Helene Hegemann

Striker

Roman
Cover: Striker
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2025
ISBN 9783462005950
Gebunden, 192 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Helene Hegemann erzählt von Kampfsport und Obdachlosigkeit, von Reichtum und Verdrängung. Von dem Moment, in dem die Angst vor Unterdrückung zu Gewalt führt, und der Schwäche, die man zulassen muss, um diese Gewalt zu verhindern. N wohnt an einer Bahnlinie, die einen Problembezirk mit dem Villenviertel am anderen Ende der Stadt verbindet. Zwei Welten. N kennt beide. Und eine dritte in der Mitte: die Kampfsportschule, in der sie unterrichtet, sich auf Wettkämpfe vorbereitet und eine Affäre mit einer Politikerin aus dem Verteidigungsausschuss beginnt. Gegensätze prägen ihre Existenz: Arm und Reich, Ohnmacht und Muskelaufbau, größte Disziplin und maßlose Aggression gegen sich selbst. Eines Morgens entdeckt N rätselhafte Zeichen an der Brandmauer gegenüber ihrer Wohnung. Keine Buchstaben, keine Hieroglyphen, keine Bilder. Doch, dass sie etwas bedeuten, spürt sie sofort. Es treibt sie um.Und dann stehen plötzlich Koffer und Tüten vor ihrer Tür. Sie gehören einer jungen Frau, die im Treppenhaus übernachtet und behauptet, mit den Zeichen in Verbindung zu stehen. Wer ist sie? Was will sie von ihr? Und warum beschleicht N bei jeder ihrer Begegnungen das kaum zu bewältigende Gefühl, sich selbst gegenüberzustehen?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.04.2025

Dass Helene Hegemanns neuer Roman eine "Kulissendunkelheit" erzeugt, passt dem Rezensenten Tobias Rüther zufolge gut zu der Handlung rund um ziemlich intensive Gefühle. Im Mittelpunkt stehe die Kampfsportlerin N, die vom Designer bis zur Spitzenpolitikerin alle möglichen Leute zum Training empfange. Plötzlich lernt sie im Hausflur Ivy kennen, schildert Rüther, die behauptet, sie würde mit ihrem Freund Striker ins gleiche Haus ziehen, dessen Identität etwas rätselhaft ist und dessen Graffiti-Tags N. plötzlich überall in der Stadt sieht. Das löst in N heftige Gefühle aus, sie glaubt sich in Ivy wiederzuerkennen und sucht gleichzeitig Zuneigung und Autonomie, Hegemann hält dabei die "Balance kaum auszubalancierender Affekte", wie der Kritiker versichert. Er kann mit diesem Roman gut verstehen, wie Literatur zum Mittel wird, seelische Ausnahmezustände auszuhalten, resümiert er.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.04.2025

"Trocken, hart und witzig" ist auch dieses Gesellschafts- und Berlinporträt von Helene Hegemann, freut sich Rezensent Paul Jandl. Es geht um die Martial-Arts-Kämpferin N., die eines Abends die mysteriöse Ivy vor ihrer Haustür trifft, die sich in der Folge mehr und mehr in N.s Leben einschleichen wird. Wie die Autorin hier das Motiv der Doppelgängerin in "all seiner Unheimlichkeit durchspielt", findet Jandl interessant: Die verwahrloste Ivy wird zum Kontrastbild N.s, eine menschgewordene "Abstiegsdrohung". Die Martial-Arts-Kämpfe, die Hegemann mit "erstaunlicher Coolness" schildert, erkennt Jandl hier als Metapher für Beziehungen an sich: man "arbeitet sich aneinander ab", fügt sich Schaden zu, lässt im letzten Moment aber Rücksicht walten. Ein "realitätsechtes Zerrbild" schafft die Autorin außerdem von Berlin, findet Jandl, wenn sie einerseits das Elend der "Druffis" schildert, gleichzeitig Hipsterschlangen vor gentrifizierten Cafés anstehen lässt. Den Schwachen steht Hegemann freundlich gegenüber, den "Selbstperfektionierern" spöttisch - und sowieso: Der Kritiker kennt niemanden, der so gut Selbsttäuschungen entlarvt wie Hegemann.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 27.03.2025

Allzusehr auf Zeitdiagnose getrimmt ist Helene Hegemanns neuer Roman in den Augen der Rezensentin Katharina Granzin. Das Buch spielt in Berlin, und es dreht sich um N, eine Frau, die, um sich der eigenen Unsicherheit in der Großstadt zu erwehren, Kampfsport macht. Eine junge Obdachlose, die sich in Ns Flur aufzuhalten beginnt, macht der Protagonistin zu schaffen, lesen wir weiter, unter anderem spielt eine Politikern eine Rolle, mit der N eine Affäre hat, sowie ein Sprayer namens Striker, dessen Zeichen N nicht lesen kann. Ansonsten jedoch ist hier alles allzu sehr mit Bedeutung aufgeladen, findet Granzin, Hegemanns Weltentwurf erscheint ihr  zwar in sich schlüssig, aber die Art, wie hier alle Figuren auf dieselbe Weise schutzlos ihrer Umwelt ausgeliefert sind, nimmt dem Buch letztlich alle Freiheiten, kritisiert sie. Niemand kann sich der allgegenwärtigen Gefahr entziehen und das, findet die Rezensentin, macht die Lektüre zu einem letztlich wenig erfreulichen Erlebnis.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2025

