Hans Pleschinski

Bildnis eines Unsichtbaren

Roman
Cover: Bildnis eines Unsichtbaren
Carl Hanser Verlag, München 2002
ISBN 9783446202221
Gebunden, 271 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Ein Münchner Galerist und sein langjähriger Lebensgefährte erleben Jahre bewegter Liebe und künstlerischen Austauschs, Jahre der Trauer um die Sterbenden und Angst vor dem eigenen Tod. Ein farbiges Gemälde der neuen Boheme gegen Ende des 20. Jahrhunderts - ein zeitloses Buch über Glücksmomente und unbändige Lebensfreude.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.04.2003

Dieser Roman ist zwar autobiografisch, schreibt der begeisterte Rezensent Stephan Maus, denn Hans Pleschinski erzählt den wahren, "langsamen Verfall" seines an AIDS erkrankten Freundes Volker Kinnius, doch lässt er auch "eine ganze Epoche wiederauferstehen", die nämlich des kultivierten Boheme-Lebens und den Schiffbruch der Feierlichkeiten, als das AIDS-Virus um sich schlägt. Als Brennpunkt fungiere dabei das Schloss von Versailles, "opulente" Residenz des Sonnenkönigs, das dem jungen Hans zum rituellen Besuchsort und "biografischen Leitmotiv" werde. Und so sieht der Rezensent den Herzog von Saint-Simon, der in seinen Memoiren das höfische Leben aufs Brillanteste skizzierte, als "heimlichen Paten dieser Totenklage, dieser Suche nach der verlorenen Zeit". Mit "preziöser, hin und wieder leicht gespreizter Feder" und "großem Geschichtsbewusstsein" zeichne Pleschinski ein "unvergleichliches Panorama einer kultivierten Gesellschaft", in das sich aber auch Töne des "Entwicklungsromans" hineinflechten, denn das "Ziselieren" allein sei nicht Pleschinskis Sache. Die "fast schon trotzig zur Schau gestellte Authentizität" der Totenklage, ohne jegliche "Larmoyanz", macht für den Rezensenten den eigentlichen "Reiz" dieses Textes aus.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.2003

Als Dokument der bundesrepublikanischen Vergangenheit und als ein Stück Mentalitätsgeschichte liest Friedmar Apel Hans Pleschinskis "Bildnis eines Unsichtbaren", das Einblick in die Münchner Schwulenszene der achtziger und neunziger Jahre gibt, den Einbruch des Aids-Virus beschreibt und die Wandlungsfähigkeit der (homosexuellen) Liebe als Überlebensstrategie preist. Apel sieht zwei Hauptstränge der autobiografischen Erzählung: Da sei einmal die erwachende Liebe des Erzählers zu Volker, der sich als "Virtuose der ästhetischen Einfühlung" und kulturelle Leitfigur herausstelle; zum anderen gebe es da die dokumentarischen Anwandlungen des Erzählers, der den politischen Hintergrund seiner Zeit erhellen möchte. Die zusammengetragenen Materialen zur Zeitgeschichte wirken auf Apel allerdings merkwürdig heterogen und lustlos zusammengestellt. Der Rezensent hält sich lieber an die liebevolle Charakterisierung eines Milieus, das sonst selten so tiefen Einblick in seine inneren Gefilde gestatte. Hier beschreibt Pleschinski einerseits ein gelebtes Gemeinschaftsideal und formuliert andererseits "einen gefühlten Mangel gesellschaftlichen Lebens", der weit über das geschilderte Milieu hinausging, lobt Apel.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.10.2002

Der Schriftsteller Hans Pleschinski hat mit diesem autobiografischen Roman eine "offene" und "persönliche Totenklage" verfasst, in der er zugleich die Geschichte "vom Verlust der Unbekümmertheit" erzählt, berichtet Thomas Kraft. Gewidmet ist diese Schrift seinem Lebensgefährten und Münchner Galeristen Volker Kinnius, dem er 20 Jahre eng verbunden war und der im letzten Jahr an Aids gestorben ist, so der Rezensent. Besonders "verblüfft" ist Kraft über die Offenheit, mit der der Autor über diese symbiotische Beziehung in Rückblenden, inneren Monologen und fiktiven Dialogen berichte. Dabei wahrt Pleschinski "Stil, Geschichtsbewusstsein" und Eleganz, zeigt sich der Rezensent beeindruckt. Und trotz des schmerzlichen Verlustes des Freundes und vieler anderer Freunde, die ebenfalls am Virus gestorben sind, preist der Autor bis zum Ende dieses "intensiven Porträts" die Liebe, die Kunst und die Boheme, meint Kraft.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.10.2002

Obwohl dieses Buch, bei dessen Kategorisierung sich Christoph Bartmann nicht so recht zwischen Roman oder Erlebnisbericht entscheiden kann, ein paar deutliche Schwächen hat, ist der Rezensent summa summarum sehr angetan. Die Schwächen sind seiner Meinung nach vor allem stilistischer Natur: "so nachlässig, so hastig, so nah am vorgefertigten Ausdruck" ist es geschrieben, klagt er, und auf die gesetzten "Zeit-Zeichen" könne die Erzählung auch gut verzichten. Doch die erzählte Geschichte, die sowohl des Autoren Hans Pleschinskis eigene Biographie als auch die seines Freundes umfasst, ist nach Meinung des Rezensenten so interessant, dass sie die Schwächen des Buches ohne Mühe ausgleiche. Sehr authentisch und nah am Erzähler sei das Buch auf jeden Fall, findet Bartmann. Das ist umso bemerkenswerter, da es in seinen Augen gleichzeitig "eine geheime Kulturgeschichte der Bundesrepublik" erzählt und eine "schwule Sittengeschichte" dazu. Und so gelangt Bartmann zu der Einschätzung, dass es Bücher wie dieses viel zu selten gibt
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.10.2002

Der Roman ist im höchsten Maße autobiografisch zu verstehen, erklärt Jörg Lau, da der Autor darin nach dem Tod seines Lebensgefährten Bilanz ziehe. Eine Totenrede also, die beeindruckenderweise ausgesprochen lebensfroh ausfällt, so Lau. Der heitere Grundton rührt womöglich daher, vermutet er, dass Pleschinski eine über zwanzig Jahre währende Liebesbeziehung schildert, die sich trotz aller hedonistischer Anwandlungen und Versuchungen zu behaupten wusste. Für Lau gibt es mehrere Ebenen, auf denen der Roman Pleschinskis interessant erscheint: Man könne ihn ebenso gut als Liebesroman wie als Buch über die Münchner Schwulenszene lesen, er enthalte Elemente des Generations- und Gesellschaftsromans, und nicht zuletzt lasse er sich auch als Bildungsroman verstehen, da Pleschinski seinen Werdegang vom Germanistikstudenten zum Schriftsteller unter der Obhut seines Liebhabers und Mentors nachzeichne. Lau unterscheidet Pleschinski positiv als Generationsromancier vom Zeitgeistautor: Nie würde er sich über alte Überzeugungen, Freundschaften, "sein altes Selbst erheben", schreibt Lau voll Sympathie.