Mit einem Nachwort von Norbert Hummelt. Hermann Lenz war der große Unzeitgemäße der deutschen Nachkriegsliteratur. In den Jahren, da es für Autoren Pflicht schien, eine politisch engagierte Zeitgenossenschaft unter Beweis zu stellen, beschäftigte er sich mit Stoffen, die um die Jahrhundertwende spielten und private Verhältnisse zu thematisieren schienen. Erst als Peter Handke überraschend für Lenz eintrat, änderte sich die Sichtweise auf ihn. Plötzlich erkannte man, dass die Folge der Eugen Rapp-Romane die genaueste Chronik des deutschen Alltagslebens im 20. Jahrhundert darstellte und dass der sanfte Eigensinn der Lenzschen Figuren eine subversive Kraft besaß, die Individualität des Einzelnen gegen die Vereinnahmungsversuche der Gesellschaft zu behaupten. Das Buch, das Handke zu seiner "Einladung, Hermann Lenz zu lesen" veranlasste, war der 1972 erschienene Roman "Der Kutscher und der Wappenmaler". Es wurde zu dem Werk, das Lenz plötzlich bekannt machte.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.12.2019
Willi Winkler hält die Entdeckung dieser frühen Fassung des Romans von Hermann Lenz im Nachlass des Schriftstellers für ein Glück. Was Peter Handke 1972 begeisterte, darf Winkler nun in weniger chaotisch lektorierter Form lesen. Begeistert zeigt er sich wie schon Handke von Lenz' Sinn fürs Detail, wenn der Autor seinen Kutscher Kandel oder Kandl Selbstgespräche führen lässt. Das klingt für Winkler "trotzig gegenwartsfern", wirkt aber auch "ruhig dahinströmend". Was den Rezensenten beim Lesen auch an Schnitzlers "Leutnant Gustl" erinnert, dürfte wohl die Arbeit eines großen Schriftstellers sein, vermutet Winkler.
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