Gerhard Roth

Das Labyrinth

Roman
Cover: Das Labyrinth
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005
ISBN 9783100660596
Gebunden, 460 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Die Wiener Hofburg, die riesige Residenz der Habsburger, brennt - und der Psychiater Heinrich Pollanzy hat einen Verdacht: Könnte sein pyromanischer Patient Philipp Stourzh der Täter sein? Während Stourzh auf den Spuren des letzten österreichischen Kaisers Karl nach Madeira und Madrid reist, führt auch Dr. Pollanzys Weg von Wien nach Spanien. Dort kommt es zu einer dramatischen Begegnung mit seinem Patienten. Oder war alles ganz anders? Welche Rolle spielt die Logopädin Astrid, die mit Pollanzy wie mit Stourzh ein Verhältnis zu unterhalten scheint? Welchem Erzähler ist in diesem Buch überhaupt noch zu trauen?

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.10.2005

Durchaus beeindruckt zeigt sich Rezensentin Bettina Ehrhardt von Gerhard Roths neuem Roman, auch wenn er ihr etwas überladen scheint. Die Romanhandlung erweist sich als äußerst komplex.. Es geht um einen pyromanischen Studenten, der sich seinen Psychiater imaginiert, wobei sich herausstellt, dass der Student Erfindung eines schizophrenen, stummen Malers ist, über den die Romanfigur des Schriftstellers auf eine Biografie schreibt. Entsprechend beschreibt Ehrhardt den Roman als ein "Verwirrspiel mit blinden Ausgängen". In Roth sieht sie einen "Sammlertypen", einen "Erotomanen der Gelehrsamkeit", der seine Leidenschaft für Archive, Museen und Bibliotheken auf seine Figuren überträgt, um sie mit dem Leser zu teilen. Den Leser schicke Roth durch ein Spiegelkabinett verschiedener Ansichten, Stimmen und Obsessionen, verschränke Bild- und Landschaftsbeschreibungen und spiele mit den Genres der Reise- und Krimiliteratur und selbstreferenziellen Zitaten. Für Ehrhardts Geschmack tut der Autor in dieser Hinsicht bisweilen zu viel des Guten. Sie findet, dass die essayistischen Einschübe in ihrer Häufung dazu neigen, sich zu verselbständigen. Auch komme der Rhythmus der Perspektivwechsel aus dem Tritt und die musikalisch-dynamischen Verhältnisse innerhalb des Textgewebes verzerrten sich. Nichtsdestoweniger kann sie sich dem Roman nicht entziehen, entwickle er doch "eine Art Sog. Nach überstandener Lektüre wolle man jedenfalls wissen, "wie es weiter geht mit den Romanzyklen des Gerhard Roth."
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.04.2005

Eberhard Falcke mag im Falle von Gerhard Roth nicht entscheiden, ob, wie er so gewandt formuliert, "die innere Leuchtkraft des Erzählens ausreicht, den lastenden Schatten der umfänglichen Projekte Paroli zu bieten". Im Falle des vorliegenden Buches ist er geneigt zu verneinen, wenn auch nicht ganz eindeutig. Es geht um um Sinn und Wirklichkeit, um Schreiben als ewigen Prozess, als "Daseinserforschung, Orientierungssuche und Wahrnehmungsexperiment" - letzteres ein Grundmotiv des Rothschen Werkes. Was diesmal dabei herauskommt, ist in der Tat ein Labyrinth, stöhnt Falcke. Sechs Bücher im Buch, versehen mit Nachworten und, metafiktional betrachtet, "gleitenden Identitäten". Es geht dabei, so der erschöpfte Rezensent, nicht um ein bloßes Spiel, sondern um Vernunftkritik, um den Wahnsinn als Zugangsmodus zur Wirklichkeit. Und wie findet man den Wahnsinn? Was man aber am Ende in den Händen halte, ist eine "Anhäufung von Erzählstoff, Reflexionen und Reiseschilderungen", und das findet Falcke nicht genug, zumal die Figuren manchmal recht bieder durch die Welt spazieren. Und dennoch: "Wem dieser Roman nicht schlichtweg zu viel bietet, dem hat er durchaus viel zu bieten."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.03.2005

Der Titel "Das Labyrinth" sagt schon alles: Hans-Jürgen Heinrichs vergleicht den neuen Roman von Gerhard Roth in seiner Machart mit den Büchern von Jorge Luis Borges oder Fernando Pessoa. Letzerer geistert im übrigen auch durch Roths Roman "Labyrinth", einem Musterexemplar der labyrinthischen Gattung, wenn es denn eine solche gibt. Heinrichs ist jedenfalls sehr fasziniert vom komplexen Aufbau des Romans, der sich in wiederum sechs Bücher oder Großkapitel teilt. Über allem schwebe die Frage: Wer hat das gerade Geschriebene geschrieben? Wer schreibt in wessen Namen? Denn jede Figur, so Heinrichs, hat ihre Gegen- und Unterfiguren, ein Verwirrspiel, das dennoch nie irreal wirke, sondern auf bestimmte Weise viel realer, findet der Rezensent, als die Charaktere in sogenannt realistischen Romanen. Dazu passt Roths ganz am Äußeren orientierter Erzählstil, der scheinbar keine Introspektion betreibt, da ja alles Innenperspektive, Projektion, Abspaltung usw ist. Eine individuelle Psychologie besitzt der Roman denn auch nicht, so Heinrichs, der diese allerdings auch nicht vermisst, sondern auf die Hauptfigur verweist: ein Psychiater, der mit seinem pyromanen Patienten ein "Nahverhältnis" eingeht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.02.2005

Karl-Markus Gauß lässt zunächst keinen Zweifel daran, dass es sich bei dem siebenteiligen Romanzyklus von Gerhard Roth, von dem "Das Labyrinth" den fünften Teil darstellt, zumindest um einen "gewaltigen Wurf" handelt und der Autor hier unerschrocken aufs Ganze geht. In "Das Labyrinth" wird der Leser "in die Irre gelockt" und vom Autor kalkuliert in Verwirrung gestürzt, stellt der Rezensent fest, der nun versucht, das Romangeschehen in wenigen Worten zusammenzufassen. Das Buch hat fünf Hauptfiguren, einen Psychiater, einen verstummten Maler, einen pyromanischen Krankenpfleger, eine Logopädin und einen Schriftsteller, und sie alle haben die wahnhafte "Neigung", zwischen allem und jedem Beziehungen herzustellen, erklärt Gauß. Überhaupt sei in diesem Buch zwischen "Wahn und Wirklichkeit" nicht sicher zu unterscheiden und es gehe darum, den inneren Zusammenhang und die "Identität" der beiden darzustellen. Hier kommt der Rezensent auch schon zu den Einwänden, die er gegen den Roman erhebt. Ihm sind die Reflexionen zu Wahn und Realität und zum "Zusammenhang zwischen Kunst und Wahn" nämlich zu abstrakt und er hat mehr und mehr den Verdacht, Roth gehe es bei seinem Buch vor allem darum, seine "furchtgebietende Gelehrsamkeit" unter die Leute zu bringen. Zudem erschließt sich Gauß nicht der Sinn der wechselnden Erzählerstimmen - in jedem Kapitel kommt ein anderer Ich-Erzähler zu Wort - zumal sie sich in ihrem "gelehrsamen" Erzählstil zum Verwechseln ähnlich sind.