"Die Eltern / traten aus dem Rahmen / und sprachen / zu ihrem Kinde: Du bist / jetzt achtzig Jahre alt und / mußt endlich erwachsen werden." Der Gedichtband des 1929 geborenen Günter Kunert ist eine Begegnung mit der eigenen Lebensgeschichte in DDR und BRD. Seine Lyrik beleuchtet die zerrissene Geschichte seines Landes, die Utopien in der Politik und die Lebenslügen. "Einstmals zogen Kolonnen / mit roten Fahnen durch / die Straßen", das sind Bilder, die viele kennen, pathetisch, dekorativ. Doch Kunert benennt die wahre Gestalt der Menschen, die "rollten die Fahnen zusammen und / trollten sich."
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 21.06.2018
Rezensent Jürgen Verdofsky vermutet, Günter Kunert spreche vor allem mit sich selbst in seinen Gedichten. Kunerts neue Texte aus den letzten zwei Jahren findet er unangestrengt elegant und leichthin kunstvoll, verfasst im "hohen Wechselton" des Skeptikers und Melancholikers. Wie Kunert indes Wirklichkeit bannt, mit Reduktion, Destruktion und Dekonstruktion, scheint ihm lesenswert. Wenn Kunert Vorgeschichten und Herkunft aufruft in diesen Texten und alle Fortschritts-Utopie fahren lässt, ist Verdofsky ganz Ohr.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.05.2018
Günter Kunert wird im Alter praktisch, erklärt Rezensent Harald Hartung. Kunerts Texte aus dem Reich der Toten (u.a. Gedichte an den Lehrer Brecht enthält der Band) legen vor ihm Details einer apokalyptischen Sicht aus, neigen zur Banalisierung des Bösen und sind insgesamt für Hartung ein Werk des Alters im Altersstil. Das heißt laut Rezensent: Den Blick zurück begleiten keine Formfragen mehr, sondern freie Rhythmen, prosanah, wenig originell und ohne Eros, so Hartung klipp und klar.
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