Herausgegeben und mit einem Nachwort von Simone Fässler. Wien ist ein zentraler Bezugspunkt von Ilse Aichingers Schreiben. In die Topografie dieser Stadt sind ihre Erinnerungen eingeschrieben, die "äußerste Geborgenheit" der Kindheit ebenso wie die "äußerste Bedrängnis" der Kriegszeit, als ihre jüdischen Verwandten deportiert wurden und sie die Stadt als 'Mischling ersten Grades' nicht verlassen durfte. Die in den fünfziger Jahren entstandenen Prosagedichte "Kurzschlüsse", die hier erstmals vollständig versammelt sind, umkreisen die verminten Stellen dieses Geländes. Sie umspielen sie drohend und verheißend, bis darin, im Hier und Jetzt des Kurzschlusses, weit entfernte Räume, Zeiten und Möglichkeiten aufscheinen. Bis Juden, die das Ghetto nicht verlassen können, vor dem geschlossenen Verladebüro ihr ersehntes Land finden und der Besatzungssoldat auf dem Kanal die Arche Noah vorbeifahren sieht.
Das Buch "Kurzschlüsse" mit 24 Prosagedichten von Ilse Aichinger, die in den 50er Jahren entstanden sind, wird von Andreas Nentwich besprochen.. Er begrüßt begeistert ihre erstmalige Veröffentlichung in dieser Form. Zwar seien die Gedichte alle bereits verstreut publiziert worden, doch habe Aichinger ihre Reihenfolge und den Titel der Sammlung selbst bestimmt. Besonders fasziniert hat ihn, dass vieles, was zunächst wie eine Metapher wirkt, sich als "punktgenaue Chiffre" tatsächlicher Begebenheiten und Orte entpuppt. Der Rezensent lobt nachdrücklich das Nachwort, welches den "topografischen, historischen und biografischen Schlüssel" bietet.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 09.10.2001
Zwei Veröffentlichungen von Ilse Aichinger bespricht Christiane Zintzen. Die Textsammlung "Film und Verhängnis" und die Sammlung von Prosagedichten "Kurzschlüsse". Diese Gedichte, die in den fünfziger Jahren einzeln erschienen sind, stellen nach Ansicht der Rezensentin eine Sammlung von "Memo-Topografien" dar, in der Aichinger bestimmte Orte der Stadt Wien, insbesondere den Dritten Bezirk, mit ihren Erinnerungen verknüpft. Diese seien in großem Maße von ihrer Vergangenheit als "Halbjüdin" im Nationalsozialismus bestimmt. In einem der Sammlung beigefügten Essay von 1954 finde sich auch ihr "poetisches Programm", das im wesentlichen darin bestehe, das Bekannte fremd zu machen, was Aichinger in gewohnt direkter Weise auch tue. Hinzuweisen ist noch darauf, dass es "Kurzschlüsse" auch als CD gibt, gelesen von der Autorin.
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