Wie erzählt man vom Verhältnis einer brüchigen Identität zu sich selbst und zu einer brüchigen Welt? Zum Beispiel so, wie Helene Hegemann es in "Striker" tut, lautet die Antwort von Rezensentin Maria Wiesner. Die Protagonistin, oder sagen wir wie Wiesner "das Gespenst" dieser Geschichte, bekommt von Hegemann weder einen richtigen Namen - nur den Buchstaben N - noch eine richtige Geschichte, auch ihre Gefühle und Motivationen bleiben unklar. Da ist lediglich diese alles bestimmende Angst, lesen wir, aber auch die bleibt meist vage, schlägt sich konkret nur nieder als Furcht vor einem bevorstehenden Boxkampf und schließlich als Panik vor einer Pennerin, die aufdringlich N's Nähe sucht, so Wiesner, die die Unschärfe dieser Nicht-Protagonistin erzählerisch wohl kalkuliert findet. Doch es scheint Hoffnung für N zu geben: Gerade zu den "Pennern" fühlt N eine Nähe, die ihr sonst fremd ist, unter ihnen findet sie, findet die Rezensentin, finden wir "Reste von Wahrheitsgehalt".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.03.2025

Ein "raffiniert gebautes Spiegelkabinett" hat Kritikerin Christiane Lutz mit Helene Hegemanns neuem Roman vor sich: Hier lauert an jeder Ecke die Gefahr, dass die Protagonistin N etwas über sich selbst erfahren muss, das sie lieber nicht wissen möchte. N ist Boxerin, vor körperlicher Nähe hat sie ebenso wenig Angst wie davor, aufdringlichen Männern die Nase zu brechen, erfahren wir, emotional gestalte sich das ganze schon schwieriger. Die wohnungslose Ivy, die sich erst ständig vor, dann ständig in Ns Wohnung aufhält, wird zu einer seltsamen Doppelgängerin, schildert Lutz, Hegemann führe uns so symbolhaft vor, dass wir Menschen vor allem Angst haben, denen ähnlich zu sein, von denen wir uns abgrenzen wollen. Dass die meisten Figuren keine Namen haben, sondern mit Buchstaben oder Berufen bezeichnet werden, ist für die Rezensentin ein Zeichen, dass die Autorin diesen klugen, coolen Roman vor allem sinnbildlich verstanden haben wolle.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 14.03.2025

Rezensentin Undine Fuchs fühlt sich von Helene Hegemanns neuem Roman angetrieben, den abgehobenen, "bequemen Platz am Fenster" aufzugeben, und sich stattdessen auf Augenhöhe zu begeben mit all den Marginalisierten unserer Gesellschaften. Auch Hegemanns Protagonistin N verlässt irgendwann ihre Wohnung, nachdem einige rätselhafte Ereignisse sie herausstolpern lassen aus ihrem alltäglichen Trott durch eine urbane Welt, die der unseren sehr ähnlich ist. Unbekannte Zeichen tauchen vor ihrem Fenster auf, eine obdachlose Frau drängt sich in ihr Leben - dass diese Ereignisse bedeutsam sind, scheint offensichtlich, doch was sie genau bedeuten, bleibt zunächst unklar. So entwickelt sich laut Fuchs langsam eine "Detektivgeschichte ohne fassbaren Fall". Umso eindringlicher sei dafür die Beklemmung, die N plötzlich in ihrer Wohnung empfinde und die sie schließlich hinaus treibe, auf die Straße. Erbarmungslos, rotzig, zugleich einfühlsam und sehr präzise erzählt "Striker" von denen, die wir so oft übersehen und überhören, lobt die Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 14.03.2025

Rezensentin Meike Feßmann liest mit Helene Hegemanns "Striker" einen beunruhigend "treffsicheren Berlin-Roman", der jene "Steigerungslogik" sichtbar macht, die inzwischen sämtliche Bereiche unserer Welt und unserer Gesellschaften durchdringt. Berlin ist nur einer jener Orte, an denen sie besonders offen zutage tritt, an denen das allgegenwärtige Gefühl von Unruhe, von subtiler Bedrohung besonders stark zu spüren ist, so Feßmann - oder an denen es einer besonders starken Dissoziation bedarf, um sie nicht zu spüren ist, z.B. indem man die Stadt, wie all die "normalen" Leute, durch irgendwelche Instagram-Filter wahrnimmt. N spürt diese Bedrohung deutlich, ihr gesamter Alltag scheint von diffusen Ängsten bestimmt zu sein, sicher fühlt sie sich eigentlich nur Zuhause und in der Kampfschule, lesen wir - die zwei Orte, zwischen denen sich ihr Alltag aufspannt, bis einige unerwartete Ereignisse sie aus diesem Sicherheitsnetz hinaus werfen. Stilistisch brillant wechselt die Erzählung zwischen Nähe und Distanz zu ihrer Protagonistin N, lesen wir. So gelingt es Hegemann, ein finsteres, aber präzises Bild unserer von Ungleichheit und Angst geprägten Gesellschaft zu zeichnen, lobt die Rezensentin.