Gibt es wirklich eine Holocaust-Industrie?

Zur Auseinandersetzung um Norman Finkelstein
Pendo Verlag, Zürich 2001
ISBN 9783858424037
Taschenbuch, 211 Seiten, 12,73 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Ernst Piper, unter Mitarbeit von Usha Swamy. Norman Finkelstein hat mit "The Holocaust Industry" eine Studie vorgelegt, in der er den jüdischen Organisationenen in den USA vorwirft, mit dem Holocaust und damit dem Leiden unzähliger Menschen Profit zu machen. Finkelsteins Polemik hat in Deutschland ebenso wie im Ausland eine Fülle von häufig sehr kritischen Reaktionen hervorgerufen. Dieser Band versammelt wichtige Beiträge zu dieser Debatte, unter anderem von Omer Bartov, Michael Bodemann, Daniel Ganzfried, Constantin Goschler, Detlef Junker, Salomon Korn, Claudia Kühner und Julius, H. Schoeps. Darüber hinaus enthält er eine Reihe von Originalbeiträgen von Sholomo Aronson, Michael Brenner, Iring Fetscher, Verena Lenzen, Natan Sznaider und anderen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.07.2001

Zwei Sammelbände über die von dem amerikanischen Historiker Finkelstein ausgelöste Debatte zur "Holocaust-Industrie" bespricht Hans-Jürgen Döscher in einem Durchgang, weisen doch die beiden Bücher die gleiche Thematik und teilweise sogar die gleichen Autoren auf: Petra Steinberger (Hrsg.) "Die Finkelstein-Debatte" (Piper) und Ernst Piper (Hrsg.) "Gibt es wirklich eine Holocaust-Industrie" (Pendo). Dem von Ernst Piper herausgegebenen Band spricht er das bessere und kompetentere Vorwort zu, außerdem seien die einzelnen Beiträge größtenteils mit Quellen- und Literaturverweisen angereichert. Petra Steinbergers Zusammenstellung hingegen merkt man laut Doscher das Eilverfahren an. Ihre Kompilation biete immerhin eine Zusammenfassung Finkelsteins seiner eigenen Thesen. Als Kontrahenten oder Kommentatoren treten namhafte Historiker auf wie Raul Hilberg, Michael Wolffsohn, Reinhard Rürup oder Rafael Seligman, die sich meist öffentlich bereits zu Wort gemeldet haben und deren Texte hier eine zweite Würdigung erfahren. Nicht unbedingt Zustimmung, aber auch keine pure Ablehnung, sondern Relativierung bestimmen nach Döscher den Tenor der meisten Beiträge.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.05.2001

In einer Mehrfachbesprechung setzt sich Heribert Seifert mit drei Bänden auseinander, die sich mit der Debatte um Norman Finkelsteins Buch "Die Holocaust-Industrie" und seiner Behauptung, der Holocaust werde von jüdischen Organisationen politisch instrumentalisiert, beschäftigen.
1.) Rolf Surmann (Hrsg.): "Das Finkelstein-Alibi" (PapyRossa Verlag)
Haupttenor in diesem Band ist nach Seifert die These, Finkelsteins Polemik habe dazu geführt, dass die Berliner Republik nun eine Position einnehme, "die bisher der radikalen Rechten vorbehalten" war. Dies ist nach Seifert eine schwerwiegende Behauptung, und seiner Ansicht nach bemühen sich die Autoren hier "denn auch redlich, diese starke These zu beweisen". Doch insgesamt scheint dies nicht zu seiner Zufriedenheit gelungen zu sein. Einige Aufsätze leiden seiner Diagnose nach zu sehr unter der "apologetischen Rhetorik", die darauf hinausläuft, jegliche Kritik an jüdischen Organisationen "gleich mit der Antisemitismus-Keule niedermachen" zu wollen. Seifert kritisiert dabei, dass die Autoren sich mit Finkelstein nur unzureichend auseinandersetzen. Vielmehr wird er den Eindruck nicht los, dass Finkelsteins Buch lediglich als "Vehikel für den Frontalangriff auf die 'ideologisch-politische Verfasstheit in diesem Land'" dient. Die Argumentationen in diesem Buch findet er größtenteils viel zu undifferenziert.
2.) Ernst Piper (Hrsg.): "Gibt es wirklich eine Holocaust-Industrie?" (Pendo Verlag)
Auch bei diesem Band registriert Seifert "starke Gesten" und den weit gehenden Verzicht auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Finkelsteins Buch. Doch immerhin kommen nicht nur Finkelsteins Gegner hier zu Wort, so der Rezensent, sondern auch er selbst und einige seiner Verteidiger. Insgesamt findet Seifert jedoch auch diesen Band zu undifferenziert und stört sich an dem überstrapazierten und "dürftigen Argument vom 'Beifall von der falschen Seite'". Seiner Ansicht nach entsteht hier geradezu der Eindruck, als ob Finkelsteins Buch allein deshalb schon indiskutabel sei, weil es auch auf Internetseiten Rechtsradikaler angeboten wird. Kritik übt Seifert darüber hinaus am Vorwort des Bandes, in dem der Eindruck erweckt werde, der Piper-Verlag habe das Erscheinen des Buchs behindern wollen, indem er Autoren seines Buchs zum selben Thema nicht erlaubt habe, ihre Beiträge auch für diesen Sammelband zur Verfügung zu stellen. Ein Blick in beide Bücher zeige jedoch, dass davon keine Rede sein könne: Es gibt mehrere Überschneidungen, so Seifert.
3) .Petra Steinberger (Hrsg.): "Die Finkelstein-Debatte" (Piper Verlag)
Dass es auch differenzierter geht, beweist nach Seifert dieser Band, der versucht, den Streit um das Finkelstein-Buch wiederzugeben. Zwar gefallen dem Rezensenten auch hier nicht alle der Beiträge (so findet er Leon de Winters Text "unangenehm psychologisierend" und Jakob Augsteins Beitrag erscheint ihm wie ein "peinliches Betroffenheitsstück"). Doch insgesamt wird seiner Ansicht nach deutlich, worum es bei Finkelsteins Provokation in Wirklichkeit gehen könnte: nämlich weniger um die Frage von möglicherweise zu Unrecht verschafften Geldern der JCC, sondern um die Art und Weise, in der "künftig der Mord an den europäischen Juden erinnert werden soll". Seifert begrüßt es sehr, dass durch Bücher wie dieses destruktive "Denk- und Publikationsblockaden" sowie die "Rhetorik des Verdachts" nicht fortgeführt werden, da diese - wie er findet - im Allgemeinen keine Lösungswege eröffnen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.02.2001

