Irrt Kernberg? Die psychischen Grundstrukturen sind dem Menschen angeboren! Bei der Geburt des Menschen ist viel mehr an psychischer Struktur da, als bisher angenommen, noch mehr sogar, als uns die moderne Säuglingsforschung in den letzten Jahren gelehrt hat. Die Theorie von der primären Lebensorganisation geht davon aus, dass die Grundstruktur des Seelenlebens angeboren und mit derjenigen höher organisierter Tiere verwandt ist. Alle im Leben erworbenen Strukturen der Persönlichkeit beziehen sich auf diese "alte", im Laufe der Phylogenese entstandene Seele und haben ihre Wurzeln in einer primären Affektorganisation und in einem affektiven Selbst. Holderegger entwirft ein modifiziertes Menschenbild und unternimmt dabei den Versuch, das Bild vom Aufbau des seelischen Lebens neu zu zeichnen. Es wird klar, wie fließend und veränderbar, wie flüchtig und zerbrechlich unsere Vorstellungen von der eigenen Person und der Ich-Identität sind.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2002
Wer was über die Kindheit lernen will, muss Eichendorff lesen. So jedenfalls die Auffassung des Zürcher Psychoanalytikers Hans Holderegger, der seine Studie mit einer ausführlichen Interpretation von "Aus dem Leben eines Taugenichts" beginnt. Kind sein, lernt man da, heißt, noch nichts zu ahnen vom Einbruch des Symbolischen, das als Sprache und Zeitbewusstsein daherkommt. Es heißt, mit Thomas Mann, sich in einem Zustand "törichter Seligkeit" zu befinden, den man beim Erwachsenwerden vergisst, oder, genauer, als "ungedachtes Bekanntes" halb erinnert und halb vergessen hat. Es macht ganz den Eindruck, als habe der Rezensent Christian Geyer gegen diese literaturgestützte "Phänomenologie des Kindes" rein gar nichts einzuwenden.
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