Wie viel Vögel
Erzählungen

Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN
9783895613401
gebunden, 230 Seiten, 18,90
EUR
Klappentext
Da stürzen in New York die Türme ein, und in einem Ferienbauernhof irgendwo in der Mitte Deutschlands verwandelt sich durch diese Weltkatastrophe eine empfindliche und gefährdete Liebesgeschichte urplötzlich in eine dumme Episode. Ganz leise geschieht das. Und fast nie werden sie laut, die Figuren in Franziska Gerstenbergs Erzählungen. Es scheint sogar, als machten sie am liebsten einen großen Bogen um die Orte, an denen es in ihrem Leben vielleicht spektakulär oder tragisch zugehen könnte. Und doch vibriert es allenthalben, die Figuren zittern vor Unsicherheit. Sie ahnen, dass sie, obwohl noch ganz jung, schon lauter ungelebtes Leben vor sich her schieben. Bald muss etwas geschehen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 29.06.2004
"Solide und ziemlich begabte Handwerksstücke" hat Christoph Bartmann in diesem Debütband von Franziska Gerstenberg entdeckt. Die Geschichten erzählen alle, wie Bartmann zusammenfasst, von "eigenartigen, aber weithin normalen Existenzen", jungen Menschen, die auf irgendetwas warten, nicht reich, nicht arm, "auf undramatische Weise an den Rand gedrängt. Auffallend findet Bartmann Gerstenbergs allenthalben zu spürendes "Sensorium für Dämmerzustände und Unbestimmtheitsmomente". Ein wenig genervt ist er allerdings von dem neuen "lakonischen Realismus", der den Debütanten aus der Leipziger Schule so oft zugute gehalten wird, und sehnt sich nach all den "leise, still und eindringlich" geschriebenen Geschichten, nach etwas Lautem, Oberflächlichem.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2004
Junggenies wie Büchner oder Trakl sind zur Zeit nicht in Sicht, schreibt Hubert Spiegel, aber dieser Debütband der 25-jährigen Leipziger Autorin Franziska Gerstenberg hat es ihm doch so angetan, dass er ihm den Aufmacher der Frühjahrsbeilage widmet. Hier könne man mitverfolgen, wie eine junge Autorin verschiedene Perspektiven ausprobiere. Sie "tastet sich vorsichtig voran, zart beinahe und doch zielgerichtet", lobt Spiegel. Gerstenberg hat ihm gezeigt, dass bestimmte Perspektiven auf unsere Gesellschaft nur von jungen Autoren eingenommen werden können. Für ihre Generation sei das wiedervereinigte Deutschland bereits der Normalfall, lesen wir. Die Erzählungen selbst, von deren intensiver Atmosphäre Spiegel einiges vermitteln kann, sieht er an Orten angesiedelt, die weder Ost- noch Westdeutschland zugeordnet werden können. Der Himmel über diesem ungeteilten Land ist grau, schreibt Spiegel, doch dies ist eine Farbe, die "in vielen Facetten schillern" kann, lernt der von Gerstenberg.
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Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 25.02.2004
Ein "exzellentes Debüt", schwärmt Franz Haas von diesem Erzählband der erst 25-jährigen Franziska Gerstenberg. Zunächst ist er vor allem erleichtert, dass sie keine ostalgische Aufarbeitung ihrer DDR-Kindheit leisten will, doch nach der Lektüre einiger Geschichten ist er darüber hinaus sehr eingenommen von ihrer Erzählweise: Gerstenberg hat "die menschlichen Antennen und das sprachliche Zeug, um die Alltagsmisere literarisch in beeindruckende Bilder zu fassen, die kurz vor dem Abgrund zu stehen kommen". Dabei entstehen "Momentaufnahmen aus dem neuesten Deutschland", die nichts mit dem Prenzlauer Berg zu tun haben. Vielmehr platziere die Autorin ihre Protagonisten in "dürftigen Lebenszonen", die überall liegen könnten: "denn in ihren sozialen Breiten ist die deutsche Wiedervereinigung perfekt gelungen, in der brüderlichen Verteilung der Lebensnöte". Selbst wenn Gerstenberg ihr gewohntes Terrain verlässt und von Urlaubsorten erzählt, beweist sie ein sicheres Händchen, das sich in "leuchtenden Bilder und funkelnden Wendungen" manifestiert, so unser begeisterter Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 21.02.2004
Jan Brandt hat nichts auszusetzen an diesem ersten Erzählband von Franziska Gerstenberg - im Gegenteil: Die Autorin erzähle im weitesten Sinne von jungen Menschen, die aus dem bürgerlichen Alltag fliehen, mit allem Bisherigen brechen, ohne sich jedoch Alternativen vorstellen zu können. Auf subtile Art fängt Gerstenberg diese Zustände ein, lobt Brandt, manchmal hätte er die jungen Leute aber auch gern mal kräftig geschütteln, um ihnen wenigstens ein konkretes Wort zu entlocken. Gerstenberg provoziere mit ihrer sachlichen, präzisen Art des Erzählens ein "Unbehagen", dass den Leser noch lange nach der Lektüre begleite.