In einer sehr umfangreichen und informativen Rezension bespricht der Historiker Reinhard Rürup zwei nun auch auf deutsch erschienene Bücher (die "unterschiedlicher kaum sein könnten") amerikanischer Autoren zum Umgang mit dem Holocaust sowie einen Band zu der Debatte um die "Holocaust-Industrie".
1.) Peter Novick: "Nach dem Holocaust" (DVA)
Obwohl der Autor sich nach Rürup keineswegs scheut, ganz eigene - und durchaus diskussionswürdige - Thesen zu vertreten, so stehe stets die nüchterne Analyse im Vordergrund. Polemik ist, wie der Rezensent feststellt, nicht Novicks Sache. Vielmehr gehe es dem Autor darum, die Erinnerung an den Holocaust "im Kontext gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen" zu beleuchten, indem er etwa aufzeige, wie lange auch in den USA der Mord an den europäischen Juden in der Öffentlichkeit tabuisiert wurde, und wie es dazu kam, dass sich dies ab den sechziger Jahren nach und nach änderte. Rürup wird nicht müde, die Qualitäten des Autors und seines Buchs zu betonen: So zeigt er sich sehr angetan von der "ungewöhnlich breiten Quellenkenntnis", der Klarheit und Nachvollziehbarkeit der Thesen, dem wissenschaftlichen Fundament, aber auch von dem Mut zu streitbaren Thesen. So wende sich Novick beispielsweise gegen die `Einzigartigkeit` des Holocaust und lehne eine jüdische Identität, die auf der "Holocaust-Erinnerung" basiert, ab. Ein Buch, an dem sich andere Autoren in der Zukunft werden messen lassen müssen, resümiert Rürup, der sich einen vergleichbaren Band zum Umgang mit dem Holocaust in Deutschland wünschen würde.
2.) Norman G. Finkelstein: "Die Holocaust-Industrie" (Piper)
Rürup räumt zwar ein, dass sich bisweilen in den "grotesken Übertreibungen des Autors ein Körnchen Wahrheit finden lasse". Doch insgesamt mag sich der Rezensent mit diesem Buch nicht übermäßig lange aufhalten. Es lohnt nicht, findet er. Er vermisst seriöse Forschungen des Autors, von denen er seine Thesen plausibel hätte ableiten können. Und auch wenn Finkelstein vielleicht damit Recht hat, dass es in den USA etwas gibt, das man möglicherweise als "Holocaust-Industrie" bezeichnen kann, so vermisst der Rezensent hier die nötige Ernsthaftigkeit, um das Thema angemessen zu diskutieren. Ihn stört Finkelsteins Polemik, der "durchgehend anklägerische Ton" und die fehlende Differenzierung in der Darstellung, womit sich Rürup, wie er selbst sagt, zahlreichen amerikanischen Kritikern anschließt. Darüber hinaus weist der Rezensent darauf hin, dass bei der deutschen Ausgabe dieses Buchs auf eine Abmilderung von Finkelsteins Zuspitzungen verzichtet wurde. Neu seien allerdings einige beigefügte Texte, etwa ein Nachtrag, in dem der Autor jedoch auf Kritik nicht eingeht, wie Rürup bedauert. Im Gespräch zwischen Thomas Spang und Finkelstein zeige sich Spang leider als "bloßer Stichwortgeber".
3.) "Gibt es wirklich eine Holocaust-Industrie?" (Pendo)
Rürup erläutert, dass die Debatte um Finkelsteins Buch, die in den USA bereits im Sommer und Herbst 2000 stattgefunden hat, in diesem Band "sehr gut zusammengefasst" wurde. Die meisten der Rezensionen, Originalbeiträge und Interviews scheint der Rezensent mit Gewinn gelesen zu haben, etwa Michael Brenners Beitrag, der von einer Debatte über Finkelstein jedoch letztlich abrät: Wissenschaftler und Journalisten `sollten sich keinen Dialog über absurde Thesen aufzwingen lassen`, zitiert der Rezensent. "Überzogen" findet Rürup jedoch die Ansicht Arne Behrensens, der im `Subtext in Artikeln der nicht-rechtsradikalen Presse` Verwandtschaft mit Tönen in der `National-Zeitung` diagnostiziert - auch wenn der Rezensent den Überblick, den Behrensen zur Debatte zur `Holocaust-Industrie` insgesamt als durchaus "informativ" bewertet.
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