstanden worden. Auch die Biografie Elgars ist Krege, so der Rezensent, offenbar völlig unbekannt. Die Bedeutung von "Meeresstille und glückliche Fahrt" hätte Krege überhaupt nicht verstanden, zumal er den Titel ins Deutsche rückübersetzt mit `Ruhige See und glückliche Reise` - und das, obwohl auch der deutsche Titel der Komposition im Roman mehrfach zitiert wird.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.10.2000

Andreas Nentwich ist völlig begeistert von diesem Roman, der ein Stück fiktive Biografie des Komponisten Edward Elgar beschreibt. Dessen sechswöchige Schiffsreise nach Brasilien, von der historisch nicht viel mehr als Logbucheintragungen und einige Briefe überliefert sind, hat der Autor zu einem "wunderbaren Roman" verdichtet, preist der Rezensent und auch die "modulationsreiche, rhythmisch bewegte" Übersetzung ins Deutsche findet sein uneingeschränktes Lob. Die "Leichthändigkeit" mit der der Autor das "labyrinthische Psychogramm" des sich tragisch gescheitert fühlenden Komponisten erfunden hat und die facettenreiche Spiegelung und Ergänzung seiner Persönlichkeit durch die Augen seiner Mitreisenden, beeindrucken den Rezensenten. Das "tiefsinnige und lebensvolle" Buch sei durch die "leidenschaftliche Liebe zur Kunst" des Autors entstanden, doch gebe er nicht nur "Einblicke in den schöpferischen Prozess", sondern untergrabe gleichzeitig das "psychische Entlastungsrepertoire" des traditionellen Künstlerromans.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2000

James Hamilton-Petersons Buch über den englischen Komponisten Edward Elgar ist Fiktion, obwohl er an einem realen Punkt in Elgars Biographie ansetzt: an dessen Schiffsreise nach Brasilien, über die aber, außer was ihre Eckdaten betrifft, nichts bekannt ist. Der begeisterte Rezensent Norbert Wehr bezeichnet Hamilton-Petersons Idee als "idealen Ansatzpunkt für die schöpferische Phantasie eines seelenverwandten Schriftstellers" und empfiehlt, Elgars Musik beim Lesen zu hören. Etwas von der Melancholie des alternden Musikers, der gewissermaßen aus seiner Zeit herausgefallen ist und von moderneren Künstlern längst überholt wurde, scheint sich auch in diesem Roman zu spiegeln - dabei beschönigt Hamilton-Peterson in Wehrs Darstellung ganz und gar nichts und lässt Elgar so narzisstisch und selbstmitleidig erscheinen, wie er im Alter gewesen sein soll. Mit Emphase spricht Wehr über Hamilton-Petersons Naturschilderungen und mit Zartheit skizziert er, wie der Autor Elgar von seiner verunglückten Vergnügungsreise heimkehren lässt - unerlöst.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.10.2000

Stefan Weidner hat sich bekehren lassen: zu einem Fan des britischen Nationalkomponisten Edward Elgar und zu einem Liebhaber dieses auf ihn zunächst arg konventionell wirkenden Romans, mit dem Hamilton-Peterson dem Komponisten ein Denkmal mitten im Urwald setzt. Denn der Autor schickt seinen Helden im Jahr 1923 auf Schiffsreise in den Amazonas, teilt uns Weidner mit, auf der dieser angewidert über die neue Zeit und seine schwindende künstlerische Potenz sinniert. Eigentlich passiert nichts, meint der Rezensent, aber genau diese Spannung, dass etwas passieren könnte oder müsste, macht für ihn den Reiz des Romans aus. Außerdem würde der Leser durch den abgründigen Humor, die liebevolle Schilderung der anderen Charaktere, das Komponisten-Portrait und die eingeflochtenen Reflektionen über Musik ausreichend entschädigt.
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